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16. Januar 2012

«Das Interesse bei den Schülern ist gross»

Der Religionsunterricht in der Schweiz öffnet sich. So ist im Kanton Zürich seit dem neuen Schuljahr das Fach «Religion und Kultur» obligatorisch. Professor Jürgen Oelkers erklärt, was ein solches Schulfach bei Schülerinnen und Schülern bewegen kann.

Religionsunterricht
Auch Themen wie die Kreuzzüge oder der Israel-Palästina-Konflikt sollen im Unterricht vorkommen. (Bild: (Keystone/Urs Flueeler)
Jürgen Oelkers (64)
Jürgen Oelkers (64) ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Uni Zürich. Als Bildungsrat war er an der Ausarbeitung des neuen Schulfachs massgeblich beteiligt. (Bild: zVg.)

Jürgen Oelkers, warum kommt man vom konfessionellen Religionsunterricht weg?

Seit Langem besuchen nicht mehr nur christliche Schülerinnen und Schüler die Schweizer Volksschule. Man musste reagieren. Damit das Thema Religion aber nicht aus den Schulen verschwindet, versuchte man, einen Religionsunterricht aufzubauen, der konfessionsneutral ist, aber Religion und Kultur thematisiert.

Das Fach soll konfessionell neutral sein. Was bedeutet das konkret?

Die Lehrkräfte versuchen, den Lehrstoff möglichst lebendig zu vermitteln, ohne dass sie die Kinder indoktrinieren. Die Kinder erfahren von den Lebensformen, über die Grundwerte bis zu den grossen Erzählungen sehr vieles über die fünf Weltreligionen.

Kann der Unterricht überhaupt neutral sein, wenn Pfarrer unterrichten, wie das im Kanton Zürich teilweise der Fall ist?

Ich meine, dass das geht. Es ist ein langer Prozess, bis ein neues Schulfach eingeführt ist. Sämtliche Lehrpersonen mussten eine entsprechende Weiterbildung absolvieren. Christliche Pfarrer haben in aller Regel grosse Kenntnisse anderer Religionen, und es kommt auch sonst nicht mehr vor, dass sie missionieren. Ob sie die Kinder indoktrinieren, wird die Schulaufsicht beurteilen.

Das Fach «Religion und Kultur» soll Schülern mehr Toleranz und Respekt gegenüber fremden Religionen und Kulturen lehren.

Das ist das Ziel. Es gibt aus Norwegen einige Erhebungen, deren Ergebnisse sehr positiv sind. Einerseits ist das Interesse bei den Schülern sehr gross, andererseits hat der Unterricht offensichtlich auch den Effekt, dass die Schüler weniger über andere Religionen herziehen. Ein breites Allgemeinwissen führt also letztlich zu mehr Toleranz gegenüber fremden Kulturen und Religionen.

Sind die Kantone verpflichtet, Religion in den Lehrplan zu integrieren?

Das machen die Kantone unterschiedlich. Es gibt den Lehrplan 21, der derzeit auf Bundesebene für die Deutschschweiz entwickelt wird. Dieser sieht vor, dass Kultur und Religionen unterrichtet werden müssen. In welcher Form das passieren wird, wird jeder Kanton aber allein entscheiden dürfen, so wie das bis anhin der Fall war.

Leserfragen

Jürgen Oelkers beantwortet Fragen unserer Leserinnen und Leser:

Ist im Lehrplan vorgesehen, nicht nur Vorteile, sondern auch Nachteile der jeweiligen Religionen zu vermittlen?

Daniel Aellig, 3550 Langnau

Wäre es nicht angebracht, auch aufzuzeigen, woher Menschen ohne Religion ihre Werte beziehen und welche das sind?

Franziska Illi, 8003 Zürich