Archiv
14. November 2016

Das heute liegt so weit zurück

Das Buch «Du liebe Zeit» des Fotografen Christian Schwarz zeigt, wie die Zeit vergeht. Der Zürcher hat während acht Jahren reifere Menschen fotografiert, die ein Bild von sich in jungen Jahren präsentieren.

Volker E.Hagendorf
Volker E.Hagendorf (Vordemwald): «Anbei ein Jugendbild von mir, 1972 in Durban (Südafrika) aufgenommen, wo ich mit meiner Frau lebte, bevor wir mit einem VW-Bus in knapp einem Jahr wieder zurück in die Schweiz fuhren. Ich bin selbst Fotograf und betreue das Foto-und Film-Archiv einer Stiftung.»
ZEIGEN SIE UNS IHR JUGENDBILD!
Haben auch Sie ein aussagekräftiges Porträt von sich aus früheren Tagen, und können sagen, wie es entstanden ist? Senden Sie uns das Bild an onlineredaktion@migrosmedien.ch . 
Oben veröffentlichen wir Einsendungen innert Kürze.


Eric Winistörfer (59) aus Zürich ist Wirt.
Eric Winistörfer (59) aus Zürich ist Wirt.

ERIC WINISTÖRFER:
«Ich bereue nichts»

«Das Bild zeigt mich, kurz bevor ich die Lehre im Service im Grand Hotel Dolder begonnen habe. Es war eine völlig unbeschwerte Zeit, ich bin mit meinem Töffli durch die Gegend gebraust, ohne mir grosse Gedanken zu machen. Seit 38 Jahren arbeite ich als Wirt in der ‹Bodega Española› im Zürcher Niederdorf, unserem Familienbetrieb. Meine Frau und ich werden zusammen mit unseren Stammgästen älter, manche kennen wir schon ein Leben lang. Wir haben viele gemeinsame Erinnerungen, das verbindet. Ich arbeite noch immer sehr gerne in meinem Beruf, wahrscheinlich auch, weil ich als Bub nicht mitanpacken musste. Rückblickend würde ich alles nochmals genau gleich machen. Man sollte immer das tun, was man für richtig hält, dann braucht man später auch nichts zu bereuen. Das Leben ist hektischer geworden, die Zeit vergeht schneller als früher. Manchmal hätte ich gerne eine Bremse.»

Mia Brunner Schwer (81) aus Küsnacht ZH war Vermögensverwalterin, Flugzeug- und Helikopterpilotin
Mia Brunner Schwer (81) aus Küsnacht ZH war Vermögensverwalterin, Flugzeug- und Helikopterpilotin, Stiftungsrätin und ist immer noch Tierschützerin.

MIA BRUNNER SCHWER:
«Ich war nie so richtig im Jetzt»

«Das Bild zeigt mich als Gymnasiastin an einem Abschlussball, das war eine sehr unbeschwerte Zeit. In meiner ersten Lebenshälfte war ich sehr ungeduldig, ich hab immer geplant, was ich als Nächstes tun will, und war nie richtig im Jetzt. Erst arbeitete ich als Lehrerin, studierte dann Wirtschaft und wurde Vermögensberaterin. Als erste Frau der Schweiz absolvierte ich das Blindflugbrevet, und ich führte ein sehr komfortables Leben. Als meine Eltern ins Altersheim mussten, wurde mir bewusst, wie definitiv und einschneidend dieser Schritt war, und ich wollte mich für Menschen in ihrer Situation engagieren. Das tat ich die nächsten Jahre als Stiftungspräsidentin des Alterszentrums Meilen. Ich sah ein, wie der Luxus ins Leere führt, und lernte, mein Leben sinnvoll zu nutzen. Heute mache ich mir Gedanken darüber, was ich noch tun will. Und ich geniesse jeden Tag.»

Verena Weber (61) aus Zürich ist Buchhändlerin.
Verena Weber (61) aus Zürich ist Buchhändlerin.

VERENA WEBER:
«Ich bin zufrieden mit dem Leben»

«Das Bild zeigt mich in der Blüte der Hippiezeit. Mit 17 freute ich mich unbändig aufs Erwachsenwerden, hatte aber auch Angst vor der Verantwortung. Ich lebte in Flawil SG und konnte es kaum erwarten, die Provinz zu verlassen und meine Lehrstelle in St. Gallen anzutreten. Buchhändlerin war immer schon mein Traumberuf gewesen und ist es bis heute geblieben. Ich bin eigentlich pensioniert, arbeite aber noch ab und zu bei meinem früheren Arbeitgeber als Aushilfe. Rückblickend hätte ich etwas ehrgeiziger sein können – so hätte ich beispielsweise gern Literatur studiert. Mit meinem Leben bin ich sehr zufrieden. Leider geht es wahnsinnig schnell vorbei, im Alter jagt die Zeit nur so davon. Damit habe ich Mühe. Dass auch viele Schriftsteller gegen das Vergessen und Vergehen anschreiben, ist mir heute viel bewusster.»

Fredi Benz (65) aus Zürich war Sozialarbeiter.
Fredi Benz (65) aus Zürich war Sozialarbeiter.

FREDI BENZ:
«Ich habe mich wenig verändert»

«Schaue ich mir das Bild von 1972 an, fühlt es sich an, als wäre das vorgestern gewesen. Mir wurde kurz zuvor der Gips am Bein abgenommen, deshalb die steife Haltung. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an damals. Meine spätere Frau und ich waren eben von Zürich aufs Land gezogen, in die Nähe von Weinfelden TG. Es war der Zeitgeist: Man wollte den Job an den Nagel hängen und sich im besten Fall selbst versorgen. Das ist uns nur ansatzweise gelungen. Ich habe Hochbauzeichner gelernt, arbeitete dann aber als Dekorateur und wurde später Sozialarbeiter. Der Schock des Alters traf mich, als unsere Tochter 40 wurde. Vorher war die Zeit unmerklich verstrichen. Äusserlich habe ich mich wenig verändert, da ich keine Glatze gekriegt habe, musste ich meine Frisur nicht anpassen. Vor zwei Jahren bin ich pensioniert worden – ich komme immer noch an in der neuen Lebensphase. Es gibt Momente, in denen ich sehr viel Zeit habe. Meistens geniesse ich das.»

Peter Preissle (60) aus Zürich ist Buchhalter und Veranstalter
Peter Preissle (60) aus Zürich ist Buchhalter und Veranstalter.

PETER PREISSLE:
«Ich war immer unterwegs»

«Wir waren Punks, das Bild ist Anfang der 1980er-Jahre in einem Fotoautomaten geschossen worden. Damals wohnten wir alle in kleinen Zimmern, hatten aber 30 Stuben: die Bars im Zürcher Niederdorf. Wir waren immer unterwegs. Den Kontakten, die ich so pflegte, verdanke ich es wohl, dass ich heute ein eigenes Haus und Gärtli habe, denn gestartet bin ich mit nichts. Ich habe Buchhalter gelernt und bin heute Veranstalter. Die Zeit bleibt stehen, bis man heiratet. Dann hat man Kinder und erlebt jede ihrer Phasen ganz bewusst: Den Kindergarten, die Schule, die Stifti. Meine Kinder sind jetzt 19, 22 und 24, und ich bin gespannt, wie sich das Zeitgefühl ändert, wenn sie alle ausgezogen sind. Wirds lustig im Alter? Da bin ich mir nicht so sicher. Ich nehme es, wie es kommt. 100 werden will ich nicht. Aber einige gute Jahre mit meiner Frau, den Kindern und den zwei Hunden hätte ich schon noch gern. Ich bin überzeugt: Bier trinken hält jung. »

Helen Faigle (75) aus Zürich war und bleibt Marktfrau.
Helen Faigle (75) aus Zürich war und bleibt Marktfrau.

HELEN FAIGLE:
«Ich habe mein Ding gemacht»

«Auf dem alten Bild bin ich Anfang 20, herausgeputzt, um an der Züspa Degustationen durchzuführen. Das hat mir grossen Spass gemacht. Auf dem aktuellen Bild sehe ich dagegen etwas nachdenklich aus. Ich hatte eben nach 33 Jahren und 3 Tagen meinen Lebensmittelladen in der Zürcher Altstadt in gute Hände weitergegeben. Dabei war ich immer jemand, der Freude hatte am Leben. Ich wurde zwar streng erzogen und eng gehalten, aber ich habe mein Ding gemacht. Mit 14 bin ich mit einer Freundin statt ins Religionslager per Autostopp nach Monaco und Paris gereist. Wir sind nie aufgeflogen. Mit 17, noch während der Lehre zur Verkäuferin, wurde ich Mutter. Auch wenn ich deshalb schlecht behandelt wurde und mich durchkämpfen musste, habe ich es nie bereut. Über meine Heirat hätte ich rückblickend etwas länger nachdenken können. Wie dem auch sei: Ich werde gern älter. Ich kleide mich noch immer saisonal, und ich fühle mich gut.»

Christian Depuoz (75) aus Zürich war Polizeirichter
Christian Depuoz (75) aus Zürich war Polizeirichter.

CHRISTIAN DEPUOZ:
«Ich würde alles gleich machen»

«Als ich für das Buchprojekt angefragt worden war, wollte ich zuerst antworten: ‹Schöne Idee, aber ich habe keine Zeit.› Mit zunehmendem Alter vergeht die Zeit schneller. Schaue ich zurück, denke ich: Ich würde alles nochmals gleich machen. Auf dem Foto von früher habe ich eben die Matura gemacht und sehe aus wie ein Verbrecher. Meine berufliche Laufbahn habe ich mir damals anders vorgestellt. Ich sah mich als Arzt, brach aber das Medizinstudium nach vier Semestern ab und wurde Jurist. In der Freizeit habe ich mein Leben lang Spielsachen gesammelt. Nicht, weil ich einer bin, der nostalgisch zurückschaut. Ich bin ein Sammler, und Spielzeug stellt das Leben im Kleinen dar, das fasziniert mich. Heute mache ich am liebsten grosse Reisen mit meiner Frau und schreibe dann über das Land und seine Geschichte. So hole ich auch vieles nach, was ich in der Schule verpasst habe.»

Autor: Monica Müller

Fotograf: Christian Schwarz