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01. Dezember 2016

Das Haus der vier Religionen

Die Welt könnte sich ein Beispiel an der Hausgemeinschaft der Domänenstrasse in St. Gallen nehmen. Fast wie eine Familie leben hier Angehörige verschiedener Religionen friedlich unter einem Dach und sind einander gute Nachbarn.

Fünf der acht Parteien auf einem Sofa
Muslime, Hindus, Christen und ein Buddhist auf einem Sofa vereint: Das Foto ist gestellt, die Gemeinschaft aber nicht. Anschliessend wird der Geburtstag von Regula (3. v. l.) gefeiert.
Vermieter Hermann (77) und Regula Gmünder
Die Vermieter Hermann (77) und Regula Gmünder. (Illustration: Jorma Müller)

Auf der Polstergruppe im Wohnzimmer der Familie Jeyakumar geht es drunter und drüber. Der Geräuschteppich aus tamilischem Singsang, kehligem Arabisch, gebrochenem Deutsch und St. Galler Mundart schwillt an. Musab (11), krauses Haar und dunkler Teint, plaudert mit Regula (71). Rakshana (4), Rüschenkleid und Punkt auf der Stirn, turnt von Schoss zu Schoss. Und Muayed (6) und Sathanan (10) haben es sich auf der Lehne hinter Tashi (40) und Marianne (79) gemütlich gemacht.
Wären da nicht die unterschiedlichen Hautfarben und Gesichtszüge der Anwesenden, könnte man denken, es handle sich um eine grosse Familie.

Im Zimmer befinden sich insgesamt fünf Parteien, die normalerweise über fünf Etagen verteilt sind. Der Jahrhundertwendebau in St. Gallen ist ein spezielles Haus. Seine Bewohner sprechen vier verschiedene Sprachen, gehören vier verschiedenen Kulturen an und praktizieren vier verschiedene Religionen – und das alles ganz friedlich unter einem Dach.

Hauptverantwortlich für diese aussergewöhnliche Hausgemeinschaft sind die römisch-katholischen Vermieter Hermann (77) und Regula Gmünder, die im 3. Stock wohnen. Mitgetragen wird die Philosophie von Mitbesitzerin Marianne Albrecht (79), die in Wil SG lebt. Marianne und Regula sind Schwestern. Sie haben von ihren Eltern nicht nur die Immobilie, sondern auch deren soziale Einstellung geerbt.

«Unsere Eltern haben das Haus in der Nachkriegszeit gekauft», erzählt Marianne, die ältere der beiden Schwestern. Ausschlaggebend für den Erwerb war, dass Marianne damals für eine Weile in Paris gelebt hatte und von dort mit einer Familie im Schlepptau zurückkam – nicht mit Mann und Kindern, sondern mit einer Mutter, die mit ihren beiden Kleinen in Not war. «Unser damaliger Vermieter beklagte sich, als plötzlich sieben anstatt vier Personen in der Wohnung lebten. Also fanden meine Eltern, es wäre Zeit, eine eigene Bleibe zu suchen – und kauften dann dieses Haus.»

Die hinduistische Gottheit Ganesha beim Ehepaar Jeyakumar
Die hinduistische Gottheit Ganesha beim Ehepaar Jeyakumar.

Die ganze Welt zum Geburtstag
In den 50er-Jahren lebten an der Domänenstrasse eher ältere Leute. Als diese starben, belegte die Besitzerfamilie die frei gewordenen Wohnungen mit Migranten.
Das ergab sich zum einen durch den bescheidenen Ausbaustandard, zum anderen aber auch durch die weltoffene Einstellung der Vermieter.

Jeyakumar (46), dessen Vorname in tamilischer Tradition der Familienname seiner Frau und Kinder ist, reicht Tee und Gebäck. Tochter Arani (16) zeigt Jimaa (26) das Fotoalbum, das am Tag ihres Pubertätsfestes entstanden ist – ein hinduistisches Ritual, bei dem das Erwachsenwerden der Mädchen zelebriert wird. Die Muslima aus Eritrea ist fasziniert von den farbenfrohen Saris und den glitzernden Schmuckstücken, die Arani an jenem Tag in eine wahre Prinzessin verwandelt haben.

Dalai Lama inmitten von Buddhas bei Tashi
Der Dalai Lama inmitten von Buddhas bei Tashi.

Dann stimmt Jeyakumar das «Happy Birthday» für Regula an, die heute Geburtstag hat. Im Namen aller Bewohner überreicht der tamilische Familienvater seiner Vermieterin eine Orchidee. Das Geburtstagskind lächelt glücklich, es wird gedrückt und geherzt.
Die Geburtstagsmelodie folgt in weiteren Sprachen, sogar in Tibetisch – und das, obwohl der eher schüchterne Tashi ganz allein singen muss.

Tashi lebt mit seiner Schäferhündin Shiva und einem Bild des Dalai Lama im Hochparterre. Regula hat einen Schlüssel zu seiner Wohnung und geht mit dem Hund spazieren, wenn Tashi am Arbeiten ist. Er revanchiert sich, indem er dem betagten Vermieterehepaar schwere Lasten abnimmt, im Garten hilft und den Briefkasten bei Ferienabwesenheiten leert. Da der Buddhist Single ist, feierte er auch schon Weihnachten mit Regula und Hermann.

Dank Vermietern Lehre abgeschlossen
Auch die Jeyakumars pflegen eine enge Beziehung zu den Vermietern. Die Familie lebt seit 17 Jahren im Haus. Regula und Hermann haben das Heranwachsen der beiden Kinder miterlebt: «Als Arani und Sathanan gross wurden, war die Wohnung zu klein. Da wollten wir eigentlich ausziehen», erzählt Jeyakumar. Hermann habe ihm dann vorgeschlagen, die Wand zur zweiten Wohnung auf dem Stock durchzubrechen und so mehr Platz zu schaffen. Dank seinen Vermietern konnte Jeyakumar auch eine Ausbildung zum Pflegefachmann abschliessen: «In die Lehre zu gehen, war für mich nur möglich, weil sie mir in jener Zeit eine Mietzinsreduktion gewährten.»

«Wir haben bloss vorgesorgt. Jetzt haben wir eine Fachkraft für Altenpflege im Haus», ruft Hermann Gmünder und lacht. Und seine Frau fügt im ernsten Ton an: «Mein Vater lebte bis zu seinem Lebensende im Haus. Er wurde 93. Wenn er stürzte, war immer sofort jemand zur Stelle.» Für die Kinder im Haus sei er der «Opa» gewesen.

Mutter-Gottes-Figur bei der Eritreerin Eden
Mutter-Gottes-Figur bei der Eritreerin Eden.

Freunde trotz verfeindeter Religionen
Heute sind auch Regula und Hermann Grosselternersatz. Derzeit kümmern sie sich vor allem um die beiden Eritreerbuben, die zu Jimaa gehören.
Kindergärtner Muayed ist der Sohn der 26-Jährigen, Primarschüler Musab ihr Neffe. Das Vermieterpaar unterstützt die junge Frau beim Ausfüllen von Formularen und der Kommunikation mit den Behörden – und Musab, der unter dem Verlust seiner Eltern leidet, holt sich bei ihnen zuweilen eine Extraportion Zuneigung.

Das Rentnerpaar hat viel Liebe zu verschenken: Die beiden haben zwar vier leibliche Enkelinnen, aber die leben am Zürichsee. Speziell ist auch die Freundschaft zwischen Tashi und der tamilischen Familie Jeyakumar: Mutter Jasothini Jeyakumar (39) hat den Tibeter bei der Arbeit kennengelernt und ihn den Gmünders als Mieter vorgeschlagen. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass der Konflikt in Sri Lanka zwischen Hindus und Buddhisten ausgetragen wird.

«Die Religion wird in meiner Heimat instrumentalisiert, um die Leute gegeneinander aufzuhetzen», erklärt Jeyakumar. Mit den einzelnen Menschen und ihrem Glauben habe das nichts zu tun, wie eigentlich überall auf der Welt.
«Ah, jetzt kommt Eden», ruft Regula. Ins Wohnzimmer tritt eine dunkelhäutige Frau. Die christlich-orthodoxe Eritreerin Eden Yihdego (25), die unter dem Dach wohnt, ist traurig, dass sie den Fototermin verpasst hat. Aber sie ist nicht die Einzige, die nicht auf dem Foto ist. Im Wohnzimmer der Familie Jeyakumar fehlt auch das frisch vermählte tamilische Ehepaar Sivakumar sowie der tamilische Taxifahrer Selvarajah (59). Sie alle waren verhindert, organisieren sich aber gern für einen zweiten Termin – schliesslich sind auch sie stolz, Teil dieser besonderen Hausgemeinschaft zu sein.

DAS ZUSAMMENLEBEN AUF EINEN BLICK

So funktioniert das Zusammenleben
So funktioniert das Zusammenleben (Grafik/Bild von Jorma Müller)

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Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Jorma Müller