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15. Februar 2016

Das hat Zeit gekostet

Abfahrts-Skistar Beat Feuz
Abfahrts-Skistar Beat Feuz: Ein Typ zum Mitfiebern. (Bild: Keystone)

Er war der Inbegriff des unsportlichen Menschen, mein Vater. Bestenfalls liess er sich zu einer Runde Croquet überreden, zu dem Spiel, in dem es gilt, eine Kugel mittels Holzschläger durch einen Parcours zu bugsieren. Aber sonst? Bewegte er sich kaum. Nie ging er die paar Minuten zu Fuss ins Dorf – er fuhr mit dem Auto, um Zigaretten zu holen. Noch lieber aber schickte er uns Kinder. Dann düsten wir mit dem Trottinett hin, liessen am Automaten Vaters Parisiennes raus. Und für uns selber eine Cremeschnitte. Dass Minderjährige problemlos Zigaretten beziehen konnten und der Dorfbeck auch einen Automaten mit Patisserie betrieb, ­gehört in die Rubrik «Das war einmal» …

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) wird von Wehmut gepackt.

Item, Vater war unsportlich. Auch Fussball liess ihn kalt. Aber! Stand ein Weltcup­rennen an, dann wurde das Mittagessen vor dem TV-Apparat serviert. Und er ging mit, schnaubte «Jesses!» und kam dem Kommentator Karl Erb meistens zuvor, indem er, ehe dieser es tat, ausrief: «Uiii! Das hat Zeit gekostet!» Fiebrig sass er vor dem Schwarz-Weiss-Fernseher, wenn Lise-Marie Morerod und Heini Hemmi unterwegs waren. Kritzelte sämtliche Zwischenzeiten auf einen Fetzen Papier, um vergleichen zu können, denn damals wurden die Zwischenzeiten der vorher Gestarteten noch nicht eingeblendet. Man musste um seine Gesundheit fürchten, so angespannt verfolgte er die Skirennen. Und zwischendurch zündete er sich eine Parisienne an.

Als wir vor zwei, drei Jahren den Nachtzug Richtung Norden nahmen, weil die Kinder sich so sehr wünschten, mal in der Eisenbahn zu übernachten, ahnten wir nicht, dass es bei dem einen Mal bleiben würde. Der Nachtzug gehört zu den Dingen, von denen unsere Kinder ihren Kindern erzählen werden, es habe sie mal gegeben. Die Minibar! Die Telefonkabine! Nie war der Zeitenwandel so rasant, wie unsere Generation ihn erlebt hat. Wobei, vielleicht dachten die Leute das schon vor hundert Jahren, wer weiss? Und dass man sich an viel Verschwundenes erinnert, ist nur ein Zeichen dafür, dass man älter wird. Kürzlich habe ich unser Faxgerät aussortiert. Mit Wehmut, denn mich dünkte, die Kinder hätten dem Grossätti eben erst noch Zeichnungen gefaxt und jeweils umgehend welche zurückbekommen …
Aber man sollte die «gute alte Zeit» nicht verklären. Habe ich hier unlängst einen Kindheitsmoment in wollenen Strumpfhosen gepriesen? Unsinn! In Wahrheit war die wollene Unterwäsche eine Pein. Sie juckte, blieb ewig nass und rötete die Haut.

Rast allerdings Beat Feuz die Piste runter, fiebere ich mit wie weiland Vater. Ein bisschen Nostalgie muss sein.
Und das Beste: Tochterherz fiebert mit! Als wäre die Zeit stillgestanden. 

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Autor: Bänz Friedli