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03. Oktober 2016

Das Handy ist wichtiger als das Kind

Manche Eltern beschäftigen sich lieber mit dem Handy als mit ihrem Kind neben sich. Sie ignorieren dabei nicht nur dessen elementare Bedürfnisse, sie sind auch ein denkbar schlechtes Vorbild.

Mutter mit Smartphone und Baby
Verkehrte Welt: Das Smartphone bekommt oft mehr Aufmerksamkeit als das Kind (Bild: huePhotography/iStockphoto).

Ein kleiner Junge mit Kulleraugen sitzt im Kinderwagen und schaut sich im Tram um. Er plaudert eifrig und zupft seine Mutter am Ärmel. «Mami, schau, der Mann mit dem riesigen Hund!» Keine Reaktion, Mami tippt auf ihr Handy ein. «Mami, warum können wir nicht baden gehen?» Keine Reaktion, Handytippen. Das Kind plappert weiter, beginnt zu singen und schliesslich zu quengeln. Keine Reaktion der Mutter, sie tippt ins Handy. Die ganze zwanzigminütige Tramfahrt lang.

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Solche Situationen kann man oft beobachten: Das Smartphone absorbiert die Aufmerksamkeit vieler Mütter und Väter auch dann, wenn sie mit ihrem kleinen Kind unterwegs sind. Für Moritz Daum (43), Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Zürich, ist klar: Ideal für die Beziehungspflege ist es nicht, wenn Eltern die Bedürfnisse ihrer Kinder derart ignorieren.

«Damit Kinder eine vertrauensvolle Beziehung zu ihren Eltern aufbauen können, müssen diese für sie da sein und rasch und adäquat auf ihre kommunikativen Signale eingehen.» Nicht ständig. Aber den grössten Teil der Zeit. So bekommt ein Kind vermittelt, dass es wahrgenommen wird und selbst etwas bewirken kann. Das wiederum ermöglicht ihm, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Bekommt ein Kind auf seine Kommunikationsbemühungen hingegen keine Reaktion, signalisiert ihm das, dass es nicht ernst genommen wird. Und dass das Handy wichtiger ist als alles andere, was sich gerade rundherum abspielt. «Eltern, die dauernd mit dem Handy spielen, haben später keine guten Argumente, wenn sie ihr Kind ermahnen, nicht dauernd mit dem Handy zu spielen», warnt Daum.

Dem Kind die Absenz erklären

Allerdings, betont er, gehe es keineswegs darum, Mobiltele­fone zu verteufeln. «Nicht die Frage ‹Handy oder Kind› ist wichtig, sondern die Frage, welche Beziehung Eltern zu ihrem Kind pflegen.» Dass sich Eltern für einen kurzen Moment mit Mails und Nachrichten beschäftigen, könne ein Kind zwar nicht unbedingt verstehen, aber sicher gut überstehen: «Man kann schon einem kleinen Kind erklären, dass Mami oder Papi kurz etwas Wichtiges erledigen müssen, dass sie aber nachher gleich wieder für das Kind da sind.» Dieses Versprechen müsse allerdings auch eingelöst werden.

Der kleine Junge im Tram hätte sich gewiss besser gefühlt, hätte seine Mutter nicht nur schweigend ihr Handy bedient, sondern ihm gesagt, dass sie gleich für ihn da sei. Und hätte sie nachher tatsächlich liebevoll mit ihm geschwatzt. Und wenn das Ganze nur fünf statt zwanzig Minuten gedauert hätte.

Autor: Claudia Weiss