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15. August 2011

Das Gute liegt so nah

Wo bitte gehts ins Paradies? Ganz einfach, bei Basel noch etwas weiterfahren und dann links abbiegen. Das Elsass gehört zu den schönsten Flecken dieser Erde. Nicht nur wegen der berühmten Weinstrasse und der kulinarischen Leckerbissen...

Obernai
Weinberge und mittelalterliche Städtchen à gogo: An der Elsässer Weinstrasse liegt auch Obernai.

Wer ein Wochenende im Elsass plant, tut gut daran, bereits am Freitag gegen Mittag abzureisen. Will man ausserhalb der Städte die vielfältigen Facetten dieser prächtigen Region erleben, nimmt man für einmal am besten das Auto. Bereits nach rund anderthalb Stunden Fahrt, je nach Ausgangspunkt, parkiert man im unscheinbaren Dörflein Zimmersheim beim roten Häuschen an der Durchgangsstrasse. Öffnen Sie die Tür zum Restaurant Jules und stürzen Sie sich ins muntere Treiben eines heimeligen Bistros.

Aus allen Himmelsrichtungen kommen die Leute nach Zimmersheim, um sich bei Patron Jules kulinarisch aufs Elsass einzustimmen – vom Grenzgänger, über den Touristen bis zum hohen Lokalpolitiker mit Entourage, dessen Chauffeur so lange draussen in der dunklen Limousine wartet. Gegen drei schliesslich torkeln die Gäste um zwei, drei Gläser Riesling glücklicher wieder ins Freie und verschwinden.

Das Blaue Haus in Riquewihr
Das Blaue Haus, Ende des 15. Jahrhunderts auf den ersten Stadtmauern von Riquewihr erbaut, mit seinem Salon de thé.

Nur eine halbe Stunde entfernt liegt das Städtchen Riquewihr, ein Juwel der berühmten Elsässer Weinstrasse, die rund 170 Kilometer durch das Weinbaugebiet Elsass führt. Carladungen von Touristen ergiessen sich in die Hauptgasse, in deren Souvenirshops sich die mit Gänseleber oder Sauerkraut gefüllten Gläser und Störche in allen Varianten türmen. Hier empfiehlt es sich, so rasch wie möglich in eine der Seitengassen abzuzweigen; schon nach ein paar Metern nimmt man in stillen Gassen den Charme der pittoresken, mit Blumen verzierten Fachwerkhäuser überhaupt erst wahr.

Auf Tod und Grauen folgt Kaffee und Kuchen

Weniger malerisch ist das kleine Turmmuseum La Tour des Voleurs, doch auch hier trifft man kaum auf andere Besucher. Per Knopfdruck erzählt eine muntere Frauenstimme von all den Schauerlichkeiten, die sich in der Folterkammer des einstigen Gefängnisses zugetragen haben. Bedeutend netter gehts im knallblauen Haus an der rue de la Couronne zu. Hier im Salon de thé lässt es sich wunderbar verweilen, ehe die Fahrt durch die endlose Rebberglandschaft der Elsässer Weinstrasse weitergeht.

Winzer Robert Blanck
In Obernai empfängt Winzer Robert Blanck Gäste in seinem Weinberg.

Um es zum Aperitiv noch bis nach Obernai zu schaffen, wechselt man auf die Autobahn. Gleich an der Ortseinfahrt empfiehlt sich ein Halt beim Winzer Robert Blanck, der für seine Crémants und seinen Weinkeller mit den jahrhundertealten Fässern bekannt ist. Zum Abendessen gibts dann Flammkuchen à discrétion für zehn Euro in der historischen Halle aux Blés, direkt am hübschen Marktplatz des Städtchens. Kommt man hier mit dem umtriebigen Patron ins Gespräch, kann es durchaus zu schrägen Begegnungen kommen. Man wird zum Beispiel dem Restaurantbesitzer vorgestellt, dem halb Obernai gehört und in dessen Garten drei Luxusautos und ein Helikopter stehen. Und wenn der in seinem Stammlokal gerade eins seiner rauschenden Feste gibt, macht man unter Umständen auch Bekanntschaft mit milliardenschweren Unternehmern, die sonst eher mit Privatjets in der Welt herumfliegen und in St-Tropez verkehren, als sich im elässischen Provinznest unters gemeine Volk zu mischen.

Am nächsten Morgen gehts bescheiden weiter mit einem Spaziergang durchs Städtchen, in dem man nebst den obligaten Souvenirshops auch ein paar originelle Läden und brauchbare Kleiderboutiquen findet. Anschliessend fährt man mit dem Auto hoch zum riesigen weissen Kreuz, einem Denkmal für die von den Nazis im Zweiten Weltkrieg zwangsrekrutierten Elsässer. Von dort hat man einen schönen Blick aufs Städtchen und die Landschaft rundherum.

Aber richtig spektakulär ist die Aussicht über die Vogesenwälder vom ein paar Kilometer entfernten Mont Sainte-Odile. Das Kloster ist die Stätte der heiligen Odilie, der Mutter des Elsass. Der Legende nach soll sie im frühen Mittelalter blind zur Welt gekommen und verbannt worden sein, nach ein paar Jahren durch ein Wunder das Augenlicht erlangt und später selbst einige Wunder vollbracht haben.

Ein kurzer Spaziergang führt vom Kloster durch den leise rauschenden Wald hinunter zur Odilienquelle, die zwar aus einem ganz kommunen Metallrohr sprudelt, deren Wasser aber eine wundersame heilende Wirkung haben soll. Man nimmt am besten noch einen kräftigen Schluck, bevor man im Lebkuchenpalast von Gertwiler auf einem Disneylandartigen Erlebnisrundgang alles Mögliche über Lebkuchen erfährt. Das lässt wohl eher Kinderherzen höher schlagen, aber im Laden am Ende des Rundgangs können auch Erwachsene kaum widerstehen, vor allem wenn der Magen knurrt: Hier gibt es Lebkuchen in allen Formen und Farben zu kaufen.

Im Boot durch romantische Flusslandschaften

Kanallandschaft bei Muttersholtz
Durch eine idyllische Kanallandschaft gelangt man nach Muttersholtz.

Am Sonntag führt die Heimfahrt durch eine völlig andere, flache Landschaft mit riesigen Maisfeldern und stillen Dörfern. Das grosse Ried im östlichen Elsass ist weit weniger touristisch als die Weinstrasse. Von Ebersmunster fährt man durch eine idyllische Kanallandschaft rund um die Ill bis nach Muttersholtz, wo man im Restaurant A l'Escale du Ried typisch elsässisch zu Mittag essen kann. Wer vor seiner Reise früh genug reserviert hat, fährt anschliessend mit dem Batelier du Ried, dem Schiffer des Ried, in einem Kahn durch die romantisch-verwunschene Flusslandschaft.

Kirche Saint-Georges in Sélestat
Die Kirche Saint-Georges in Sélestat ist ein Abstecher wert.

Machen Sie zum Schluss noch einen Abstecher nach Sélestat, dem hübschen «Hauptstädtchen» des Grand Ried. Dort gibt es zwar an einem Sonntagnachmittag nur stille Gassen, schöne Kirchen und das nette kleine Brotmuseum zu erleben. Doch Sie werden feststellen, dass Sie nochmals hierher zurückkehren möchten, wenn die Geschäfte und die altehrwürdige humanistische Bibliothek geöffnet sind. Beim sonntäglichen Spaziergang durch die Altstadt können Sie sich wunderbar vom elsässischen Lebensrhythmus verabschieden und dabei in Gedanken bereits ihre nächste 48-Stunden-Flucht aus dem Alltagstrott planen.

Autor: Andrea Schafroth