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03. Oktober 2016

Das Grosse im Kleinen

Bänz Friedli liest und liest.

Derart Feuer und Flamme war ich von der Kurzgeschichte, dass ich eigens langsamer zu lesen begann. Abend für Abend gewährte ich mir nur wenige Abschnitte, auf dass ich länger würde mitfiebern können, und dehnte die Lektüre so auf eine Woche aus. Auf wenigen Zeitschriftseiten erzählte eine Amerikanerin namens Pia Z. Ehrhardt von Fussballjunioren im flutversehrten New Orleans; davon, wie die Mitglieder eines Teams durch den Wirbelsturm «Katrina» in alle Himmelsrichtungen versprengt wurden; wie sie allmählich wieder zusammenfanden und wie das gemeinsame Ringen ihnen half, über das Geschehene hinwegzukommen. Da ging es um weit mehr als sportlichen Erfolg.

Bänz Friedli (51) liest und liest.
Bänz Friedli (51) liest und liest.

Über «Katrina» hatte ich viel gelesen, nie aber war es jemandem gelungen wie nun ­Ehrhardt, die Naturkatastrophe – die auch ein politisches Desaster war – so persönlich zu erzählen. Anhand einer kleinen Episode, die auf die grossen Zusammenhänge verweist und aufzeigt, was die schrecklichen Vorgänge von 2005 für die einzelnen Menschen bedeuteten. War das nun Literatur oder Journalismus? Beides. Berührend und doch erbarmungslos präzise.

Und nun kommt das Internet ins Spiel. Viele verteufeln es pauschal. Gerade wieder bereist ein deutscher Professor das Land mit der Kunde, das Web verblöde die Menschheit. Und allerorten vernimmt man die Klage über Computergames, die angeblich aggressiv machten. Eigenartig, niemand stört sich heute noch daran, dass sich Millionen Schweizer und Deutsche jeden Sonntagabend via «Tatort» ein, zwei hübsche Morde zu Gemüte führen. Dabei hiess es in meiner Jugend, das Fernsehen mache dumm und stifte zu Gewaltexzessen an. Doch inzwischen ist, wie mein Schwiegervater zu sagen beliebt, «e nöii Chueh z Dorf ab cho» – es gibt einen neuen Aufreger: das böse Internet. Aber es ist nur ein Medium und als solches weder gut noch schlecht. Wie auch ein Buch, per se, nichts Schlechtes und nichts Gutes ist. Zwischen Buchdeckel liess sich Hitlers «Mein Kampf» pressen, keine erbauliche Lektüre. Jedes Medium – ob Zeitung, Radio, TV – kann Stuss und Gescheites verbreiten. Und das Internet? Kann ein Segen sein! Womit wir wieder bei Pia Z. Ehrhardt wären. Mittels zweier, dreier Klicks stiess ich auf einen raren Erzählband von ihr, den ich sonst nie gefunden hätte, erhielt ihn wenige Tage später per Post – nun habe ich eine neue Lieblingsautorin.

Klar hätte ich, was ich Ihnen eben erzählt habe, für mich behalten können. Das ist ja das Schöne daran: Sollte ich auch der einzige Europäer sein, der Pia Z. Ehrhardt liest – ich tue es, Web sei Dank, mit Wonne. 

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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli