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24. Dezember 2012

Das Geschenk ihres Lebens

Esther Fischer hatte sich bereits damit abgefunden, früh zu sterben. Doch eine Lebertransplantation gab ihrem Leben eine freudige Wende.

Frau Fischer voller Lebensfreude auf ihrem Velo
Mit Schwung in die Zukunft: Danke einer neuen Leber kann Esther Fischer wieder voll in die Pedalen treten.


Das Warten auf Organe

Die Infos zu den Transplantationen und Wartelisten: Wer wartet auf ein Organ, wer spendet, und nach welchen Kriterien entscheiden die Mediziner über die Zuteilung der Transplantate?


DAS PORTRÄT
Es weihnächtelt bereits, als Esther Fischer in Aarau die Taschen packt. Es geht wieder nach Ligurien, an einen kleinen Ort nahe der Cinque Terre. Ans Meer, an das Licht und die Wärme, zu ihren italienischen Freunden. Hier zählt die Qualität der kleinen Dinge. Das war auch der Ort,wo sie hinwollte, als ihr mit 40 klar wurde, dass es für sie keine Heilung von ihrem Hepatitis-CVirus mehr geben würde. 20 Jahre würden ihr bleiben. «Dann verbringe ich aber den Rest meines Lebens am Meer!», sagte sie sich und richtete sich ein Leben zwischen Strand, ihrer Familie und ihren Freunden in der Schweiz ein.

Inzwischen ist Esther Fischer 63 Jahre alt, purlimunter und tatkräftig daran, Pläne für die nächsten Jahre zu schmieden. Sie bekam letztes Jahr am Universitätsspital Zürich eine neue Leber. «Das grösste Geschenk, das ich je erhalten habe», sagt sie strahlend und ist umso dankbarer für ihr Glück, weil sie weiss, dass viele Menschen die Wartezeit auf ein neues Organ nicht überleben.

Statt eines neuen Medikaments gab es einen schlimmen Befund
Lange lebte Esther Fischer mit der Gewissheit, genau zu wissen, woran siewann sterben würde. Dennoch gab die lebenslustige, gross gewachsene Frau die Hoffnung nie ganz auf. Sie wurde zur Expertin ihrer Krankheit. Ihre früherenJobs als Spitalsekretärin hatten sie medizinisch geschult, und so steckte auch immer der Gedanke im Hinterkopf, dass es eines Tages doch eine Therapie geben könnte. 2010 war es so weit. Esther erfuhr von Berliner Bekannten von einer neuen Therapie. Sie meldete sich bei ihrem Hausarzt an. Er überwies sie ins Spital. Dort wurde sie untersucht und erhielt statt eines neuen Medikaments eine schlimme Diagnose: starke Zirrhose, eine lebensbedrohende Verhärtung der Leber.

«Es war nur noch ein dünner Faden, an dem mein Leben hing. Aber ich hatte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort die richtigen Personen zu treffen», sagt Esther Fischer, denn sie kam nach Zürich zum Leberspezialisten ans Universitätsspital und entschloss sich schliesslich zu einer Transplantation. «Und dabei», sagt sie lachend, «wollte ich zuerst keine Lebertransplantation. Ich bin ein offener, neugieriger Mensch. Wenn schon leben, dann will ich Menschen treffen und reisen gehen. Ich dachte, das Leben sei viel eingeschränkter, wenn man für den Rest des Lebens Immunsuppressiva nehmen muss, um das Abstossen des neuen Organs zu verhindern. Ich lebte immer in der Annahme, dass ich früh sterben werde.»

Nur Wochen nach dem schlimmen Befund fanden die Ärzte des Universitätsspitals den ersten Tumor auf Esthers Leber. Er liess sich problemlos entfernen. «Zwei Monate später hatte ich bereits den zweiten, der nicht so einfach wegzumachen war. Und niemand konnte mir sagen, wann ich zuoberst auf der Liste stehen und ob ich das Warten überleben würde.» Aber es gab auch dieses andere, das Esther Fischer spürte: Eine Lebensperspektive, die weit über das hinausging, was sie sich in den letzten Jahrzehnten vorstellen konnte. Und so wurde das Warten auf die Leber zentral.

Der zweite Tumor verschwand wie durch ein Wunder, die Bedrohung war nicht mehr so nah und so rutschte sie auf der Warteliste nach unten. Sie luchste dem Arzt die Erlaubnis ab, den September am Meer zu verbringen. Am 1. Oktober 2011 sollte sie zurück sein, denn wer im Ausland ist, erhält kein Organ. So sehr sie sich die Operation auch herbeiwünschte, ihr war klar, so schnell käme sie nicht an die Reihe.

Am 1. Oktober 2011 um drei Uhr morgens klingelte ihr Handy. Die Stimme am anderen Ende sagte: «Wir haben eine LeberfürSie.»Am Boden zerstört musste sie absagen, weil sie noch immer in Italien war. «Jetzt aber ab nach Hause», sagte sie sich, packte und verabschiedete sich. Sie war parat, am nächsten Morgen sollte es in die Heimat zurückgehen. Aber plötzlich wurde sie kribbelig und fuhr gleich los.

Kaum in Chiasso, meldete sie sich in Zürich an: «Grüezi, jetzt bin ich in der Schweiz.» Nur Stunden später war sie im Gotthardtunnel, ihr Handy klingelte erneut. Am Apparat wieder die Stimme: «Grüezi, wir haben eine Leber für Sie.» Bis 18.30 Uhr musste sie es ins Unispital schaffen. Unterwegs noch einmal tanken. Eine Riesenschlange vor der Tankstelle, es waren Herbstferien. «Ich fuhr an allen vorbei und winkte ihnen zu:‹Entschuldigung, ich muss transplantieren gehen!›»

Um 18.50 Uhr kam sie im Spital an, «ohne Nachthemd und nur mit Flipflops.» Jemand fragte sie noch vor der Operation: «Sind sie nervös?» — «Aber nein!», konnte sie nur noch sagen, «Ich bin so müde und einfach froh, mich jetzt hinlegen zu können!» Stunden später wachte sie mit einer neuen Leber auf.

Ein Jahr ist seither vergangen. Esther Fischer hat den Hepatitis C Virus immer noch, aber die neue Leber ist das Wertvollste, das sie je erhalten hat.Sie wird ihr Leben um Jahrzehnte verlängern. Und dass sie im Winter wegen des geschwächten Immunsystems nicht mehr schwimmen darf, macht ihr nichts aus: «Damit kann ich gut leben.»

Autor: Esther Banz

Fotograf: René Ruis