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14. März 2016

Das Geschäft mit dem Geschäft

Die Zürcherin Jessica Altenburger stattet Slumbewohner in Peru mit WCs aus. Ihre Toiletten brauchen weder Wasser noch Strom. Und sie sind so bequem, dass man sogar darauf einschläft.

Ein WC verändert das Leben: Gut 500 Familien in Lima haben ihre unhygienische Latrine gegen ein kompaktes Trocken-WC eingetauscht.

Wie wertvoll ein WC sein kann, wird Schweizern erst bewusst, wenn es mal nicht funktioniert. Ansonsten setzen wir uns darauf, verrichten unser Geschäft, betätigen die Spülung und denken keine Sekunde darüber nach, wie komfortabel die Toilettensituation hierzulande ist.

Die Zürcher Jungunternehmerin Jessica Altenburger zeigt eine ihrer Trockentoiletten.
Die Zürcher Jungunternehmerin Jessica Altenburger zeigt eine ihrer Trockentoiletten (Bild: Gabi Vogt).

Die Zürcherin Jessica Altenburger (33) kennt noch eine ganz andere WC-Welt. Eine, in der das kleine und grosse Geschäft hinter dem Haus verrichtet werden muss – in einer Latrine, die aus einem Loch im Boden besteht. Weltweit haben 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu einer sauberen Toilette. So auch in den Slums der peruanischen Stadt Lima. Weil die Wasserversorgung dermassen schlecht ist, bleibt rund zwei Millionen Bewohnern der Luxus einer hygienischen Toilette verwehrt. Das hat drastische Folgen: Das Wasser ist verschmutzt, Ungeziefer wird angezogen, Krankheitserreger verbreiten sich.

Ein unhaltbarer Zustand für Jessica Altenburger, der die Sendung «Reporter» des Schweizer Fernsehens SRF ein Porträt widmet: «Sanitäre Anlagen haben eine grosse Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen. Eine hygienische Toilette ist ein wichtiger Schritt zu einer besseren Lebensqualität.»

Ein WC für zwölf Franken pro Monat

Altenburger leistet praktische Hilfe: Seit 2012 vermietet ihre Firma X-Runner in Lima Trockentoiletten. Das System ist so einfach wie effektiv: Das WC kommt ohne Strom, Wasser und Chemikalien aus. Setzt man sich darauf, öffnet sich eine Klappe, die sich nach dem Toilettengang wieder schliesst. Urin und Kot werden in zwei verschiedenen Behältern gesammelt. Das ist wichtig, denn die Verbindung von Kot und Urin lässt gefährliche Bakterien sowie unangenehmen Geruch entstehen.

Einmal pro Woche holen die Mitarbeiter von X-Runner den in Eimern gesammelten Kot ab.
Einmal pro Woche holen die Mitarbeiter von X-Runner den gesammelten Kot ab.

Einmal pro Woche werden die Fäkalien von X-Runner-Mitarbeitern eingesammelt und kompostiert. Den Urin können die Bewohner selber durch selbst gebaute Naturfilter aus Stein und Sand im Boden entsorgen. WC und Abholservice kosten einen Haushalt umgerechnet zwölf Franken monatlich – für manche Familien nicht gerade günstig.

«Für uns war von Beginn weg klar, dass der WC-Service etwas kosten wird», sagt Altenburger. «Wenn die Leute bereit sind zu zahlen, dann weisst du, dass sie deine Dienstleistung wirklich wollen.» Das bedeute allerdings auch, dass sie als Kunden das Recht haben zu reklamieren. «Solches Feedback ist wichtig, damit wir uns verbessern können.» Laut der Unternehmerin kommt es nur selten vor, dass der Monatsbetrag nicht pünktlich gezahlt wird. «Wer mit der Zahlung in Verzug ist, muss mit Mahngebühren rechnen. Zahlt eine Familie plötzlich nicht mehr, ist meistens etwas vorgefallen. Dann suchen wir das Gespräch.»

Dass sich Jessica Altenburger mal mit Begeisterung mit WCs beschäftigen würde, hätte sie vor einigen Jahren nicht gedacht. Aufgewachsen in Zollikon ZH, studierte sie zuerst in New York nachhaltiges Produktdesign, später arbeitete sie in London für einen Luxusmöbeldesigner.

«Ich verdienteim Luxusmarkt besser. Ich merkte aberauch, dass diese Arbeit meine Ideale verletzte. Deshalb suchte ich einen anderen Weg.» Altenburger zog nach Berlin, wo sie sich in einem Innovationscamp zum ersten Mal mit den Verarbeitungs- und Anwendungsmöglichkeiten von Fäkalien beschäftigte. Später lernte sie ihre heutige Geschäftspartnerin Isabel Medem kennen. Weil diese peruanische Wurzeln hat, kam Lima als erste Teststadt der Trockentoiletten infrage. Mittlerweile besitzen rund 500 Familien ein X-Runner-WC. «Viele neue Kunden setzen sich bei Verwandten auf ­unser WC – und wollen dann auch so eines.»

Preisgekröntes WC-Modell

Die Mundpropaganda allein reicht aber als Werbemassnahme nicht aus. Fast jedes ­Wochenende bauen Mitarbeiter Show-Toiletten in neuen Stadtteilen von Lima auf und zeigen, wie die Toiletten funktionieren. Da das Geschäftsmodell noch nicht selbsttragend ist, finanziert sich X-Runner über Stiftungsgelder und Entwicklungshilfe. Von Peru wurde die Firma bis jetzt kaum unterstützt.

Umgerechnet 12 Franken kostet die Installation und ­Wartung der Toilette im Monat. Sie braucht weder Strom, Wasser noch Chemikalien.
Umgerechnet 12 Franken kostet die Installation und Wartung der Toilette im Monat. Sie braucht weder Strom, Wasser noch Chemikalien.

Für ihren Einsatz in den Slums haben Jessica Altenburger und ihr Team verschiedene Auszeichnungen erhalten, so etwa «Start-up Peru» oder den «Schmidheiny-Award». «Mein Umfeld und meine Familie dachten ja am Anfang, dass ich total spinne, als ich erstmals von meiner Idee mit den Toiletten erzählte. Aber jetzt sind sie stolz und machen für die Firma Werbung.»

Auch von den Besitzern der Trocken-WCs bekommt Jessica Altenburger positive Feedbacks. «Das schönste Kompliment für die Toilette, das ich bis jetzt bekommen habe, war von einer Frau. Sie sagte, dass ihr Mann immer darauf einschlafe.» Für ihn sei das WC zu einer Wohlfühloase geworden.

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Ernesto Benavides