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23. Dezember 2013

Das erste Jahr

Mamma Mias Arbeitsplatz.
Mamma Mias Arbeitsplatz.

Ich bin ein Nobody. Obwohl mein Grinsefoto seit einem Jahr Woche für Woche in 1,5 Millionen Schweizer Haushalte flattert, werde ich praktisch nie in der Öffentlichkeit angesprochen. Ich glaube, das ist der La-vache-qui-rit-Effekt. La-vache-was? Na, Sie kennen doch alle diesen Streichkäse mit dem Kuhgesicht drauf. Schon tausend Mal gesehen. Aber könnten Sie mir spontan sagen, welche Farbe das Milchvieh hat? Eben. Selektive Wahrnehmung nennt man das. So verhält es sich auch mit meinem Kolumnenfoto. (Alternativ könnte es auch daran liegen, dass ich quasi «nie» so gestylt und so erholt wie auf dem Bild aussehe – aber diesen Gedanken möchte ich ehrlich gesagt nicht weiter vertiefen …) Fakt ist jedenfalls, dass ich in unserer kleinen Gemeinde unbehelligt leben kann. Dafür, liebe Leserin, lieber Leser, bin ich Ihnen unendlich dankbar. Ich mag mein privates Kuh-Leben nämlich sehr. Und natürlich meinen Stiergatten und unsere beiden entzückenden Kälbchen, deren Privatsphäre es zu schützen gilt.

Mein Job ist für die Kinder sowieso ein Buch mit sieben Siegeln. Ida erklärte neulich einer anderen Fünfjährigen: «Mis Mami isch e Dschurnalischtin.» Auf die Frage, was genau das sei, zuckte meine Tochter mit den Schultern. Halt irgendwas mit Tippen und Compi und Kaffee trinken. Und die kleine Eva? Die weiss nur, dass Mamas Rechner tabu ist. Zumindest, solange das Muttertier im Zimmer weilt.

Im Gegensatz zu meinen Kindern haben Sie sehr wohl eine Ahnung davon, was ich an meinem Computer mache. Die «Mamma-mia!»-Kolumne ist, wenn man es so will, das Konzentrat meines Alltags. Ich halte das fest, was mir passiert, was ich beobachte, was mich nachdenklich macht, freut, aufregt. Die skurrilsten Ideen liefern meine Kinder und ihre unzähligen Gschpänli. Kleine Menschen sehen die Welt viel klarer.

Dass ich Lieblingsthemen habe, haben Sie sicher schon bemerkt. Ich sage nur: Milchkuh. Meine Stillkolumnen waren so erfolgreich, dass sich nach dem Erscheinen auf meinem Schreibtisch die Mails, Gratulationen und Anfragen nur so häuften. Ähnlich gut kam auch der Text «In fremden Betten» an. Da outete ich uns als Familienbett-Anhänger. Apropos Outing. Vielleicht war es ein Fehler, Ihnen von meiner Wochenbettdepression zu erzählen. Möglicherweise war es aber auch mutig und wichtig. Das wird sich noch zeigen.

Meine Leser sind in der Kommentarspalte besonders aktiv, wenn ich ein kontroverses Feld beackere. Egal, ob Impfen, Kinderkrippe oder Kaiserschnitt – die Meinungsspalte platzt dann aus allen Nähten. Fast jede Woche trudeln über meine Homepage E-Mails ein, die «for my eyes only» sind. «Liebe Kolumnistin, bin ich froh, dass Sie geschrieben haben, dass Sie manchmal Ihre Töchter anschnauzen … ich mache das nämlich auch hin und wieder mit meinen Söhnen.» Oder: «Sie sollten sich schämen, dass Sie die schönen Basteleien Ihrer Kinder wegwerfen!» Interessant war auch der: «Hallo! Ich habe ein Problem: Mein Vierjähriger zappelt immer am Tisch herum. Was würden Sie an meiner Stelle machen?» In solchen Momenten komme ich mir wie eine Hochstaplerin vor. Glauben Sie da draussen wirklich, dass ich darauf eine Antwort habe? Nur weil ich meine Meinung vollmundig in die Welt posaune, heisst das noch lange nicht, dass ich etwas weiss. Nein, ich bin in vielen Augenblicken genauso ratlos wie Sie. Genau das verbindet uns.

Um nach dem vielen Blabla endlich zum Punkt zu kommen: Da meine Fangemeinde weiter wächst, wird es ab 2014 einige Neuerungen geben: Alle paar Wochen können Sie per «Ted» mitbestimmen, welches Thema ich mir vorknöpfen soll. Und Sie können mich neu auch direkt über die Homepage des Migros-Magazins anmailen.

So. Und nun wünsche ich Ihnen eine entspannte, liebevolle und vor allem kalorienbombige Weihnacht! Rutschen Sie gut ins 2014 und vergessen Sie nicht, Ihren Kindern an Silvester Ohrenschützer überzustülpen. Sonst kommt die Elternpolizei …

Herzlich, Ihre
Bettina Leinenbach

PS Die Antwort lautet «rot». Die Kuh, die lacht, ist rot. Irgendwie erinnert mich das an meine Haare.

Autor: Bettina Leinenbach