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19. November 2012

Das Erbe des Barden

Vor 40 Jahren starb der Liedermacher Mani Matter. Schweizer Musikschaffende erzählen, wie die Texte und Melodien des Berner Barden sie geprägt haben.

Mani Matter
«Warum syt dir so truurig»: Matter mokiert sich über die Griesgrämigkeit seiner Mitmenschen.

«Di Strass wo ni drann wone»: Mani Matter und seine Heimatstadt Bern sind untrennbar miteinander verknüpft. Ein kleiner Rundgang vom Haus der Grosseltern bis zum Grabstein auf dem Friedhof.

In der Regel genügt ein Satz. Zum Beispiel: «Dr Ferdinand isch gstorbe.» Unweigerlich wird ein Grossteil der hiesigen Bevölkerung lauthals nachschieben: «oje, oje, oje». 40 Jahre nach Mani Matters Tod kann noch immer jedes Schulkind aus dem Stand «Dr Hansjakobli und ds Babettli» intonieren und weiss, dass «ds Lotti schilet». Unzählige berndeutsche Chansons verfasste und komponierte Matter in den Jahren seines Schaffens. An Auftritten in der ganzen Schweiz trug er sie persönlich vor. Oft zusammen mit den Berner Troubadours, vor allem Jacob Stickelberger und Fritz Widmer. Und immer nach Feierabend. Mani Matter war Jurist, arbeitete am Amtsgericht Interlaken und wurde später erster Rechtskonsulent der Stadt Bern. 1970 – mittlerweile besass er einen Doktortitel – lehrte Mani Matter an der Universität Bern Staats- und Verwaltungsrecht.

Stephan Eicher landete mit «Hemmige» einen Hit

Ab Februar 1960 war Mani, der bürgerlich Hans-Peter hiess, regelmässig am Radio zu hören. Aber erst sechs Jahre später kam seine erste Schallplatte heraus – «Ich han en Uhr erfunde»: Zu diesem Zeitpunkt war Matter bereits bekannt im ganzen Land und auf dem besten Weg, sowohl das hiesige Musikschaffen als auch die Singstunden in Schweizer Schulstuben nachhaltig zu inspirieren. Lediglich fünf Schallplatten brachte er zu Lebzeiten auf den Markt. Dafür bedienten sich Kollegen um so eifriger an seinem grossen Repertoire. Züri West zum Beispiel schon in den 80erJahren, und Stephan Eicher, selber eine nationale Ikone, stürmte mit seiner Version von «Hemmige» 1991 nicht nur die Hitparaden in der Schweiz und Frankreich. Er brachte es fertig, dass an Konzerten in Frankreich der ganze Saal das Lied über die Scheu, auf Damenbeine zu starren und Atombomben zur Explosion zu bringen, mitsang. In tiptoppem Berndeutsch. Zu seinem 20. Todestag 1992 verewigte sich die Musikerelite auf der CD «Matter Rock». Züri West besangen zusammen mit Eicher den «Alpenflug», Span interpretierten «E Löu, e blöde Siech, e Glünggi» und Mad Dodo «Ds Lied vo de Bahnhöf». Der Dokumentarfilm «Warum syt dir so truurig?» von Regisseur Friedrich Kappeler erschien zu Matters 30. Todestag 2002 und lockte 150'000 Menschen ins Kino.

Seinen letzten Auftrittsort erreichte er nicht mehr

In seinen späteren Jahren komponierte Mani Matter bevorzugt in moll, so auch bei «Betrachtige über nes Sändwitsch» oder «Ir Ysebahn». (Bild: Keystone/Walter Studer)
In seinen späteren Jahren komponierte Mani Matter bevorzugt in moll, so auch bei «Betrachtige über nes Sändwitsch» oder «Ir Ysebahn». (Bild: Keystone/Walter Studer)

Am Freitag, 24. November 1972 sollte Matter in Rapperswil auftreten. Alleine. Auf der Autobahn bei Kilchberg ZH geriet sein Fiat beim Überholen eines Lastwagens ausser Kontrolle. Matter wurde nur 36 Jahre alt und hinterliess seine Frau Joy, die später in die Politik einstieg, und die drei Kinder Sibyl (48), Meret (47) und Ueli (45). Zum 40. Todestag wird landesweit des grössten Schweizer Liedermachers gedacht. Unter anderem mit der Ausstellung «Mani Matter (1936–1972)». Sie verzeichnete in Zürich einen Besucherrekord und ist nun im Historischen Museum in Bern zu sehen, Matters Heimatstadt. Mani Matter ist tot, sein Erbe lebendiger denn je.

Phenomden (32):

Die ganzen Glünggi und Sürmel brachten mich schon als Kind zum Lachen

Phenomdens Lieblingssong von Mani Matter ist ‹Warum syt dir so truurig›. (Bild: Gerry Nitsch)
Phenomdens Lieblingssong von Mani Matter ist ‹Warum syt dir so truurig›. (Bild: Gerry Nitsch)

«Das Lied ‹Schimpfwörter sy Glückssach› brachte mich schon als Kind zum Lachen mit den ganzen Glünggi und Sürmel, die darin vorkamen, nebst den Verstrickungen. ‹Dr Ferdinand isch gstorbe› fand ich tieftraurig, und das Hören von ‹Zündhölzli› liess mich Hunderte imponierender Bilder vor meinem inneren Auge sehen. Mani Matters Umgang mit Sprache hat zum Teil auch mein eigenes Songwriting beeinflusst. Eine Textpassage meines Songs ‹Gangdalang› finde ich, obwohl niemals gleichermassen ausgeklügelt, doch ziemlich matteresk: ‹Was i meine am End, dass mer nöd immer erchennt, wo dänn eigentli de Hammer hängt. Und das wänn mär erchännt, wies denn am andere gängt, mär singt wänn er nur nöd deht ane gängt. Gang nöd deht ane nei Gang- dalang...› Mein Lieblings-Matter-Song ist aber ‹Warum syt dir so truurig›. Weil es eine grundsätzliche Problematik unserer Gesellschaft auf den Punkt bringt, die auch mich seit meiner Jugend beschäftigt und mich aber auch immer wieder antreibt.»

Emel (37):

Seine Lieder waren für mich das Tor zum Schweizer Humor

Für Emel waren Mani Matters Lieder das Tor zum Schweizer Humor. (Bild: Christian Lanz)
Für Emel waren Mani Matters Lieder «das Tor zum Schweizer Humor». (Bild: Christian Lanz)

«Wir sangen seine Lieder in der Schule, und sie waren für mich als ausländisches Kind ein ideales Tor in die Welt des Schweizer Humors. Heute singe ich ‹Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama› meiner Tochter vor. Sie kann immer die Enden mitsingen: HAMAAA, PYJAAMAAA! Es ist mein persönliches Lieblingslied, weil ich diesen Song in Istanbul mit einem traditionellen türkischen Orchester, dem Gündem Yayli Orchestra Istanbul, für ‹Die grössten Schweizer Hits› aufnehmen durfte. Diesen tollen Schweizer Song über den Orient in den Orient zurückzubringen, war einer meiner tollsten Erfahrungen als Musikerin.»

Endo Anaconda (57), Stiller Has:

Ich dachte, mein Vater lebe noch. Ich könne ihn nur nicht sehen, weil er so schnell rennt wie Fritz

Für Endo Anaconda ist Matters Dichtung «universal». (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)
Für Endo Anaconda ist Matters Dichtung «universal». (Bild: Keystone/Georgios Kefalas)

«Neben Ländler und Jodel gehörte Matter zur musikalischen Frühförderung seitens meiner Emmentaler Grosseltern. Bei schlechtem Wetter hörten wir Kinder uns mit Grosi Mani Matter-Lieder an, während der Ätti im abgelegenen Chuchistübli seine aberwitzig schnellen Schottisch in seine Handorgel hämmerte. Mein Vater starb 1959, als ich knapp vier Jahre alt war. Er war ein begnadeter Marathonläufer und hiess Fritz. Als Kind meinte ich, im Lied ‹Es git e Bueb mit Name Fritz› singe Matter über meinen Vater und ich glaubte, dass dieser noch am Leben sei, ich würde ihn bloss nicht sehen, weil er zu schnell rennt. An Matters Können kann ich mich orientieren, messen nicht! Matters Dichtung ist universal, der geistige Horizont geht weit über die Stratosphäre der Mittelmässigkeit hinaus. Der Versuch, den alten Meister zu kopieren, führt automatisch zum Absturz. Sterne sind halt unerreichbar.»

Jaël Malli (33), Lunik:

Ein Meister im Reduzieren aufs Maximum

Für Jaël Malli war Mani Matter ein «Meister im Reduzieren aufs Maximum». (Bild: Ruben Wyttenbach)
Für Jaël Malli war Mani Matter ein «Meister im Reduzieren aufs Maximum». (Bild: Ruben Wyttenbach)

«Als Kind hörte ich Mani Matter rauf und runter und sang mit. Vielleicht wollte ich darum Sängerin werden. Mir gefällt das Simple und Ungeschminkte seiner Texte. Die Stimmungen, die er mit wenigen Akkorden und einer meist einfachen Melodie kreieren konnte, ist unglaublich. Er war ein Meister des ‹reduce to the max› – der Reduktion auf das Maximum. Das strebe ich vermehrt selber an beim Songschreiben. Dank Matter lernten wir Berner bereits als Kinder, dass manchmal in der Einfachheit das Grosse verborgen liegt. Bei Matter-Liedern wie ‹D'Chue am Waldrand› oder auch in der ‹Ballade vo däm wo isch vom Amt ufbotte gsi› ist die Dramatik so gut mit Gesellschaftskritik und Humor verbunden, dass man nicht weiss, ob man weinen oder lachen soll.»

Michael von der Heide (41):

Nach ‹Hoch auf dem gelben Wagen› kam mit Matter endlich die Erlösung!

Michael von der Heide sang in der Schule gerne Mani-Matter-Lieder. (Bild: Keystone/Sari Gustafsson)
Michael von der Heide sang in der Schule gerne Mani-Matter-Lieder. (Bild: Keystone/Sari Gustafsson)

«In der Primarschule sangen wir bei einem älteren Lehrer nur ‹Hoch auf dem gelben Wagen› und ähnliche Lieder. In der sechsten Klasse dann endlich die Erlösung; die neue, junge Lehrerin sang mit uns Mani Matter. Das machte Spass und hatte mit unserem Leben zu tun, und mir ging ein Universum auf. Mein Lieblingslied ist wohl ‹Dene wos guet geit›. Es berührt mich sehr, ist sehr klug und immer aktuell.»

Bligg (36):

‹Dene wos guet geit› ist ein kleines lyrisches Meisterwerk

Für Bligg ist ‹Dene wos guet geit› ein «kleines lyrisches Meisterwerk». (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)
Für Bligg ist ‹Dene wos guet geit› ein «kleines lyrisches Meisterwerk». (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

«Mani Matter hat so ziemlich jeden Schweizer Mundartmusiker beeinflusst. Natürlich auch mich. Alleine schon durch die Tatsache, dass die ersten Lieder, die ich mit etwa zehn Jahren auf der Gitarre spielte und sang, Mani Matter-Lieder waren. Sein Können als Dichter motivierte mich in ganz jungen Jahren. Später will man als Künstler ja lieber einen eigenständigen Stil finden. ‹Dene wos guet geit› halte ich für ein kleines lyrisches Meisterwerk. Es ist inhaltlich extrem gesellschaftskritisch, aber wahr. Ich mag diesen Mix.»

Chrigel Glanzmann (37), Eluveitie:

Ich teile Manis Affinität zu Moll-Harmonien

Wuchs mit Mani Matters Liedern auf; Chrigel Glanzmann von Eluveitie. (Bild: Daniel Winkler)
Wuchs mit Mani Matters Liedern auf; Chrigel Glanzmann von Eluveitie. (Bild: Daniel Winkler)

«Wir überlegten uns vor einigen Jahren, eine Metal-Coverversion eines Matter-Songs in unser Live-Repertoire aufzunehmen. Seine sympathische Art, seine Zeitgenossen auf unaufdringliche, aber unglaublich prägnante Weise auf Dinge – auch Missstände – aufmerksam zu machen, sucht ihresgleichen. Ich wuchs mit seinen Liedern auf und denke, dass die Musik, die man selber mag, in gewisser Weise immer auch die Musik prägt, die man komponiert. Ich liebe Manis Lieder noch heute und teile seine Affinität zu Moll-Harmonien. Besonders ‹I han es Zündhölzli azündt› gefiel mir schon immer. Es erklärt in wenigen Versen, wie wir zivilisierten Menschen so funktionieren. Die leicht melancholische Melodieführung unterstreicht den Liedtext wunderschön mit einem Augenzwinkern. Ein grossartiges Lied – oder besser gesagt: Ein richtig geiler Song.»

Noah Veraguth (24), Pegasus:

Matter war seinen Zeitgenossen voraus

Noah Veraguths Lieblingslied von Mani Matter ist ‹Hemmige›.
Noah Veraguths Lieblingslied von Mani Matter ist ‹Hemmige›.

«Mani Matter hat uns wohl alle beeinflusst, irgendwie. Im Unterbewusstsein ist er bei mir sehr präsent, da er so viele Situationen beschrieben hat, dass man fast täglich in so eine hineinkommt. Und spätestens da erinnert man sich an Matter. Er war seinen Zeitgenossen voraus, seine Lyrik wird wohl immer aktuell sein. Er motiviert mich insofern, als ich versuche, meine Songs so zu komponieren, dass sie in 10, 20 oder 50 Jahren immer noch relevant sein könnten. Wie Matter auch heute noch sehr aktuell ist. Mein Lieblingslied von ihm ist ‹Hemmige›, obwohl es eine schwierige Wahl ist. Es beschreibt unsere Gesellschaft auf eine humorvolle Art, und die Vergleiche sind genial.»

Melanie Oesch (24), Oesch’s die Dritten:

Bärndütsch isch haut scho e schöni Sprach

Für Melanie Oesch bleibt Mani Matter unerreicht.
Für Melanie Oesch bleibt Mani Matter unerreicht.

«Am liebsten mag ich ‹Dr Sidi Abdel Assar vo El Hama›. Oder ‹Hemmige›. Die Texte kann man sich sofort merken, auch als Kind, und die Melodien bleiben einem im Ohr hängen. Es beeindruckt mich, wie er es immer wieder geschafft hat, mit einfachen Melodien und Texten so genial voll ins Schwarze zu treffen. Eigentlich weiss ich das erst heute so richtig zu schätzen, wo ich selber im Musikbusiness bin. Matter motiviert mich, das schon. Aber er bleibt unerreicht. Und er beweist: Z Bärndütsch isch haut scho e schöni Sprach – grad i dr Musig!»

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Oskar Weiss (Illustrationen)