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11. August 2014

Das Ende der Schürlischrift

Alles deutet darauf hin, dass die Schnürlischrift nach fast 70 Jahren ausgedient hat. Zwar ist eine Mehrheit der Lehrpersonen für den Wechsel zur Basisschrift, doch längst nicht alle sind glücklich mit der geplanten Neuerung. Wie ist Ihre Meinung? Nehmen Sie an der Umfrage teil.

Schnürlischrift
Seit 1947 war die Schnürlischrift Standard in der Schweiz. Bald 
dürfte sie durch die Basisschrift abgelöst werden.

Als die Schnürlischrift 1947 in den Lehrplänen der Schweizer Schulen Einzug hielt, geschah dies vor allem aus praktischen Gründen: Mit ihren vielen Bögen und Schwüngen wurde sie den Eigenschaften von Schreibfeder und Füllfederhalter gerecht. Denn diese sollten möglichst wenig abgesetzt werden, damit die Tinte in einem Schwung verbraucht werden kann. Heute schreibt kaum mehr jemand mit der Feder, und auch der Fülli wurde vielerorts vom Kugelschreiber abgelöst. Die Schwünge und Bögen haben also ihren praktischen Nutzen eingebüsst. Deshalb gab die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK) 2012 eine Studie in Auftrag, um abzuklären, ob eine neue Schrift eingeführt werden solle. Favoritin ist die sogenannte Basisschrift des Grafikers und ehemaligen ETH-Dozenten Eduard Hans Meier (90). Bei seiner Schrift werden zwar noch kleine Gruppen von Buchstaben verbunden, aber sie ist viel schlichter als die Schnürlischrift. Eine Studie der Pädagogischen Hochschule Luzern von 2010 hat gezeigt, dass die Basisschrift Kindern ermöglicht, schneller und leserlicher zu schreiben.

Die Kantone Luzern und Aargau haben die neue Schrift bereits eingeführt. Aller Voraussicht nach wird Ende 2014 darüber entschieden, diesen Schritt für die ganze Deutschschweiz zu tun. Noch steht der endgültige Bericht im Auftrag der D-EDK aus. Wir haben zwei Experten nach Ihrer Meinung gefragt.

Schriftwechsel: Pro und Kontra

Christian Amsler (50) ist Regierungspräsident und Vorsteher des Erziehungsdepartements des Kantons Schaffhausen sowie Präsident der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK). Vor seiner Wahl in den Regierungsrat im Jahr 2009 war der ausgebildete Pädagoge hauptberuflich als Prorektor der Pädagogischen Hochschule Schaffhausen tätig.

Christian Amsler, warum soll die Basisschrift die Schnürlischrift ablösen?

Für viele Kinder ist die Schnürlischrift psychomotorisch eine Tortur, insbesondere das künstliche Verbinden und das seltene Absetzen des Stifts. Darum kommt die sogenannt teilverbundene Basisschrift den natürlichen Bewegungen der Kinder entgegen.

Wie wichtig ist eine persönliche Handschrift überhaupt noch?

Sie ist sehr wichtig. Die Handschrift ist ein Abbild der Persönlichkeit. Das ist jedoch auch mit der Basisschrift möglich. Diese ist quasi ein guter Kompromiss zwischen Schnürlischrift und der digitalisierten Schrift, an welche die Augen der Kinder je länger, je mehr gewöhnt sind.

Ist die Einführung der Basisschrift also eine beschlossene Sache?

Wir erwarten noch in diesem Jahr eine Entscheidung. Eine einheitliche Lösung für den deutschsprachigen Raum ist sehr wünschenswert, damit Kinder auch bei einem Schulwechsel keine Probleme bekommen. Allerdings wird es eine solche Lösung zeitlich nicht mehr in den Lehrplan 21 schaffen.

Sind sich denn alle einig?

Ich bin optimistisch, dass wir das einheitlich regeln können. Die neue Schrift hat viele Vorteile, und Lehrmittel sind auch bereits vorhanden. Aber natürlich gibt es nach wie vor auch Anhänger der Schnürlischrift, wenn auch vorwiegend unter älteren Lehrpersonen.

Welche Alternative zur Basisschrift gibt es sonst noch?

Es gibt eigentlich keine grossen Möglichkeiten. Die reine Blockschrift ist zu unpersönlich und eignet sich weniger für eine flüssige Handschrift. Die Basisschrift ist klar der beste Kompromiss, um sich auf den Weg zu machen zu einer guten persönlichen Handschrift.

Annemarie Pierpaoli (76) ist Präsidentin der Schweizerischen Graphologischen Gesellschaft (SSG) und engagiert sich für die Bewahrung des Kulturgutes Schreiben und Schriften. Die ausgebildete Primarlehrerin und Psychologin mit den Schwerpunkten Graphologie, Ausdruckspsychologie und Diagnostik untersucht seit über 30 Jahren Handschriften.

Annemarie Pierpaoli, Sie setzen sich für den Erhalt der Schnürlischrift ein. Warum?

Es geht nicht nur um die Schnürlischrift, sondern vor allem um guten Schreibunterricht, der auch bewegungsphysiologisch richtig ist und zu einer lesbaren Schrift führt und Freude bereitet. Erfahrungen aus den USA haben gezeigt, dass eine Basisschrift häufig durch eine rein nützliche Blockschrift abgelöst wird – es kommt zu einem Schriftzerfall.

Die vielen Hin- und Herbewegungen der Schnürlischrift laufen der Bewegungsphysiologie der Kinder entgegen, heisst es. Stimmt das?

Im Gegenteil. Die Abfolge bestimmter harmonischer Bewegungsmuster, das Ausnützen des natürlichen Schwungs erweist sich wie bei vielen anderen Tätigkeiten als sinnvoll. Dieser ergonomische Ablauf, wie er auch im Sport und in der Musik gepflegt wird, ist bei der Basisschrift erschwert.

Welchen Stellenwert hat die Handschrift heute noch?

Das Schreiben von Hand bedingt eine ganz andere Art des Denkens. Es setzt voraus, dass der Schreibende sich im Voraus überlegt, was er schreiben will, und seine Gedanken strukturiert. Eine amerikanische Studie konnte zudem zeigen, dass der Lerneffekt bei handschriftlichen Notizen grösser ist als mit Computer geschriebenen. Die Handschrift ist unverwechselbar, einzigartig. Dieser Ausdruck des Individuellen ist nicht in allen Kulturen wichtig. In China etwa wird Wert gelegt auf möglichst vorlagengetreues Schreiben.

Kann eine persönliche Handschrift nicht auch über die Basisschrift entstehen?

Wichtiger als die Schrift ist letztlich, dass der hochkomplexen Aufgabe des Schreibenlernens in der Schule wieder mehr Aufmerksamkeit gewidmet wird. Die derzeitige Diskussion trägt durchaus dazu bei.

Autor: Andrea Fischer-Schulthess