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28. November 2016

Das dritte S

Duden
Gämse oder Gemse? Der Duden weiss Rat – und die Autokorrektur.

Die Länggasstrasse, lernte ich als Bub, werde mit nur zwei s geschrieben. Weil durch den Zusammenzug von Gass und Strasse ein s wegfalle. Das entsprach der alten Rechtschreibung, und ich darf sagen, dass ich darin recht gut war. Hatte mir die Unregelmässigkeiten und all das Unlogische eingeprägt, schrieb die Brenn­nessel – obgleich das widersinnig war – mit nur zwei n und gab grösste Acht, achtgeben klein- und ­zusammenzuschreiben. War ich mal un­sicher, nahm ich den Duden zur Hand.

Bänz Friedli
Bänz Friedli (51) lernt nie aus.

Dann kam das Jahr 1996 und mit ihm die neue Rechtschreibung. In Bern wurden neue Schilder montiert, weil die Länggassstrasse ein zusätzliches s erhalten hatte; ich lernte, dass man neu Rad fahren schrieb, die Gämse nun ein ä hatte und es nicht mehr aufwendig, sondern aufwändig hiess. Kaum konnten allerdings meine Kinder Rad fahren, galt schon wieder eine neue neue Rechtschreibung, und die war halb die alte: Aufwendig mit e war wieder erlaubt.

Heute herrscht die Autokorrektur. Auf Facebook weist sie ein ums andere Mal meinen Namen zurück und korrigiert Bänz zu Benz. Bänz kennt das Korrekturprogramm nicht. Wie wollte es auch? Was Bänz bedeutet, findet sich zwar unter Berndeutsch.ch im Web: Schaf, fettes Tier. Doch das ist nur die halbe Erklärung. Es ist auch eine Kurzform für Bernhard, Bendicht und Benedikt. Aber die Autokorrektur weiss ohnehin alles besser. Schlage ich im elektronischen Telefonbuch die Adresse einer Marlise nach, ersetzt das System den Namen durch«Markise». Das ist – musste ich jetzt rasch googeln – eine Sonnenstore, und die hat im Adressverzeichnis nichts verloren.

Die Rechtschreibreform? Wird gerade zwanzigjährig. Und abermals füllen ihre Gegner ganze Zeitungsseiten. Gämse oder Gemse? Emeritierte Professoren und professionelle Besserwisserinnen haben es sich zum Lebensinhalt gemacht, an Details besagter Refrom herumzumäkeln, statt auf das Gelungene hinzuweisen. Diese Berufseiferer vergessen, dass die Schrift seit je im Wandel ist. Gotthelf zum Beispiel verwendete noch drei verschiedene s: «Neben den Käſe ſtellte ſie die mächtige Züpfe, das eigenthümliche Berner Backwerk, geflochten wie die Zöpfe der Weiber, ſchön braun und gelb aus dem feinſten Mehl, Eiern und Butter gebacken, groß wie ein jähriges Kind und faſt ebenſo ſchwer.» Das ist schwer leserlich. Aber sollen wir «Die schwarze Spinne» deshalb verteufeln? Nein.

All die Experten, die den lieben langen Tag darüber streiten, ob man Gemse oder Gämse schreiben soll, gingen gescheiter an die frische Luft und hielten Ausschau, ob sich auf einer Krete eine zeigt. Ob mit e oder ä, wäre dann nicht so wichtig. 

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli