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16. Juli 2012

«Das Drehbuch des Films hat mich zutiefst berührt»

Pema Shitsetsang spielt im internationalen Kinofilm «Escape from Tibet» mit. Darin vermischen sich für die Schweizer Schauspielerin mit tibetischen Wurzeln Fiktion mit Realität.

Schauspielerin 
Pema Shitsetsang
Schauspielerin 
Pema Shitsetsang stand für den Film erstmals vor 
der Kamera. Sonst bewegt sie sich 
vor allem in der Theaterwelt.

Zwei Buben lassen ihre Drachen steigen, mitten in der atemberaubenden Landschaft des tibetischen Hochlands. Ihr Spiel auf dem Dach des Klosters Tapir endet jedoch jäh, als einer der beiden Jungen von einem Schuss getroffen wird: Mit dieser Szene beginnt der neue Film «Escape from Tibet» der österreichischen Regisseurin Maria Blumencron (46). Die deutsch-schweizerische Koproduktion leistet sich mit Hannah Herzsprung (30), Yangzom Brauen (32) und Carlos Leal (42) ein veritables Staraufgebot.

Szene aus dem Film «Escape from Tibet»: Die Aufnahmen wurden im indischen Ladakh sowie auf dem Jungfraujoch gedreht – bei Minustemperaturen von 25 Grad. (Bild: zVg.)
Szene aus dem Film «Escape from Tibet»: Die Aufnahmen wurden im indischen Ladakh sowie auf dem Jungfraujoch gedreht – bei Minustemperaturen von 25 Grad. (Bild: zVg.)

Die Rolle der Meto, die als Fluchthelferin Kinder illegal über die Grenze nach Indien schmuggelt, spielt Pema Shitsetsang (31). Noch nie hat die Schweizer Schauspielerin mit tibetischen Wurzeln in einem Film mitgewirkt. Sie studierte Schauspiel an der Hochschule der Künste in Bern, wirkte bei Theaterprojekten mit und realisierte eigene Stücke. 2009 erhielt sie den Schauspielstudienpreis vom Migros-Kulturprozent Zürich. Vor dreieinhalb Jahren hörte sie erstmals vom Filmprojekt und schrieb der Regisseurin ein E-Mail. Danach dauerte es nochmals ein Jahr, bis sie vorsprechen konnte. «Als ich den Zuschlag bekam, war meine Freude übergross. Es war mutig, dass sich Maria Blumencron für mich entschied, denn ich konnte nichts Filmisches vorweisen», sagt die ein Meter 62 kleine Frau aus Winterthur ZH.

Ihr Vater gehört zu den über 100'000 Tibetern, die nach dem Volksaufstand 1959 geflüchtet sind. Rund 1000 fanden den Weg in die Schweiz, darunter auch Shitsetsangs Mutter, die bereits drei Jahre zuvor nach Indien geflohen war. In der Schweiz lernten sich die beiden kennen und lieben. Deshalb packte Pema das Drehbuch von «Escape from Tibet» von Anfang an. «Es berührte mich zutiefst.»

Am Drehort spürte sie eine starke Sehnsucht nach ihrem Heimatland Tibet, obschon die Schweiz ihr Zuhause ist. Aber dass ihre Familie hier wohnt, sei nicht aus freien Stücken erfolgt. Die Dreharbeiten fanden 2010 im indischen Ladakh auf einer Höhe bis zu 4600 Meter statt — bei Minustemperaturen von bis zu 25 Grad. Ladakh, eine Region des indischen Bundesstaates Jammu und Kaschmir, ist dank der Landschaft und der tibetisch-buddhistischen Kultur auch als «Little Tibet» bekannt. In Tibet selbst hätte die Volksrepublik China, die das Hochland 1951 annektierte, keine Filmaufnahmen geduldet.

«Wir Tibeter können unsere Probleme intern lösen»

Fühlt sich als Tibeterin und Schweizerin: Pema Shitsetsang.
Fühlt sich als Tibeterin und Schweizerin: Pema Shitsetsang.

Die Schweizer Schauspielerin, die mit einem Schweizer mit tibetischen Wurzeln liiert ist, hatte in Ladakh zwischen den Gebirgsketten des Himalaya und des Karakorum ihr bisher eindrücklichstes Erlebnis: Während ihres fünfwöchigen Aufenthalts besuchte der Dalai Lama die Region und spendete der einheimischen Bevölkerung Trost. Ladakh wurde im August 2010 Opfer einer Flutkatastrophe. «Ich sass inmitten Tausender Ladakhis, die in ihren Trachten und Flipflops den steinigen Weg hochgepilgert waren, um Seiner Heiligkeit zuzuhören. Um uns waren nur Gebirgsketten. Das fühlte sich unglaublich an», sagt Pema. Sie spricht nie vom Dalai Lama, immer von Seiner Heiligkeit, was ihre tiefe Verbundenheit mit dem buddhistischen Mönch zeigt. «Ich bin mit der tibetischen Kultur, deren Traditionen, aufgewachsen und habe seit frühester Kindheit grossen Respekt vor Seiner Heiligkeit», sagt die Buddhistin, die Mitglied des Vereins Tibeter Jugend in Europa ist. Im grössten tibetischen Jugendverband Europas begegnete sie erstmals Schauspielerkollegin Yangzom Brauen.

Pema freute sich darüber, dass eine Geschichte verfilmt wurde, welche die politische Unterdrückung und ihre Folgen aufzeigt. Das passe zu ihren Wurzeln und gehöre zur Geschichte der Tibeter. Auch heute noch: Die über 40 Selbstverbrennungen seit 2009 im Land ihrer Eltern würden sie sehr traurig stimmen. «Sie sind ein Zeichen, dass es den Tibetern unter der Herrschaft von China schlecht geht.» Allerdings sagt im Film der chinesische Protagonist Major Wang Bao, im Tibet hätte vor dem Einmarsch der Chinesen eine mittelalterliche Feudalgesellschaft regiert. Die Schauspielerin räumt deshalb ein: «Vor 1959 gab es im Tibet sicher auch Situationen, die nicht optimal waren. Aber es kann nicht sein, dass eine fremde Regierung einmarschiert und sagt: ‹Das ist unser Land. Handelt nach unseren Gesetzen.› Wir Tibeter können unsere Probleme intern lösen.» Pema spricht von «Wir Tibeter», obwohl sie sich gleichzeitig als Schweizerin fühlt. Tibet besuchte sie zum ersten und letzten Mal 1992. Der Film führt ihre beiden Welten zusammen: Eine Szene wurde auf dem Jungfraujoch gedreht.

Als Nächstes sollte bei Pema Shitsetsang ein Theaterstück in Berlin anstehen. Doch die Finanzierung ist noch nicht gesichert, und der Regisseur wollte ihr nicht verraten, um welches Stück es sich handelt. Ein zweites Filmprojekt ist in Frankreich vorgesehen, ebenfalls mit ungewisser Finanzierung. Und so geht es der Jungschauspielerin wie vielen ihrer Berufskollegen: Sie hält sich mit Nebenjobs über Wasser: als Kinderbetreuerin sowie an der Berner Fachhochschule, wo Schauspieler für zukünftige Pfleger Patienten simulieren.

Der Film «Escape from Tibet» von Maria Blumencron läuft ab dem 19. Juli 2012 in den Schweizer Kinos.

Der Trailer und mehr zum Film

Autor: Reto Wild

Fotograf: Nathalie Bissig