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12. September 2011

Das Double der Eiger-Nordwand

Nicht in der Eiger-Nordwand, sondern in den Felswänden rund um den Rotstock- Klettersteig bei Grindelwald wurden die Szenen des Films «Nordwand» gedreht. Mitverantwortlich für die Auswahl der steilen Drehorte war Bergführer Johann Kaufmann. Auf dem Weg zum Rotstock-Gipfel hat er uns einige davon gezeigt.

Eigernordwand Richtung Rotstock
An der Eigernordwand entlang gehts Richtung Rotstock.

«Wenn du unten stehst», hat der Toni einmal gesagt, «ganz unten am Fuss der Wand – und hinaufschaust, dann fragst du dich: Wie kann jemand da hoch? Warum soll das überhaupt einer wollen?» So beginnt der Spielfilm «Nordwand», der den fatalen Erstbesteigungsversuch der jungen Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoisser zusammen mit den Österreichern Willy Angerer und Edi Rainer von 1936 dokumentiert. Diese Fragen beschäftigen auch Robert (39) und mich (43), als wir mit Bergführer Johann Kaufmann (38) am Fusse der Eiger-Nordwand ankommen. Diese senkrechte, 1700 Meter hohe, schattige Wand, mit den Schnee- und Eisfeldern, dem stetig drohenden Steinschlag, den Lawinen. Ehrfürchtig und mit einem Schaudern wenden wir uns von der Nordwand ab und dem rechts davon liegenden Klettersteig zum Rotstock-Gipfel zu.

Gleich zu Beginn führen Leitern eine steile Felsstufe hinauf. Wir klinken unsere Karabiner im Drahtseil ein und gewinnen schnell an Höhe. Danach folgt ungefährlicheres Gehgelände, wo es keine Sicherungsmöglichkeit gibt. Und obwohl wir keineswegs in der Senkrechten sind, kommt hier doch so etwas wie ein Nordwand-Gefühl auf. Links dominiert der Genferpfeiler, rechts türmt sich der Rotstock auf und dazwischen liegt eine dunkle, schattige halbrunde Felsarena, die sich gut 200 Meter bis zum Rotstocksattel hinaufzieht.

Bergführer werden zu Stuntmen und Locationscouts

«Du und ich, wir könnten die Ersten sein, die da oben stehen», versucht im Film Andi Hinterstoisser seinen Freund Toni Kurz zur Tour durch die Eiger-Nordwand zu überreden. «Darum gehts aber nicht beim Klettern», antwortet dieser. «Doch… genau darum gehts!» Am Samstag, dem 18. Juli 1936, steigen Hinterstoisser und Kurz in die Wand. Mit dem Hanfseil gesichert an selber geschlagenen Haken suchen sie mit ihren schweren Lederstiefeln nach festem Tritt und tasten mit den Fingern in den Wollhandschuhen nach soliden Griffen in Fels und Schnee.

Bergführer Kaufmann
Vor dem Aufstieg checkt Bergführer Kaufmann die Ausrüstungen.

Wir sind auf dem Klettersteig mittlerweile beim Stollenloch 2.8 (2,8 km von der Kleinen Scheidegg entfernt) angekommen – von hier führt ein kurzer Stollen zum Tunnel der Jungfraubahn. Und hier seien viele Aufnahmen für den Film entstanden, erzählt Johann Kaufmann. Der Bergführer aus Grindelwald begleitet uns auf dieser Tour – bei der Produktion des «Nordwand»-Films war er vor Ort für die Suche nach geeigneten Schauplätzen und für die Sicherheit während der Dreharbeiten verantwortlich. Für die Filmcrew war dieser Stollen die einfachste Möglichkeit, um das viele Material in die Wand zu bringen. Während knapp sechs Wochen wurden hier Kletterszenen gefilmt und Stürze ins Seil inszeniert. Natürlich hingen nicht die Schauspieler am Seil, sondern Doubles: Bergführer unter Leitung des Profi-Alpinisten Stefan Siegrist.

Erst geht alles noch gut, 1936 am Eiger. Hinterstoisser meistert die Traversierung einer schwierigen Felsplatte und befestigt ein Fixseil an dem Kurz nachkommen kann: der legendäre Hinterstoisser- Quergang. Am zweiten Tag schliessen sich Kurz und Hinterstoisser mit den Österreichern Angerer und Rainer zusammen, die gleichzeitig unterwegs sind. Angerer wird von einem Stein schwer am Kopf verletzt, trotzdem klettern sie weiter. Am dritten Tag wird klar, dass sie mit dem verletzten Angerer nur noch absteigen können – die vier beginnen sich abzuseilen. Während der dritten Biwaknacht kommt ein Schneesturm mit zweistelligen Minustemperaturen auf.

Sprung von Felsblock zu Felsblock
Der beherzte Sprung von Felsblock zu Felsblock kurz vor dem Gipfel.

Wieder hört man das Knirschen der Steinchen unter unseren Bergschuhen und das Klicken der Karabiner. Nun sind wir im schönsten Abschnitt der Wand unterwegs: Hier bilden geschichtete Kalkplatten eine imposante natürliche Treppe. Oben auf dem Sattel treten wir erstmals in die Sonne. Von hier ist es nur noch ein kurzes Stück bis zum 2663 Meter hohen Gipfel des Rotstocks. Auf dem Weg zeigt uns Bergführer Johann eine Felsnische: «Das war der Drehort für eine Biwaknacht-Szene.» Vom Gipfel aus geniessen wir den Blick auf Wetterhorn, Mönch, Jungfrau und Silberhorn.

Eiskalt und stürmisch ist es am Dienstag, 21. Juli 1936. Die Bergsteiger schaffen es, sich bis oberhalb des Stollenlochs 3.8 (3,8 km von der Kleinen Scheidegg entfernt) abzuseilen, wo sie Rufkontakt zum Bahnwärter haben. Doch eine Lawine reisst alle bis auf Toni Kurz in den Tod. Dieser muss eine ewig lange vierte Nacht in der Wand verbringen – einsam und in eisiger Kälte. Wundersamerweise überlebt er die Nacht. Er knüpft zwei Seile aneinander, um sich zu den wartenden Rettern abzuseilen. Toni Kurz’ Replik auf die Eingangsfrage des Films, warum jemand überhaupt einen Berg hochsteigen soll, lautete so: «Aber wenn du oben bist, Stunden später, und runterschaust,ann hast du alles vergessen… bis auf den einen Menschen, dem du versprochen hast, dass du wiederkommst.» Kurz kommt nicht wieder. Beim Abseilen bleibt der Knoten, der die beiden Seile verbindet, im Karabinerhaken stecken. Am Seil hängend stirbt er total erschöpft – fünf Meter von den Bergrettern entfernt.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Thomas Senf