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01. Juni 2017

Das Coming-out bei den Eltern

Irgendwann will man es Jugendlicher den Eltern mitteilen, wenn man auf das gleiche Geschlecht steht. David Bangerter und Sarah Chirilli haben es gewagt – und sind auf viel Verständnis gestossen: Andersrum ist voll okay.

David Bangerter mit Eltern
Davids Eltern, Dieter Bangerter und Annette Labusch (links), akzeptieren ihren Sohn, wie er ist.

«Ich bin schwul», eröffnete David Bangerter seinen Eltern eines abends. Das war vor vier Jahren, er war 14 Jahre alt. Sein Coming-out kam plötzlich. Überrascht waren die Eltern aber nicht. «Man kann nicht sagen, dass wir aus allen Wolken gefallen sind», erinnert sich seine Mutter Annette Labusch. Sie hatte es schon geahnt, denn ihr Sohn hatte sich oft mit Jungs verabredet. Und nie mit Mädchen.

Sich seinen Eltern zu öffnen, kostete den heute 18-jährigen Studenten keine grosse Überwindung. «Ich wuchs in einem weltoffenen Umfeld auf», sagt er. Aber so einfach war es dann doch nicht: Bevor er es wagte, es seinen Eltern zu sagen, hatte er sich einer engen Freundin anvertraut. Und danach seinem älteren Bruder. David beschreibt sein Coming-out als eine Achterbahn der Gefühle. Dem unglaublichen Glücksempfinden stand die Angst gegenüber, dass sich etwas in seinem Leben negativ verändern könnte. Seine Furcht erwies sich als unbegründet: Sein Coming-out wurde durchwegs positiv aufgenommen.

Ihre Meinung interessiert uns!
Wie erlebten Sie (/erlebtest Du) das Coming-out bei Eltern oder auch Freunden, in der Schule oder bei der Arbeit? Erstellen Sie einen Kommentar (unten) zu Ihren Erfahrungen, auf Wunsch anonym.


Seine Grosseltern schenkten ihm zur Konfirmation eine Biografie über Harvey Milk, dem ersten offen homosexuellen Politiker der Vereinigten Staaten. Er wurde in den 1970er-Jahren in den Stadtrat von San Francisco gewählt, nachdem er sich während mehreren Jahren für die gesellschaftliche Anerkennung Gleichgesinnter eingesetzt hatte – 1978 wurde er im Amt von einem ehemaligen Stadtratskollegen ermordet.

David Bangerters Eltern hatten kein Problem damit, dass einer ihrer beiden Söhne schwul ist. «Mit beiden haben wir Probleme, mit beiden haben wir Freude», erklärt die 49-jährige Sopranistin. Ihre Kinder akzeptiert sie so, wie sie sind, vorurteilsfrei. Egal welche sexuelle Orientierung man hat, die Verantwortung für sein Handeln müsse jeder selbst übernehmen, betont Dieter Bangerter. Davids Vater machte sich vor vier Jahren jedoch Sorgen, dass es für seinen pubertierenden Sohn schwieriger sein würde, sich mit seiner Sexualität zurecht zu finden, und auch, dass er wohl Mühe haben würde einen Partner zu finden.

Er befürchtete, dass es für ihn schwierig sein würde, jemanden kennenzulernen, der eine ernsthafte Beziehung eingehen will.

David Bangerter hatte Glück. «Bei Julian, unserem älteren Sohn, kam eines morgens eine Frau aus dem Zimmer, bei David war es eben ein Mann», bemerkt der 55-jährige Sozialpädagoge trocken.

Der offene und unproblematische Umgang damit in seinem Elternhaus ist nicht selbstverständlich. «Viele leiden unter ihrer Familie», weiss David Bangerter. In Umfeldern, in denen traditionelle Familienbilder vorherrschen, ist die Situation für Kinder oft schwieriger. Sie merken, dass sie nicht lesbisch oder schwul sein dürfen und versuchen, dies geheim zu halten oder sich deshalb sogar umzugewöhnen.

Seit drei Jahren ist er im Vorstand von «Spot 25», einem Treff für «anderssexuelle» Jugendliche. Hier sind diese gut aufgehoben: Man kann sich austauschen, über Probleme sprechen und hat die Möglichkeit auf unkomplizierte Art Gleichgesinnte kennenzulernen.

Geheimniskrämerei

Sarah Chirilli (in der Mitte) hielt vor Mutter Irene und Schwester Miriam lange geheim, dass sie auf Frauen steht.
Sarah Chirilli (in der Mitte) hielt vor Mutter Irene und Schwester Miriam lange geheim, dass sie auf Frauen steht: Ihre Angst vor Ablehnung war gross.

Sarah Chirilli hielt vor Mutter Irene (l.) und Schwester Miriam (r.) geheim, dass sie auf Frauen steht.

Während es David Bangerter leichtfiel, mit den Eltern über seine sexuelle Orientierung zu sprechen, trug Sarah Chirilli ihre Homosexualität lange als Geheimnis mit sich herum. Dass sie auf Frauen steht, merkte sie schon als Dreizehnjährige. Erst sechs Jahre später brachte sie den Mut auf, darüber zu sprechen und erzählte einem homosexuellen Kollegen von ihrer Neigung. Eine Erleichterung: Sie fand Verständnis, moralische Unterstützung und konnte sich danach auch ihren Freundinnen und Kolleginnen mitteilen. «Es tat gut, endlich darüber sprechen zu können», sagt die 25-jährige Primarlehrerin. «Meine Freundinnen haben es alle gut aufgenommen.»

Ihre Familie ebenfalls. Ihre jüngere Schwester Miriam war nicht wirklich überrascht, denn Sarah hatte weder jemals einen Schwarm gehabt und noch war sie je in einen Jungen verknallt gewesen. Sie hatte sich in eine Frau verliebt, dies wollte sie vor ihrer Familie nicht mehr länger geheimhalten. Sarahs Schwester nahm das Outing ganz locker auf, sie interessierte sich vor allem für eins – wie nämlich die Freundin aussah. «Ist sie hübsch?» , fragte sie damals neugierig, als Sarah von ihr erzählte.

Mami Irene Chirilli war froh, dass sich Sarah in einen Menschen verliebt hatte, der die Gefühle ihrer Tochter erwiderte. Bis dahin hatte Sarah versucht, ihre Neigung zu verbergen. Hatten Kolleginnen nachgefragt, wie ihr Traumann aussehe, schwieg sie. In Männern sah sie nie mehr als Kumpels. «Männer ziehen mich einfach nicht an», erklärt sie. Das andere Geschlecht aber schon. «Berührt mich eine Frau, zu der ich mich hingezogen fühle, kann mich dies elektrisieren», sagt sie.

Gegenwind und Vorurteile

Ihre Mutter sieht die Homosexualität ihrer Tochter ganz pragmatisch. «Tatsache ist: Ungefähr fünf Prozent aller Menschen sind lesbisch oder schwul», sagt die 56-jährige Hausfrau. Das ist wenig, aber ein Teil der Normalität. Nur Sarahs Vater hatte damit Mühe. Als Süditaliener hatte er eine andere Einstellung zur Homosexualität. «Ich habe es deshalb auch deshalb lange vor meinen Eltern verheimlicht, weil ich das Gefühl hatte, ich enttäusche sie», erklärt Sarah. Sie erwartete von ihrem Papà nicht, dass er ihre Neigung sofort akzeptieren würde. Sie ist aber froh und glücklich darüber, dass er seine Vorurteile ablegen konnte.

Heftige Anfeindungen oder Diskriminierung erfuhren weder Sarah Chirilli noch David Bangerter und ihre Familien. Diskussionen kamen jedoch etliche auf.

Besonders heftig wurde die Debatte zum Thema Adoption bei gleichgeschlechtlichen Eltern geführt. «Bei Heteropaaren wird automatisch angenommen, sie wären perfekte Eltern», sagt Davids Mutter, Annette Labusch. «Für ein Kind, das adoptiert wird, sind jedoch vor allem stabile, tragfähige Beziehungen wichtig.»
Ihr Mann findet, dass Geschlecht oder sexuelle Ausrichtung der Adoptiveltern eine zweitrangige Rolle spiele.

Aufklärungsarbeit

Mutter Irene Chirilli (Mitte) und Schwester Miriam (rechts)
Mutter Irene Chirilli (Mitte) und Schwester Miriam (rechts) akzeptieren Sarahs Homosexualität.

Mutter Irene Chirilli (Mitte) und Schwester Miriam (rechts) akzeptieren Sarahs Homosexualität.

«Die Homosexualität ist einem Menschen so angeboren, wie wenn jemand als Links- oder Rechtshänder, blond oder brünett zur Welt kommt», sagt Sarah Chirilli. Sie möchte ihre Erfahrung jüngeren Menschen weitergeben und engagiert sich zusammen mit ihrer Mutter im Schulprojekt «Gleichgeschlechtliche Liebe leben». Dabei besuchen ein schwuler Mann, eine lesbische Frau und ein Elterneil, der das Coming-out seines Kindes erlebt hat, eine Oberstufen-Schulklasse. Das Trio informiert über Bi- und Homosexualität, erzählen aus seinem Leben und beantwortet Fragen.
Ziel dabei: mithelfen, Vorurteile abzubauen und die Teenager in ihrer Selbstfindung zu unterstützen.

«Wäre uns das auf diese Weise aufgezeigt worden, hätte mir das geholfen, mich zu akzeptieren», ist Sarah Chirilli überzeugt. Ihr Weg war beschwerlicher. Es dauerte lange, bis sie sich nicht mehr falsch fühlte. Nun ist sie angekommen.

BERATUNG

Du bist nicht allein

Informationen und Hilfe: www.lgbt-helpline.ch

fels – Freundinnen, Freunde und Eltern von Lesben und Schwulen: www.fels.ch

Beratungs- und Infoplattform von jungen Menschen für junge Menschen: www.du-bist-du.ch

Jugendorganisation für lesbische, schwule, bisexuelle und Transmenschen: www.milchjugend.ch

Schulprojekt: www.gll.ch, www.abq.ch (Kanton Bern), Projekt Comout (Appenzell & St. Gallen)

Spot 25: Treff für anderssexuelle Jugendliche

Autor: Ernst Weber

Fotograf: Gaby Vogt