Archiv
19. September 2016

Adventsfreuden in Österreich

Auch abseits der grossen Städte gibt es in Österreich schöne Adventsmärkte. Ein Christkindl-Bummel nach Mariazell, Steyr, Gmunden, Bad Ischl und … Christkindl.

Wieso zieht es uns immer zu den Adventsmärkten der grossen Städte, wenn doch die kleinen mindestens so schön sind? In Orten, in denen noch das Christkind im Zentrum steht und nicht der Ho-ho-ho-Weihnachtsmann. Das Migros-Magazin hat vier Städte der Vereinigung Kleine Historische Städte in Österreich (KHS) besucht und viel Charme, Dorfcharakter, Schlossromantik und kaiserliches Flair vorgefunden.

Mariazell: Wo Lebkuchen «Lebzelten» sind

Der Ort Mariazell ist vor allem für seine prächtige gotische Wallfahrtskirche bekannt, aber auch für den weltweit grössten hängenden Adventskranz mit 24 Kerzen. An jedem Adventsabend wird eine weitere Kerze angezündet, bis am 24. Dezember alle Kerzen den Heiligen Abend erhellen. Vor der Basilika sind weihnachtliche Marktbuden aufgestellt, in denen Souvenirs, Kunsthandwerk sowie Speis und Trank angeboten werden.

Mariazeller Wallfahrtskirche

Der Markt um die Mariazeller Wallfahrtskirche mit dem grössten Adventskranz der Welt.

Adventszeit ist auch Lebkuchenzeit. In Mariazell heissen sie Lebzelten, und die von Pirker sind schlicht ein Traum. Es lohnt sich, an einer Führung durch die Lebzelterei teilzunehmen. Da erfährt man beispielsweise, dass der Vorteig für die Weihnachtslebkuchen bereits im Sommer angesetzt werden muss. Nur so wird das Gebäck schön weich.

Lebzelten wurden ursprünglich für die Pilger hergestellt, genauso wie der Magenbitter, der in der Likörmanufaktur Arzberger produziert wird – nach einem geheimen Rezept, das auf Cajetan Arzberger und das Jahr 1883 zurückgeht. Die Zusammensetzung der 33 Kräuter wird seither von Generation zu Generation weitergegeben.

Weniger geheimnisvoll, aber ebenfalls traditionell und beliebt ist der Arzberger Pantherstrick. Pullover, Jacken und Halstücher tragen das steirische Wappentier, den Panther, Symbol für Schutz und Kraft. Gerade im Winter ist so ein wärmendes Pantherstrick-Dreiecktuch ein tolles Souvenir.

Steyr–Garsten–Christkindl im Oldtimerbus

Die Christkindl-Stadt ist für Adventsmarktfreunde ein Muss, denn sie bietet zahlreiche Märkte und Konzerte. Neben den Budenständen in der Altstadt und auf der Promenade ist das erste Weihnachtsmuseum Österreichs einen Besuch wert. Seit 1998 fährt eine Erlebnisbahn über drei Stockwerke bis zur Engelwerkstatt – ein herrlich kitschiges Erlebnis! Das Museum zeigt zudem antiken Christbaumschmuck, der aus der Sammlung von Elfriede Kreuzberger (82) stammt. Sie besitzt die grösste Privatsammlung der Welt.

Panorama von Steyr

Ein Muss für Adventsmarktfreunde: Das Städtchen Steyr bietet neben einem schönen Altstadtmarkt ein interessantes Weihnachtsmuseum.

Ganz andere Krippen sind in Garsten zu bewundern. Mit einem alten Steyr-Postauto mit Saurer-Motor gelangt man von Steyr in den Nachbarort, der 2016 den Garstner-Advent zum 40. Mal ausrichtet. In den Barockräumen des ehemaligen Benediktinerstifts sind die berühmten Nagelschmiedkrippen ausgestellt. Als um 1780 Kaiser Joseph II. das Kloster schliessen liess, verbat er auch die Krippen. Das haben die Leute nicht hingenommen, und so entstanden die Kastenkrippen, Krippen eben, die in einem Kasten Platz haben. Tür zu, und weg war die Krippe, wenn die Obrigkeit vorbeischaute. Etwa 40 Nagelschmiede fertigten diese Kastenkrippen nach eigenen Vorstellungen an.

Per Oldtimerbus geht es weiter in den Ort Christkindl mit seiner Wallfahrtskirche. Die Pilgerreise «zum gnadenreichen Christkindl im Baum unterm Himmel» führt auf einen Mann zurück, der Ende des 17. Jahrhunderts ein aus Wachs geformtes Christkind in der Aushöhlung einer Tanne aufbewahrte. Der Epileptiker betete oft davor – und wurde ­geheilt. Die Stelle fand so grossen Zulauf, dass Abt Anselm eine Kirche um den Baum bauen liess. Noch heute schaut das Christkind aus dem Fichtenstamm in der Mitte des Altars.

Eine Besonderheit ist auch das Christkindl-Postamt. Seit 1950 ist es jeweils nur im Advent geöffnet. Jedes Jahr wird eine neue Weihnachtsmarke herausgegeben, die im Postamt auch auf einem Ersttagsbrief erhältlich ist. Briefe von Kindern aus aller Welt kommen ebenfalls in Christkindl an. Absender aus dem Ausland, die den Brief mit internationalem Antwortschein schicken, erhalten auch Antwort.

Gmunden: Schlösseradvent für Romantiker

Wenn bei strahlendem Sonnenschein der Traunsee dampft und die klirrend kalte Luft für rote Nasen sorgt, dann ist in der Keramikstadt Gmunden mit dem berühmten Schloss Ort der Advent angebrochen. Das aus der TV-Serie «Schlosshotel Orth» ­bekannte Seeschloss ist eines der ältesten Gebäude der Region – und war nie ein Hotel. Es liegt, mit einer Holzbrücke verbunden, auf einer Insel direkt vor dem Landschloss Ort. Während des Advents sind beide Schlösser geschmückt, und die Höfe erfüllt von Ständen, Geplauder und Glühweinduft.

Schloss Ort in Gmunden

Einzigartige Kulisse: In Gmunden findet der Adventsmarkt auf Schloss Ort auf dem Traunsee statt.

Vor und in den Schlossmauern ist viel Kunsthandwerk von Hufschmieden, Schnitzern und Drechslern zu sehen, aber auch Mode von jungen Designerinnen und Gmunder Keramik. Kinder dürfen kochen, backen und basteln. Der Besuch der beiden Schlösser ist tagsüber schon schön, aber erst abends im Lichterglanz ist die Romantik perfekt.

Bad Ischl: Kaffee trinken wie Kaiserin Sissi

Das kaiserliche Städtchen putzt sich im Advent jeweils besonders heraus. Kinder und Jugendliche laufen im Kurpark auf dem bunt beleuchteten Kaisereis Schlittschuh, und in der Trinkhalle findet der kleine, aber feine Ischler Adventsmarkt statt. Das Thema geben auch hier die Handwerker vor. So näht und bestickt Trachtenschneider Gustav Schauer (71) vor Ort kleine Filztaschen – ein praktisches Weihnachtsgeschenk.

Im Schaufenster und in den Regalen der Konditorei Zauner tummeln sich Engel und Schaukelpferde, doch die Spezialität ist der Zauner Stollen. Er besteht aus zerbröselten Oblaten und Nougatschokolade – einfach unwiderstehlich! Das Café ist meist rappelvoll.

Wer Fan der Kaiserin Sissi ist, darf sich das Café Sissy nicht entgehen lassen. Es verströmt das Flair von damals, ist aber für Nichtraucher eine Zumutung. Nun gut, Kaiserin Sissi hat auch geraucht. Und Hosen getragen. Sie liess sich auf Korfu sogar ein Tattoo auf die Schulter stechen, einen Anker.

Kaiservilla in Bad Ischl

Im Esszimmer der Kaiservilla in Bad Ischl meint man, Kaiserin Sissi müsse demnächst eintreten.

Derlei Dinge erfährt man während des Besuchs der Kaiservilla. Sie war das Kostbarste, was der junge Kaiser Franz Josef I. seiner Sissi zur Hochzeit geschenkt hatte. Die Kaiservilla ist heute noch eingerichtet wie damals, als die kaiserliche Familie zur Entspannung nach Bad Ischl reiste. Franz Josef und Sissi sind auch im Stadtmuseum ein Thema. Doch im Advent ist dort die riesige Kalss-Krippe der Anziehungspunkt.

Autor: Inge Jucker

Fotograf: Inge Jucker