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27. Dezember 2011

Das blaue Wunder erleben

Bänz Friedli gelobt Besserung.

Am 8.November holt bei uns im Quartier das sogenannte Cargo-Tram allfälliges Sperrgut ab. Und am 27. Dezember 2012 ist Kartonabfuhr, ich habs soeben in den Kalender fürs neue Jahr eingetragen, zusammen mit Altpapier, Klarinetten- und Akkordeonstunden, mit kirchlichem Unterricht, Pfadi, Fussball- und Klettertrainings, mit Besuchstagen, Projektwochen, und, und, und … Wie machen das bloss Familien mit, sagen wir mal, fünf Kindern? Familienplaner mit so vielen Spalten gibt es meines Wissens nicht. Und überhaupt, wie behält man da Übersicht und Nerven?

Man könnte sich die Grünabfuhr- und Altkartontermine auch aufs Smartphone beamen lassen, es gibt einen SMS-Service, aber ich bin halt ganz der Papiertyp, muss alles immer aufgeschrieben haben. Wann sind die eigentlich aufgekommen, die Familienkalender? Wir hatten daheim keinen, damals, in den Siebzigerjahren. Wenngleich auch wir mit Klavierstunde, Damenriege und Zauberlektionen (Ehrenwort, jetzt! Mein Bruder war Zauberlehrling, er bekam Privatstunden, und ich habe ihn darum furchtbar benieden) bereits Terminstress hatten. Der Turnverein trainierte zwei Dörfer weiter, meist nahm ich das Velo, aber wenn es regnete und ich Glück hatte, fuhr Vater mich hin: mit dem blauen Wunder.

Sein Renault 20 hatte die Farbe «bleu métallisé», was gut tönte, in Wahrheit aber so scheusslich war, dass wir das Auto spöttisch «das blaue Wunder» nannten. Vermutlich stammte der Ausdruck von Vater selber; als er gewahr wurde, dass er sich in der Farbwahl trompiert hatte, flüchtete er sich in die Ironie. Er war ein gnadenloser Wortspieler, schon vor dem Frühstück zu Spässen aufgelegt. Manche seiner Sprüche haben sich mir eingebrannt: «Paradox ist, wenn ein Mädchen sich mit seiner knabenhaften Gestalt brüstet.» Den Satz zitierte ich auswendig, Jahre, bevor ich schnallte, warum er lustig ist. Die wüstesten Stellen der Literatur nannte er, der Deutschlehrer, mir, etwa Heinrich Heines struben Vers: «Was dem Menschen dient zum Seichen, damit schafft er seinesgleichen.» Dreimal dürfen Sie raten, was ich später meinen Kindern beibrachte …

Ich habe alle Termine eingetragen.

«Ich habe alle Termine eingetragen.»
«Ich habe alle Termine eingetragen.»

Am Weihnachtsgottesdienst musste ich wieder an Vater denken und wie schelmisch er zu schmunzeln pflegte, wenn der Präsident unserer Kirchgemeinde erwähnt wurde. Wie der hiess, verrate ich besser nicht, sonst gibts böse Leserbriefe; aber mein Vater ist schuld, dass ich mir noch heute — wohl wissend, dass man sich über Namen nicht lustig macht — besonders lustige Namen merke. Just wie er sich einst über die Weltcupfahrerin Regine Mösenlechner mokierte, kann ich mich daran ergötzen, dass der Captain der deutschen Fussballer Lahm heisst, ein anderes Teammitglied Träsch, ein österreichischer Eishockeyprofi Hundertpfund und eine bedauernswerte Hürdenläuferin Schrott, Beate Schrott. Und dass ein Countrymusiker auf den Namen Keith Urban hören muss, einer, der vorab die ländliche Bevölkerung erfreuen will! Das ist, wie wenn eine Prostituierte Keusch hiesse, ein Vegetarier Fleischli oder ein braver Kirchgemeindepräsident … Okay, ich verrate es: Der gute Mann hiess Ficker. Und Vaters Belustigung war albern. Aber ansteckend. So, Schluss, jetzt! Ich gelobe Besserung! Aber tat ich das — Gopf, Friedli, noch mal! — nicht schon letztes Jahr?

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli