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02. März 2015

Das Babyfenster ist nicht die einzige Lösung

Babyklappen sind umstritten, weil sie dem Kind das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft nehmen. Für Heidi Simoni, Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind in Zürich, wäre die «vertrauliche Geburt» eine Alternative: die Mutter gebärt inkognito im Spital, hinterlegt für ihr Kind aber ihren Namen. Und was meinen Sie zu Babyklappen?

Ein Babyfenster
Ein Babyfenster. (Bild: Keystone)

Vor zwei Wochen hat im Spital Einsiedeln SZ erneut eine Mutter ihr Neugeborenes ins Babyfenster gelegt. In der Schweiz gibt es sechs anonyme Abgabestellen für Babys. Fünf werden von der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind (SHMK) in Zusammenarbeit mit verschiedenen Spitälern betrieben. Gemäss dieser christlich motivierten Stiftung retten Babyfenster Menschenleben: «Frauen, die ihr Kind in ein Babyfenster legen, befinden sich in einer extremen Notsituation. Könnten sie das Baby nicht anonym abgeben, würden sie es vielleicht aussetzen», sagt SHMK-Präsident Dominik Müggler (56).

Babyfenster sind bei Experten umstritten, weil die anonyme Abgabe gegen das Gesetz verstösst: «Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung ist sowohl in der UN-Kinderrechtskonvention wie auch im nationalen Recht festgehalten», sagt Rechtsprofessorin Andrea Büchler (46) von der Universität Zürich. Eine Alternative zum Babyfenster wäre die «vertrauliche Geburt», bei der die Mütter inkognito im Spital gebären, ihren Namen jedoch hinterlegen. In Deutschland ist die vertrauliche Geburt seit letztem Frühling im Gesetz verankert. In der Schweiz scheiterten bisher auf nationaler Ebene alle politischen Vorstösse in diese Richtung. Trotzdem gibt es mehrere Spitäler, welche die vertrauliche Geburt ermöglichen, so das Inselspital Bern. SHMK-Präsident Müggler findet die vertrauliche Geburt eine gute Sache, die Babyfenster brauche es trotzdem: «Diese Frauen wollen Schwangerschaft und Geburt um jeden Preis verheimlichen. Sie wollen also nicht ein wenig Anonymität, sondern absolute.»

DAS INTERVIEW mit Heidi Simoni (57), Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind in Zürich

Heidi Simoni (57)
Heidi Simoni (57), Leiterin des Marie Meierhofer Instituts für das Kind in Zürich

«Ist die Verbindung zu den biologischen Eltern gekappt, bleiben für immer Leerstellen»

Heidi Simoni, was treibt eine Mutter so weit, dass sie ihr Kind anonym im Babyfenster abgibt?

Das sind wahrscheinlich ganz unterschiedliche Situationen. Ihnen gemeinsam ist, dass diese Frauen keinen anderen Ausweg sehen. Wenn sie die Schwangerschaft feststellen, ist das ein Schock. Sie sind gelähmt vor Angst. In diesem Zustand ist es schwierig, nicht in eine Spirale von Verheimlichung und Isolation zu geraten.

Ist in diesem Fall das Babyfenster die richtige Lösung?

Ob es die richtige Lösung ist, bleibt fraglich. Es ist auf jeden Fall eine Notlösung, die trotz aller Fragezeichen wichtig sein kann. Das Babyfenster ist unter anderem problematisch, da es dem Kind das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft nimmt.

Warum ist es für ein Kind so wichtig zu wissen, woher es kommt?

Jedes Kind beschäftigt sich mit seiner Herkunft: Wer und wie ist meine Mutter, wie mein Vater, wie meine Grosseltern? Wo bin ich ihnen ähnlich? Wo ganz sicher nicht! Wurzeln und ein roter Faden in der Lebensgeschichte sind wichtig für unsere Identität. Ist die Verbindung zu den biologischen Eltern gekappt, bleiben da für immer Leerstellen. Und bei anonym abgegebenen Kindern bleibt natürlich auch immer die Frage: Warum? Das ist ein Türöffner für Fantasien in alle Richtungen, was sehr quälend sein kann.

Ein Argument für Babyfenster ist, dass sie Leben retten.

Ob eine Mutter ihr Kind töten würde, wenn sie es nicht anonym abgeben könnte, wissen wir nicht. Babyfenster sind als Alternative zur Abtreibung entstanden. Schwangere in Notsituationen brauchen ganz dringend eine Beratung, die offen ist für verschiedene Lösungen – und nicht eine, die schon weiss, was das Richtige ist.

Die Akzeptanz der Babyfenster ist gemäss einer Studie im Auftrag der Schweizerischen Hilfe für Mutter und Kind relativ gross: 61 Prozent betrachten das Angebot als «sehr sinnvoll», 30 Prozent als «eher sinnvoll».

Die meisten Leute wissen eben auch nicht, was es sonst noch für Lösungen gibt. Eine deutsche Studie zeigt: Betroffene Frauen suchen meist im Internet nach Informationen und bleiben bei der ersten Notlösung für sich und das Kind hängen. Ich habe das selber getestet. Mit den Stichworten «Schwangerschaft», «Konflikt» und «Beratung» bin ich ziemlich schnell beim Babyfenster gelandet.

Eine Alternative zum Babyfenster wäre die «vertrauliche Geburt», bei der die Frauen im Spital inkognito gebären und ihre Identität hinterlegen. Wie funktioniert das genau?

Das ist eine knifflige Aufgabe für das Spital. Die Mutter soll für das Kind Informationen über sich und ihre Situation hinterlassen und trotzdem für die Behörden anonym bleiben können. Das Personal muss für solche Fälle sorgfältig vorbereitet sein. Seine Chance besteht darin, mit der Gebärenden in ein Gespräch zu kommen und ihr – für jetzt oder für später – Wege aus ihrer Isolation aufzuzeigen.

Wird dabei nicht das Wohl des Kindes gegen das Wohl der Mutter aus­gespielt?

Nein, das ist kein Gegensatz. Diese Lösung respektiert nicht nur das Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Abstammung, sondern bietet auch Sicherheit für die Mutter. Legt eine Mutter ihr Kind in die Babyklappe, hat sie vermutlich alleine geboren. Das ist ein grosses Risiko. Die vertrauliche Geburt hingegen ermöglicht eine gute medizinische und psychologische Betreuung.

Was raten Sie einer Frau bei einer ungewollten Schwangerschaft?

Eine Frau, die aufgrund einer Schwangerschaft in eine Konfliktsituation geraten ist, kann eine regionale Schwangerschaftsberatungsstelle aufsuchen. Sie kann sich auch telefonisch an den Elternnotruf oder die Elternberatung der Pro Juventute wenden.

Autor: Andrea Freiermuth