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08. Oktober 2012

«Das Angestelltenleben bringt viele Vorteile mit sich»

Unternehmensberater Conrad Pramböck ist überzeugt: Angestellte haben es viel besser als Selbständige. In seinem Buch «Jobstars» plädiert der Österreicher dafür, es sich zwei Mal zu überlegen, bevor man ein eigenes Geschäft eröffnet.

Conrad Pramböck
Conrad Pramböck findet, Personalmanagement ist 
eigentlich banal: Man muss sich anhören, was die Mitarbeiter wollen.

Die wichtigsten Vor- und Nachteile des eigenen Unternehmens sowie Tipps zum Start: Selbständig oder angestellt?

Conrad Pramböck, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass die meisten Selbständigen «arme Schweine» sind und starke Züge von Narzissten, Machiavellisten und Psychopathen in sich tragen. Meinen Sie das ernst?

Ich zitiere eine Studie zweier deutscher Wissenschaftler, die zu diesem Schluss gekommen sind. Mir ging es vor allem darum, den öffentlichen Diskurs zu zwei Themen anzuregen: Einerseits gibt es sehr viele Angestellte, die sich am Montagmorgen nur widerwillig zum Arbeitsplatz schleppen, also unzufrieden sind mit ihrem Job – eine enorme Ressourcenverschwendung. Andererseits werden Selbständige immer in den Himmel gelobt. Als wären Angestellte die Arbeitenden zweiter Klasse – bedauernswerte Wesen, die es nicht geschafft haben, sich selbständig zu machen. Dem wollte ich etwas entgegenhalten.

Es ging Ihnen also um eine Provokation.

Ich habe auch einige wütende Reaktionen von Selbständigen bekommen. Aber Angestellte haben es nun mal viel einfacher, ihre beruflichen Ziele zu erfüllen. Das fängt schon in der Ausbildung an, die von der Schule bis zum Studium darauf ausgerichtet ist, aus uns gute Angestellte zu machen. Wer sich selbständig machen will, muss das oft im Verfahren «learning by doing» machen – und jeder Fehler kostet Geld.

Wer macht sich trotzdem selbständig?

Jene, denen das, was sie tun, wahnsinnigen Spass macht und die kein besseres Umfeld dafür gefunden haben als die Selbständigkeit, und jene, welche die Freiheit schätzen, das zu tun, was ihnen wirklich Spass macht. Mir ist kein einziger erfolgreicher Selbständiger begegnet, der einfach nur Geld verdienen will – anders als die Mehrheit der Angestellten, denen es primär darum geht. Allerdings scheitert ein Drittel aller Selbständigen in den ersten drei Jahren. Das finde ich ziemlich viel.

Das Leben als Angestellter setzt voraus, dass es erfolgreiche Selbständige gibt.

Auf jeden Fall. Ich rede ja auch nicht gegen die Selbständigen. Es geht mir darum, den Angestellten klarzumachen, dass es eine Mär ist, dass man sich selbständig machen muss, um reich, glücklich, frei oder berühmt zu werden.

Sie raten den Angestellten auch, die positiven Eigenschaften von erfolgreichen Selbständigen für sich abzukupfern.

Das ist für mich die zentrale Botschaft des Buchs: Verhaltet euch wie Selbständige, aber denkt lieber fünf- oder zehnmal darüber nach, bevor ihr euch selbständig macht, weil das Angestelltenleben so viele Vorteile mit sich bringt. Angestellte können sich auf ihre wahren Kompetenzen konzentrieren und müssen sich nicht um alles kümmern; sie sind durch das Arbeitsrecht in Krisenzeiten besser geschützt, und sie verdienen im Schnitt deutlich mehr als Selbständige. Es ist zwar richtig, dass man als Angestellter kaum je zum Millionär wird, aber auch von den Selbständigen schaffen das nur die wenigsten. Die Wahrscheinlichkeit, als Selbständiger zum Millionär zu werden, ist etwa gleich gross wie als Lottogewinner.

Es gibt viele Unzufriedene – eine Ressourcenverschwendung.

Nun ist ja das Angestelltenleben für viele auch kein Zuckerschlecken.

Es ist schlimm, was sich heute in den Unternehmen abspielt. Aus meiner Sicht verfolgen Angestellte, die nur für Geld arbeiten, den falschen Ansatz ...

Aber das tun doch praktisch alle.

Das Problem ist: Wer nur für Geld arbeitet, ist bereit, in jedem anderen Punkt Kompromisse einzugehen. Er wird auch jedes Risiko vermeiden, um seinen Job ja nicht zu gefährden. Fatal für das Unternehmen ist, wenn zu solchen Angestellten noch Führungskräfte hinzukommen, die ihren Status nicht ihrer Leistung verdanken, sondern irgendwelchen Beziehungen oder Machtspielchen. Diese Konstellation gibt es in vielen Firmen.

Was tut man als Mitarbeiter, wenn man in einer solchen Konstellation steckt?

Kündigen. Aber bevor man sich dann aus lauter Verzweiflung unüberlegt selbständig macht, sollte man erst mal sehen, ob man nicht ein Unternehmen findet, das ein besseres Umfeld bietet. Mit meinem Buch möchte ich den Angestellten Mut machen, sich nicht alles gefallen zu lassen. Gute, kompetente Fachkräfte sind Mangelware – wer in diese Gruppe gehört, kann sich heute seinen Arbeitgeber aussuchen. Die Talente haben den sogenannten «War for Talents» schon gewonnen.

Es gibt ja einige interessante Entwicklungen in der Arbeitswelt: keinen eigenen Arbeitsplatz mehr, home office days, die luxuriöse Rundumbetreuung der Angestellten wie bei Google. Wie beurteilen Sie diese Trends?

So allgemein lässt sich das nicht sagen. Keinen eigenen Arbeitsplatz mehr zu haben ist für manche Mitarbeiter was, für andere aber gar nicht. Problematisch ist, wenn Unternehmen glauben, alle Mitarbeitenden über einen Kamm scheren zu können. Das funktioniert nicht. Für mich ist die perfekte Arbeitsumgebung ein eigenes Büro, bei dem die Tür offen steht, mit einer Kaffeeküche in der Nähe, wo ich mit Kollegen ins Gespräch kommen kann. Aber das bin ich.

Sie plädieren also für die grösstmögliche Flexibilität und Individualität.

Das Bemerkenswerte beim Personalmanagement: Fast alles ist banal und uralt. Man muss halt mit dem Mitarbeiter sprechen und sich anhören, was der so möchte. Aber es ist eben einfacher zu versuchen, die Mitarbeiter mit einem Programm für alle glücklich zu machen. Und natürlich auch billiger. Sie glauben gar nicht, wie viele Führungskräfte persönliche Gespräche vermeiden, weil sie sie als zeitraubend und belastend empfinden. Am liebsten wäre ihnen, es würde alles von alleine laufen, und das Personal liesse sich über Excel-Dateien steuern. Das kann ja nicht gut gehen.

In der Schweiz wächst das Unbehagen wegen der hoch qualifizierten Ausländer aus der EU, die gut bezahlte Jobs finden.

Diese Ängste gab es in Österreich vor dem EU-Beitritt auch, aber am Ende ist nicht viel passiert. Die Schweiz zahlt extrem gute Löhne, deshalb zieht sie auch mehr Leute an. Aber Angst davor haben? Warum? Besser sein! Wir leben in einer kompetitiven Gesellschaft, der globale Wettbewerb wird härter, es wird nicht einfacher werden. Das muss man sich klarmachen.

Wie zufrieden sind Sie als Angestellter?

Ein grösseres Büro mit schönerer Aussicht wäre nett, aber das sind Luxusprobleme.

Sie betonen ja auch, wie viel mehr Freiheit man als Angestellter hat. Nutzen Sie die?

Oh ja. Nach der Arbeit verbringe ich viel Zeit mit guten Freunden und spiele oft und gerne Klavier. Und dann ist da natürlich noch die Familie.

Conrad Pramböck: «Jobstars: Mehr Glück, mehr Erfolg, mehr Leben als Angestellter», edition a, Wien 2012

Fotograf: Renate Hügli