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19. September 2016

Das «Alte Mädchen» rockt

Hamburg, von Schlagersänger Freddy Quinn liebevoll als «Altes Mädchen» besungen, ist bald um eine Attraktion reicher: Am 11. Januar 2017 eröffnet die Elbphilharmonie der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron.

Elbphilharmonie in Hamburg
Die Elbphilharmonie wurde von den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron erbaut.

Die Hamburger Hafencity hat endlich eine neue Skyline – mit der beeindruckenden Silhouette der Elbphilharmonie. Sie be­findet sich an der westlichen Spitze des grössten innerstädtischen Stadtentwicklungsprojekts Europas. Was mussten sich die 1,8 Millionen Einwohner der zweitengrössten Stadt Deutschlands gedulden!

Das Prestigeprojekt der Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron startete vor bald einmal zehn Jahren und hätte damals weniger als 100 Millionen Euro gekostet. Wenn der auffällige Bau mit seiner Glasfassade und dem Speicherfundament am 11./12. Januar 2017 feierlich eröffnet wird, stehen Gesamtkosten von 866 Millionen Euro an. Darin befinden sich Wohnungen, Restaurants und das Luxushotel Westin. Herzstück wird der grosse Konzertsaal sein, der 2100 Plätze in einer Weinbergarchitektur fasst: Die Sitze befinden sich alle rund um die Bühne. Kein Platz ist mehr als 30 Meter vom Dirigenten entfernt.

«Die Elbphilharmonie setzt ein architektonisches und städtebauliches Signal», schwärmt Bürgermeister Olaf Scholz. «In den Konzertsälen werden Klassik, Jazz, Welt- und Popmusik zu hören sein.» Und der Grosse Saal soll dank Gipsfaserplatten in die Top Ten der akustisch besten Konzertsäle dieser Welt vorstossen. Ein massstabgetreues Modell kann man noch bis Anfang 2017 im Elbphilharmonie-Pavillon bei den Magellan-Terrassen bewundern. Gute Nachricht für die Touristen: Eintrittsbillette für die «Elphi», wie sie die Einheimischen nennen, sind ab 10 Euro erhältlich.

Besucht man die Hafencity, das ehemalige Hafengebiet Hamburgs, so fällt das Gebäude mit seinem maritimen Charakter von weit her auf, egal, ob man einfach durch das Viertel schlendert oder von den St. Pauli Landungsbrücken, Europas grösstem schwimmenden Bahnhof, eine Hafenrundfahrt auf der Elbe unternimmt.

Wer die städtebaulich interessante Hafencity sehen will, sollte dies mit einem Besuch in der Speicherstadt kombinieren. Sie zählt seit 2015 zum Unesco-Welterbe und macht die Hansestadt unverwechselbar. Die einheimische Reiseleiterin Mara Burmeister – Vater Neapolitaner, Mutter Hamburgerin – weiss: «Die Speicherstadt war der grösste zusammenhängende Lagerpatz der Welt.» Auch im Gebäude der Elbphilharmonie wurden früher Kakao, Kaffee und Tee gelagert.

Mara, die in Grossbritannien auf die Welt und mit zwei Monaten nach Hamburg kam, liebt in der Speicherstadt «Schönes Leben». Das Lokal ist Restaurant, Laden und Café in einem. Die Speicherstadt ist auch voller Museen und Touristenattraktionen wie dem Automuseum Prototyp, Hamburg Dungeon (nichts für Schreckhafte!) oder dem Maritime Museum, das die Geschichte der Seefahrt bis in die Neuzeit aufzeigt. Ein garantierter Spass für die ganze Familie ist das Miniatur-Wunderland, die grösste Modelleisenbahnanlage der Welt.

Zu Gretchens Zuckerbude im Karoviertel

Wirklich verliebt ist die quirlige Mara hingegen in das angesagte Schanzenviertel, wo sie mit ihrer Familie wohnt. Einst Ort der stinkenden Schlachthöfe und vor 25 Jahren eine Drogenhochburg, liessen sich während des Internetbooms Firmen der New Economy nieder. Heute prägen urchige Kneipen wie «Oma’s Apotheke» oder «Altes Mädchen», Restaurants wie die «Bullerei» des populären TV-Kochs Tim Mälzer, Cafés wie «Unter den Linden», Boutiquen und Läden von ­Kreativen das Stadtbild. Als «Altes Mädchen» hatte übrigens der Heimweh-Hamburger Freddy Quinn seine Stadt liebevoll besungen. Seine Liebe zur Musicalhauptstadt Hamburg ist bis heute ungebrochen.

Mara mag auch das angrenzende Karolinenviertel, wo sich entlang der Marktstrasse viele interessante Geschäfte niedergelassen haben: der Herrenkleiderladen «Herr von Eden», «Gretchens Zuckerbude» (Patisserie und Café) und gleich nebenan das kleine Café «Gretchens Villa». Von dort ist es nicht mehr weit bis zur Rindermarkthalle in St. Pauli, gleich neben dem Fussballstadion des kultigen Vereins. In diese Halle sind Lebensmittelläden, Cafés und Restaurants eingezogen. Sie ist ein weiteres Exempel für die Dynamik in der Stadt, die laut dem Londoner Institut Economist Intelligence zu den weltweit zehn lebenswertesten Orten zählt – mit mehr Brücken als Venedig und Amsterdam zusammen.

Viel zur Lebensqualität tragen die grossen Parks und Grünflächen bei, die Elbe und die Binnen- und Aussenalster, die zum Joggen oder auch nur zum Spazieren einladen. Und sollte es beim Sporttreiben einmal regnen, einfach nicht übers Wetter meckern und es mit Humor nehmen, rät Mara. «München hat mehr Regentage als wir. Unser Humor ist ähnlich wie der britische. Schwarz-grau, anthrazit und von hinten durch die Brust ins Auge», vergleicht sie in rekordverdächtig schneller Wortfolge. Die Einheimischen hätten wahrscheinlich für Regen fast so viele Begriffe wie die Inuits für Schnee. «Richtig regnen tut es sowieso erst, wenn die Heringe auf Augenhöhe vorbeischwimmen.» Immerhin ist das Meer über 100 Kilometer entfernt. Trotzdem wird die lebenswerte Grossstadt mit ihrem herben Charme immer wieder von Sturmfluten heimgesucht.

Die meisten Touristen tummeln sich in der Innenstadt, flanieren unter den Alsterarkaden, wo Mara gerne im «Saliba» einkehrt: «Feine Küche aus Syrien. Der Vorspeisenteller hat absolute Suchtgefahr.» Die Alsterarkaden sind auch die Gegend des eleganten Einkaufens, des Stelldicheins von Marken wie Bulgari, Michael Kors oder exklusiven Juweliergeschäften. Die Einkaufspassage Hanse-Viertel mit ihrem berühmten Hummerstand gilt als Hamburgs «schönstes Viertelstündchen».