Archiv
30. Juli 2012

«Das Alien war ein Typ in einem Gummianzug»

Mit seinem Film «Prometheus» kehrt Regisseur Ridley Scott zu den Wurzeln zurück: ins Universum der Aliens. Der britische Star über gläubige Astronomen, die Zeit vor den Computeranimationen und Erich von Dänikens Mitarbeit am neuen Film.

Mit seinem zweiten Film «Alien» wurde Regisseur Ridley Scott 1979 weltberühmt. (Bild: Armando Gallo/InterTOPICS)

Ridley Scott, Ihr neuer Film «Prometheus» war ursprünglich als Vorgeschichte Ihres Scifi-Horror-Klassikers «Alien» geplant, doch dann machte sich das Projekt irgendwie selbstständig.

Es begann mit ein paar Fragen zum ersten «Alien»-Film, Fragen, die aus meiner Sicht offensichtlich waren, die aber nie jemand gestellt hatte, geschweige denn in den drei Nachfolgefilmen thematisiert hätte. Aber von einer ersten Idee bis zu einem fertigen Film vergeht viel Zeit, und in diesem Fall kamen durch die beiden Drehbuchautoren ein paar weitere interessante Ideen hinzu. Und plötzlich war es sehr viel mehr als nur eine Vorgeschichte.

Welche offensichtlichen Fragen?

Es gibt in «Alien» diese Szene, in der die Crew des Raumschiffs «Nostromo» auf das Wrack eines anderen Schiffs stösst, in dem ein riesiger, toter Ausserirdischer im Pilotensessel sitzt. Niemand hat die Frage gestellt, wer das ist, warum er sich gerade dort befindet und was er allenfalls mit dem Alien-Wesen zu tun hat. Niemand. Seltsam, nicht? Das wurde unser Ausgangspunkt.

Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)
Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)
Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)
Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)

Sie thematisieren auch noch ein paar sehr viel grössere Fragen. Es geht um nichts Geringeres als die Ursprünge der Menschheit.

Es geht um die Frage, ob der Mensch sich zufällig entwickelt hat oder ob wir Ergebnisse einer konkreten Schöpfung von jemandem oder von etwas sind. Vielleicht die eines Gottes oder einer überlegenen Rasse. Persönlich halte ich es für mathematisch praktisch ausgeschlossen, dass ich – wie ich hier so sitze und rede – das Ergebnis eines rein zufälligen biologischen Prozesses sein soll. Ich glaube, da steckt mehr dahinter, auch wenn ich mich nicht auf etwas Bestimmtes festlegen kann.

Die weibliche Hauptfigur in «Prometheus» ist eine interessante Mischung aus Gläubige und Wissenschaftlerin.

Sie ist eine Wissenschaftlerin und glaubt gleichzeitig an Gott. Ich habe mit einigen Astronomen gesprochen, und bemerkenswerterweise haben mir die meisten gesagt, sie seien gläubig. Sie schauen durch ihre Teleskope auf diese fantastischen Welten da draussen im All und fragen sich, wer sie kreiert hat. Unsere Figur ist also durchaus realistisch.

Gespielt wird sie von der schwedischen Schauspielerin Noomi Rapace. Wie haben Sie sie ausgewählt?

Ich habe sie in der schwedischen Fassung von «The Girl with the Dragon Tattoo» gesehen und dachte, wow!, wer ist das denn? Generell neige ich heute eher zu Low-Budget- und Independent-Filmen, dort finden die interessanten Innovationen statt. Nicht so viel Geld zur Verfügung zu haben, macht einen erfinderischer. Die grossen Filme schaue ich weniger und weniger, die werden immer schlechter. Ich sah «Dragon Tattoo» dreimal und hatte von Noomi den Eindruck eines runtergekommenen Punk-Mädchens. Als ich sie für «Prometheus» zu einem ersten Treffen einlud, spazierte diese wirklich schöne junge Frau in den Raum, und ich realisierte, dass ich es mit einer echten Schauspielerin zu tun hatte.

Sie haben mal gesagt, wenn man die Rollen eines Films gut besetze, seien 50 Prozent aller Probleme schon gelöst.

Das Casting ist extrem wichtig, und ich verbringe immer viel Zeit damit. Sobald das Drehbuch steht, habe ich recht klare Vorstellungen, wen ich brauche. Da strecke ich bereits meine Fühler aus. Dann trifft man sich mal, redet über alles, nur nicht über den Film. Es geht darum rauszufinden, wer der andere als Person ist. Und wenn das passt, dann biete ich die Rolle an. Der Schauspieler liest das Drehbuch und sagt hoffentlich zu. Am Ende des Prozesses vertrauen mir die Schauspieler, wir sind zu einem eingeschworenen Team geworden. Und ich versuche, eine möglichst entspannte Atmosphäre auf dem Set zu haben. Es gibt meist ziemlich viel zu lachen.

Es war ein glücklicher Zufall, dass ich vor 35 Jahren auf H. R. Giger stiess.

Das Design des neuen Films ist recht anders als jenes legendäre von H. R. Giger für «Alien». Wie kam es damals zur Zusammenarbeit?

Es war ein glücklicher Zufall, dass ich vor 35 Jahren auf Giger stiess. Er wollte damals nicht nach London kommen, weil er Angst vor dem Fliegen hatte, also reiste ich in die Schweiz, nach Zürich glaube ich. Dort setzte ich mich mit ihm zusammen und überredete ihn mitzumachen. Er reiste dann mit dem Zug nach London und blieb für ein Jahr. In der Zeit entstanden all die Kreaturen und Designs für «Alien». Damals gab es noch keine digitale Unterstützung, es musste alles physisch kreiert werden. Das Alien war ein Typ in einem Gummianzug, und dieser Anzug musste so gestaltet sein, dass er nicht zu schwer war und der Schauspieler sich noch bewegen konnte. Das wiederum schränkte mich ein Stück weit ein, wie viel ich von der Kreatur zeigen konnte. Aber weniger ist immer besser. Das war auch bei «Jaws», dem «Weissen Hai», von Spielberg so.

War H. R. Giger auch diesmal involviert?

Wir haben seine Designs für ein paar kleinere Elemente verwendet. Wir waren in Kontakt mit ihm, aber ehrlich gesagt, er ist ein bisschen langsam geworden – und bei heutigen Filmproduktionen geht alles so schnell. Ich konnte einfach nicht länger warten.

Dafür kam diesmal ein anderer Schweizer zu Ehren, Erich von Däniken.

Oh, von Däniken ist Schweizer? Ja, sein Buch «Erinnerungen an die Zukunft» war die Inspiration für die Grundidee des Films. Lebt er noch?

Erich von Dänikens Buch war Inspiration für die Grundidee des Films.

Ja, er lebt noch. Dann waren Sie also nicht in Kontakt mit ihm?

Nein. Ich erinnerte mich an seine Bücher aus den 60er-Jahren, die Idee, dass die Erde früher schon von Ausserirdischen besucht wurde. Einige fanden die Vorstellung faszinierend, andere haben sie belächelt. Ich finde, die Idee hat was. Der Film basiert lose auf von Dänikens Ideen, aber es gab keine Kontakte.

Es ist Ihr erster 3D-Film. War die Arbeit anspruchsvoller als sonst?

Nicht wirklich. Mich hat ursprünglich ein bisschen gestört, dass man immer noch Brillen braucht, um 3D zu sehen, aber nun gut. Ich bin ein visueller Mensch – bevor ich Regisseur wurde, habe ich als Kameramann Hunderte von Werbefilmen gemacht, das war quasi meine Filmschule. Da fiel mir auch der Umgang mit 3D nicht schwer. Noch heute schnappe ich mir als Regisseur gerne die Kamera und filme selbst, es geht einfach schneller, und man ist viel näher an den Schauspielern dran. Die finden das übrigens durchaus gut.

Sie sind Kameramann, Regisseur, Produzent, Geschäftsmann, sind Sie auch ins Schreiben von Story und Drehbuch involviert?

Absolut. Ich wähle das Thema aus, stelle den oder die Autoren ein, setze mich mit ihnen zusammen und diskutiere die Story. Ich treibe jeweils etwa 60 oder 70 Projekte gleichzeitig voran, sechs wären jetzt so weit, dass man loslegen kann. Diesen Sommer starte ich mit einem neuen Film, «The Counselor», basierend auf einem Drehbuch von Cormac McCarthy, wieder mit Schauspieler Michael Fassbender übrigens.

«Prometheus» spielt im Jahr 2093. Wie stellen Sie sich die reale Welt zu dieser Zeit vor?

Uff, keine Ahnung, um ehrlich zu sein. «Blade Runner» spielt 2019, und wir machten ihn 1982, auch da versuchte ich zu antizipieren. Aus meiner Sicht besteht das Risiko darin, alles zu futuristisch zu machen. Das haben wir damals vermieden, wenn Sie etwa an die Kleidung denken, die Harrison Ford trägt. Auch ich trage ja heute ab und zu Anzüge, die 30 Jahre alt sind. Männerkleidung verändert sich nicht so stark, ist Ihnen das nie aufgefallen? Und wann immer grössere Veränderungen versucht werden, sieht es meist ziemlich albern aus.

«Alien» war ein grosser Hit, lastet da ein gewisser Erfolgsdruck auf Ihnen, nun da Sie wieder in diese Welt zurückkehren?

Nein. Über solche Sachen darf man gar nicht nachdenken.

Auf welchen Ihrer Filme sind Sie besonders stolz?

Ich bin stolz auf alle meine Kinder.

In den «Alien»-Filmen und «Prometheus» wird die Menschheit bedroht. Was, denken Sie, ist die grösste Gefahr für uns?

Wir, definitiv wir.

«Prometheus» läuft ab 9. August in den Kinos.

Interview: Ralf Kaminski

Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)
Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)
Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)
Impressionen aus «Prometheus». (Bild: SCOTT FREE PROD/20TH CENTURY FOX/Kobal Collection)