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03. Dezember 2012

«Das Abstimmen ist mir wirklich wichtig»

In der Türkei wurde die Kurdin Rozan Kayra-Alicioglu mehrmals verhaftet und gefoltert, deshalb flüchtete sie in die Schweiz. Hier hatte sie das Glück, eine alte Dame kennenzulernen, die ihr bei den ersten Schritten zur Integration half. Seit 2008 ist sie Schweizerin.

Rozan Kayra-
Alicioglu
Rozan Kayra-
Alicioglu hilft den Patienten einer psychiatrischen Klinik, den Weg in die Selbständigkeit zu finden.

Die Mieten an zentralen Lagen steigen – auch wegen der Einwanderer. Wo sind die Mietpreise schweizweit am teuersten? Die Infografik zum Thema.

Anfang der 90er-Jahre lief die Verfolgung der Kurden in der Türkei auf Hochtouren. Der Staat kämpfte gegen die PKK, aber es starben und verschwanden auch viele Zivilisten. Die Studentin Rozan Kayra, gerade mal 20 Jahre alt, engagierte sich damals in Diyarbakir, im Südosten des Landes, in einem Menschenrechtsverein. «Wir wurden immer wieder bedroht. Und ich kam mehrfach in Untersuchungshaft und wurde gefoltert.» Leise erzählt sie, was ihr damals widerfuhr. Sie wurde unter anderem geschlagen und erhielt Elektroschocks. «Die längste Haftperiode dauerte 17 Tage.»

Die Drohungen wurden immer schlimmer, und Kayra fürchtete um ihr Leben. Familie und Freunde besorgten ihr ein offizielles Einreisevisum für Deutschland, von dort reiste sie weiter in die Schweiz und bat um Asyl. Das war 1994. «Die Flucht geschah Hals über Kopf, von einem Tag auf den anderen.» Die Schweiz war deshalb das Ziel, weil ihr Bruder schon dort lebte und viel Gutes über das Land erzählte. Sie hatte als Kind auch von Heidi und Wilhelm Tell gehört und im Gymnasium ein bisschen etwas über das Land gelernt.

Noch heute versuchen Leute manchmal, im Infinitiv mit mir zu sprechen.

Der Anfang war trotzdem hart. Da war die Ungewissheit, ob die Behörden sie als Flüchtling anerkennen würden, dazu kam eine leichte Hirnblutung, die sie durch die Schläge in der Haft erlitten hatte. Sie führte zu ständigen Kopfschmerzen und Ohnmachtsanfällen, was Arbeit verunmöglichte. Und natürlich konnte sie die Sprache nicht und sich nur auf Englisch einigermassen verständigen. Auch hat sie das Verhalten der Mitarbeiter an der Empfangsstelle im Kanton Thurgau in schlechter Erinnerung. «Es war dort wie ein Gefängnis für mich, anders als in der Türkei, aber nicht viel besser. Wir durften nur zu bestimmten Zeiten raus; Essenszeiten, Aufstehen, Licht löschen, alles war klar geregelt.» Und das Personal lief mit Hunden durch die Gänge.

Doch das dauerte nur ein paar Tage, dann durfte sie in ein Durchgangszentrum wechseln, wo sich die Lage rasch besserte. «Ich gewöhnte mich an das Leben hier, konnte mich nach und nach besser verständigen, und ein Arzt kümmerte sich um meine Verletzung, was zu einer teuren Operation führte, nachdem klar war, dass ich im Land bleiben durfte.» Den positiven Asylentscheid erhielt sie am gleichen Tag wie das Aufgebot zur Operation im Krankenhaus, rund anderthalb Jahre nach ihrer Flucht.

Eine Zufallsbegegnung führte zu einer wertvollen Freundschaft

Nach der Operation lernte sie beim Spazierengehen am Bodensee eine 86-jährige Frau kennen. «Wir waren beide mit Stock unterwegs und sassen auf derselben Bank am Ufer. Sie sprach mich an, ich versuchte, ihr zu antworten, so fing es an.» Die beiden trafen sich dann bis zum Tod der alten Frau jede Woche, zweieinhalb Jahre lang. «Sie half mir bei meinen Hausaufgaben für den Sprachkurs, und einmal pro Woche haben wir etwas unternommen, gingen einkaufen, ins Kino oder machten Spaziergänge.»

Die Schweizerin hatte niemanden mehr, ausser einem Neffen, der weit weg wohnte. «Es war für uns beide eine wunderbare Sache.» Als Kayra nach Freiburg ging, um ein Studium zu beginnen, schrieben sie einander oder telefonierten. «Dann kamen plötzlich keine Briefe mehr, und sie nahm auch das Telefon nicht ab.» Über die Gemeinde erfuhr sie, dass ihre Mentorin gestorben war. «Ich denke heute noch an sie. Sie war so nett, und ich habe von ihr sehr viel gelernt, nicht nur sprachlich, sondern kulturell — und auch von ihrer Menschlichkeit.»

Rozan Kayra-Alicioglu: «Meine Vergangenheit ist in der Türkei, meine Gegenwart hier.»
Rozan Kayra-Alicioglu: «Meine Vergangenheit ist in der Türkei, meine Gegenwart hier.»

Rozan Kayra wechselte dann nach Luzern und studierte dort Sozialarbeit an der Hochschule. Heute ist die 38-Jährige ausgebildete Sozialarbeiterin und Systemtherapeutin; sie arbeitet in der psychiatrischen Klinik in Königsfelden AG und bereitet dort Patienten auf die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben vor. 2005 hat sie ihren heutigen Ehemann kennengerlent, ebenfalls ein aus der Türkei geflüchteter Kurde, die beiden leben gemeinsam in Sursee LU.

2008 folgte die Einbürgerung. «Dann konnte ich endlich abstimmen, das war mir wirklich wichtig.» Allerdings dauerte das Verfahren zweieinhalb Jahre. Und den Auftritt vor der Einbürgerungskommission fand sie ziemlich unangenehm. Rozan Kayra-Alicioglu fühlt sich heute gut integriert. «Ich kenne mich aus im Land, geografisch und historisch.» Und sie liebt die Schönheit der Schweizer Natur. Dennoch gibt man ihr immer wieder mal zu verstehen, dass sie Ausländerin ist, behandelt sie mit einer gewissen Distanz. «Noch heute versuchen Leute manchmal, mit mir im Infinitiv zu sprechen, und merken erst nach einiger Zeit, dass ich ganz gut Deutsch kann.» Es ist wohl ihr Äusseres, glaubt sie.

Dennoch fühlt sie sich insgesamt wohl in der Schweiz. «Die Sprache ist der Schlüssel, dann Arbeit und soziale Kontakte.» Diese allerdings empfindet sie in der Schweiz als sehr geregelt. «Ein Freund von mir sagt, das Leben in der Schweiz sei tot, wenn am Abend um halb sieben die Migros geschlossen wird. Und so kommt es mir auch ein bisschen vor, zumindest hier in Sursee.» Mittlerweile kann sie mit all dem aber ganz gut umgehen und hat einen grossen, breit durchmischten Freundeskreis. «Es fehlen hier allerdings die Überraschungen im Leben. Die hat man nicht so gerne.»

Zwei ihrer Cousinen sitzen in der Türkei noch immer im Gefängnis

Als sie vier Jahre nach ihrer Flucht zum ersten Mal wieder ins Ausland ging und die Schweiz nach drei Tagen vermisste, realisierte sie, dass sie sich hier inzwischen wirklich zu Hause fühlte. Sie verspürt auch eine gewisse Sehnsucht nach der alten Heimat, hat aber nun bald ihr halbes Leben in der Schweiz verbracht, auch sie ist Heimat geworden. «Meine Vergangenheit ist in der Türkei, meine Gegenwart hier.» Erst nach ihrer Einbürgerung, 2009, war sie zum ersten Mal wieder in der Türkei. «Es war wunderschön, aber vieles hat sich stark verändert. Und es gab auch traurige Momente, weil einige Freunde von damals nicht mehr am Leben sind.» Für sie selbst besteht kein Risiko mehr. «Aber die Auseinandersetzung läuft nach einer gewissen Beruhigung wieder auf Hochtouren.»

Und zwei ihrer Cousinen sitzen seit 20 Jahren in der Türkei im Gefängnis. So hat die politische Verfolgung nach und nach Kayra-Alicioglus gesamte Familie erfasst. Mittlerweile sind praktisch alle in der Schweiz, als anerkannte Flüchtlinge. Die Geschwister sind beruflich integriert, die Eltern längst im Pensionsalter. Sie hat denn auch keine Pläne, später mal in die Türkei zurückzukehren oder sonst in einem anderen Land zu leben als der Schweiz. «Aber ich bin offen und lasse mich gerne überraschen.»

Fotograf: Annette Boutellier