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26. Mai 2014

Danke für den Gepard!

«Sie sind vom ‹Brückenbauer›?», fragte ich diesen Herrn Schneeberger, als er mich vor zehn Jahren anrief, ich sei doch Hausmann und ob ich denn nicht eine Kolumne schreiben möchte … «Nein! Also doch, schon», versuchte er zu erklären, «aber wir heissen jetzt ‹Migros-Magazin›.» Ich ahnte nicht, was auf mich zukommen würde. Wenn ich bei den Heftli, für die ich früher schrieb, pro Monat einen Leserbrief erhielt, war das viel. Nun aber kamen sie korbweise, die Zuschriften.

Die allererste stammte von einer Eva aus Egg: «Ihrer Zeitung steht eine so primitive Kolumne nicht gut an», beschied sie diesem Schneeberger. Doch er, der Chefredaktor, hielt daran fest. Mit Tausenden Mails und Briefen wurde ich seither beschenkt, und an einem trüben Herbstmorgen, da mir nichts gelingen wollte, lag eine Kinderzeichnung im Briefkasten und tröstete mich: «Es gibt Tag da Sind alle Blau und sprechn Chinesisch», schrieb ein Leandro aus Wangen an der Aare. Und genau so fühlte ich mich.

«Dass Sie sich für einen solchen Bockmist hergeben!», schimpfte Frau Gamber.
«Dass Sie sich für einen solchen Bockmist hergeben!», schimpfte Frau Gamber.

Allein die Korrespondenz zum Thema «Butterzopf» mit all den Ratschlägen, wie dieser garantiert aufgehe, füllt eineinhalb Bundesordner, und es erübrigt sich zu schreiben, dass meine Züpfe noch immer flach gerät. Am zweitmeisten Reaktionen löste das Geständnis aus, dass ich mit dem Einkleben der Familienföteli Jaaahre in Verzug sei. Von den Fixleintüchern schweigen wir besser, und die Pasten und Salben, die mir zugesandt wurden, auf dass sie die schmerzhaften Risse an den Fingerkuppen heilten, füllen ein Regal.

Eine 94-Jährige aus der Ostschweiz schrieb: «Huere geil, Ihre Kolumnen im Brügglipuur! PS: So rede ich nur, wenn die Urenkel nicht zuhören …» Nur die eine Frau, die so richtig motzte, wie verwerflich es sei, dass ausgerechnet ein Mann diese Plattform in der meistverbreiteten Zeitung des Landes erhalte, und dann mache der Kerl sich noch über die Hausfrauen lustig …! Wie gern hätte ich ihr geantwortet, ich könne mich gar nicht lustig machen über die Hausfrauen, ich empfände mich ja selber als eine. Aber, ach, sie schrieb anonym. Wochenlang haderte ich, dass sie mir die Chance zur Replik raubte. Und als ich sie endlich vergessen hatte, kam der Brief: «Ich bin im Fall diejenige, die Sie vor einigen Monaten anonym angepflaumt hat. Wollte nur sagen, dass ich inzwischen total Fan Ihrer Kolumne bin!»

Dafür schimpfte Frau Gamber aus Bex: «Dass Sie sich für einen solchen Bockmist hergeben!» Sie werde die Kolumne nie mehr lesen. Ich hatte den berndeutschen Ausdruck «Schnäbi» in die Zeitung geschrieben, und dies nur, weil unsere Anna Luna damals zu jeder Unzeit die Raps von Steff la Cheffe durch die Wohnung schmetterte: «Herr Dokter, Herr Dokter! Ich bruche-n es Schnäbi …» Natürlich hielt Frau Gamber nicht Wort. Sie las heimlich trotzdem weiter und entrüstete sich bei jedem weiteren «Schnäbi» aufs Neue.

Aus meinen Beschwichtigungen ergab sich ein zunehmend lustiger Austausch, bis die muntere Rentnerin, offenbar bilingue, gar offerierte, ich solle die Kinder zu ihr in die Ferien schicken, sie brächte ihnen dann unflätige Wörter auf Welsch bei. Doch als ich wenig später in der Alterssiedlung anrief, beschied mir ihr Nachbar, Madame Gamber sei leider verstorben, und seither vermisse ich ihre zittrig adressierten Briefe.

Sie hat viel beigetragen zu dieser Kolumne. Wie Franziska aus Brunnen, Remo aus Bönigen und Kathrin aus Grosshöchstetten, deren Nicolai, damals vierjährig, vor dem Einschlafen unbedingt das Liedli vom Gepard hören wollte – und es dauerte, bis sie herausfand, dass es sich um «Stille Nacht» handelte: «Alles schläft, einsam wacht nur das traute, hoch heili-Gepard …» Kein Zweifel, das Beste am «Migros-Magazin» sind seine Leserinnen und Leser!

ANNA LUNA GOES WEST

Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, weshalb es an der Schule «LSD» gibt. Zum Blog

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Autor: Bänz Friedli

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