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20. August 2012

Dank Nachhilfe im Wettbewerb bestehen

Jeder dritte Jugendliche beansprucht neben der Schule Nachhilfeunterricht. Ist das wirklich notwendig? Experten sind sich uneinig, Tatsache aber ist: Nachhilfeunterricht boomt, und wer dranbleiben will, kommt oft nicht ohne aus.

Aha-Erlebnisse: Der Berner Gymnasiast Joel Hirschi hat in der Arbeit mit seinem Nachhilfelehrer Rolf Kocher nicht nur im Zielfach Mathe Fortschritte erzielt.

Tipps, Gratis-Vermittlungsstellen, Online-Mathe-Nachhilfe und Kontakt zum Verein Know-now schafft Chancengleichheit: Ohne Fleiss, kein Preis

Das Interview zum Thema mit Experte Stefan Wolter: «Sogar die allerbesten Schüler nehmen Nachhilfestunden»

Beschwingt packt Joel Hirschi (17) sein Mathematikdossier zusammen: «Wieder mal eine Algebraformel begriffen, die ich in der Schulstunde einfach nicht nachvollziehen konnte», strahlt er. Seit letztem November nimmt der Berner, der die zweite Klasse des Gymnasiums besucht, bei Rolf Kocher (50) Mathenachhilfeunterricht und merkt bereits einen deutlichen Fortschritt. Und zwar nicht nur aufgrund der Note — obwohl diese sich tatsächlich von «ungenügend» auf «gut genügend» verbessert hat —, sondern vor allem beim Begreifen: «Ich hatte ein echtes Juhu-Erlebnis, als ich plötzlich die Algebraformeln umformen konnte, und danach konnte ich die neuen Erkenntnisse sogar für Chemie und Physik anwenden.»

Joel Hirschi ist in bester Gesellschaft: Rund ein Drittel aller Acht- und Neuntklässler in der Schweiz beansprucht gemäss einer soeben veröffentlichten Studie Nachhilfeunterricht: zwei Drittel von ihnen regelmässig, ein Drittel schon seit längerer Zeit und etliche sogar in mehreren Fächern. Stefan Wolter, Autor der Studie, findet die Zahlen erschreckend: «Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Jugendliche während so langer Zeit Nachhilfeunterricht benötigen.» Für einen kurzen Moment eine Lücke aufzuarbeiten, findet er eine gute Möglichkeit, wenn das aber lange andaure und sogar in mehreren Fächern nötig sei, dann «stimmt etwas nicht mehr».

Nachhilfeunterricht ist ein städtisches Phänomen. Dort wollen mehr Junge ins Gymnasium.

Nachhilfelehrer Rolf Kocher sieht das lockerer: «Ich finde es in Ordnung, wenn Jugendliche sich über ein Manko hinweghelfen lassen. In all den Jahren hatte ich noch nie gleichgültige Schülerinnen und Schüler, sondern ausnahmslos solche, die unbedingt etwas lernen wollten.» Manchmal, so hat er gemerkt, geht es gar nicht nur um Mathematik, sondern um das «mathematische Selbstvertrauen». Oder eben um das «Juhu-Gefühl», wenn aus Verständnislosigkeit plötzlich Durchblick wird. Deshalb nennt er sich auch lieber Tutor, und wenn seine Schüler vor einer Prüfung einen Aussetzer haben, können sie ihn jederzeit anrufen oder bei ihm eine Onlinelektion erhalten.

Persönliche Förderung ist in grossen Klassen fast unmöglich

Das Thema Nachhilfe, findet Kocher, werde heute noch zu stark tabuisiert. «Wenn jemand Nachhilfe benötigt, heisst das nicht, dass er oder sie dumm ist und sich durchschleppen lassen muss», betont der ehemalige Lehrlingsausbildner. Gymnasiast Joel Hirschi wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, dass etwas Peinliches daran sein könnte: «In der Nachhilfestunde kann ich — im Gegensatz zum Schulunterricht — so oft nachfragen, bis ich alles begriffen habe, und die Abläufe besser verstehen lernen. Das ist doch eine super Möglichkeit.»

Nachhilfe geht ins Geld: 40 bis 100 Franken kostet eine Lektion beim Profi.

Peinlich oder nicht, die Nachfrage nach Unterstützung ist enorm. Speziell in den Städten geht die Tendenz sogar dahin, dass selbst die Topschüler Nachhilfeunterricht nehmen, um für die strenge Gymi-Aufnahmeprüfung gerüstet zu sein. Eine bedenkliche Entwicklung? «Ein Trend auf jeden Fall, und zwar kein vorübergehender, sondern einer, der noch zunehmen wird», konstatiert Gregor Stöckli (61), Leiter der Forschungsstelle Kind und Schule am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich. Schlecht findet er das nicht unbedingt: «Es ist ein Ausdruck davon, dass Bildung in unserer Gesellschaft einen grossen Stellenwert hat. Da ist es klar, dass alle diesen Vorteil nutzen wollen.» Individualisierter Unterricht und persönliche Förderung seien in unseren Schulen mit Klassengrössen von 20 und mehr Schülern schlicht unmöglich. Umso grösser ist Stöcklis Meinung nach das Potenzial im Nachhilfebereich, und er ist überzeugt, dass dieser sehr konstruktiv ist, wenn Kinder und Jugendliche selber wollen: «Nachhilfe kann ergänzen, was die Schule nicht bieten kann — sie kann motivieren und das Gefühl vermitteln, doch etwas zu verstehen.»

Nun ist Nachhilfeunterricht nicht gerade billig: Für eine professionelle Lehrkraft sind Preise zwischen 40 und 100 Franken pro Lektion normal. Ein Problem, wenn das Budget dies nicht zulässt. Doch es gibt auch kostengünstigere Lösungen. «Wer gezielt sucht, wird fündig», sagt Erziehungswissenschafter Gregor Stöckli. Beispielsweise beim Verein «Know-now schafft Chancengleichheit» gibt es für finanziell benachteiligte Schülerinnen und Schüler subventionierten Nachhilfeunterricht ab zehn Franken pro Lektion. «Wir wollen allen die gleiche Chance für eine gute Ausbildung verschaffen», sagt Samuel Boller (29), der den Verein zusammen mit Frédéric Hübsch (30)gegründet hat. Um in den Genuss subventionierter Nachhilfestunden zu kommen, können Eltern im Internet einen Fragebogen mit den Angaben zu ihren finanziellen Verhältnissen ausfüllen und einreichen. Dank Spenden ist «Know-now schafft Chancengleichheit» in der Lage, 40 bis 50 Schüler zu unterstützen. Ziel des Vereins: innerhalb der nächsten zwei Jahre für mindestens 100 Jugendliche eine solche Gelegenheit zu schaffen. Momentan suchen die Organisatoren noch Spender.

Erschwingliche Nachhilfe: Gymnasiastin Alexandra De Groof (links) unterstützt die Achtklässlerin Corina Hiltbrunner.
Erschwingliche Nachhilfe: Gymnasiastin Alexandra De Groof (links) unterstützt die Achtklässlerin Corina Hiltbrunner.

Eine andere günstige Möglichkeit ist es, Gymnasiasten aus höheren Klassen oder Studentinnen einzuspannen. Sie bieten oft Nachhilfeunterricht ab 20 Franken an. So auch die 18-jährige Gymasiastin Alexandra De Groof aus Ostermundigen BE: Aufmerksam sitzt sie neben ihrer Nachhilfeschülerin, die konzentriert ihre Deutschaufgaben löst. «Nein, schau, hier musst du zuerst den Verbzusatz suchen», hilft sie und zeigt auf den Satzteil. Die Achtklässlerin Corina Hiltbrunner (13) runzelt die Stirn, liest den Satz zweimal laut und ruft dann glücklich: «Ah ja, klar, <auf etwas zuspringen>, gell?» Seit fast einem Jahr hilft ihr die benachbarte Gymnasiastin vor allem in den mathematischen Fächern, bei Bedarf auch in Sprachen, und beide sind mit der Zusammenarbeit zufrieden: «Corina begreift blitzschnell, da macht es Freude zu erklären», sagt Alexandra De Groof. Corina lächelt und meint: «Ja, bei dir verstehe ich es immer sofort.»

Die Eltern können oft nicht helfen, weil sie den Schulstoff selbst nicht mehr präsent haben.

Für Corinas Mutter, Doris Grünig Hiltbrunner, ist das eine ausgezeichnete Lösung: «Corina ist eine fleissige Schülerin. Aber es gibt ihr Sicherheit, wenn jemand sie unterstützt bei den Aufgaben und der Probenvorbereitung.» Und da läuft es bei ihnen wie bei den allermeisten Familien: Das Lernen geht wesentlich einfacher, wenn jemand Aussenstehender hilft. Bei Familienmitgliedern schwappen schnell einmal die Emotionen über, und viele Eltern haben den Schulstoff nicht mehr präsent.

Wer zu zweit oder zu dritt lernt, kann sich die Kosten teilen

Ausserdem muss Nachhilfe auch nicht immer eins zu eins stattfinden: Wer zu zweit oder zu dritt in einer Gruppe lernt, profitiert immer noch mehr als in einer vollen Schulklasse, kann sich aber die Kosten teilen. Zu diesem Schritt haben sich vor zwei Monaten Carla Limbach und Helen Gujer entschlossen, beide sind 15 Jahre alt und besuchen die zweite Klasse des Gymnasiums. Kurzerhand meldeten sich die Bernerinnen als Zweiergruppe bei einem professionellen Mathematik-Nachhilfelehrer an. «Diese paar Stunden haben bereits geholfen, ich fühle mich schon jetzt sicherer und habe ein paar Sachen erstmals grundlegend verstanden», sagt Carla Limbach. Die Nachhilfe gibt den zwei Mädchen eine gewisse Gelassenheit, sodass sie lockerer an Mathematikprobleme herangehen.

So gibt es für jeden Schüler die passende Art von Nachhilfe, die ihn weiterbringt. Der Wettbewerb um Ausbildungs- und Studienplätze ist in den vergangenen Jahren eindeutig härter geworden. Sich dabei auf die Sprünge helfen zu lassen, ist keine Schande. Und wenn es ohne geht — umso besser.

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Daniel Rihs