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06. August 2012

Dank Faulheit weiterkommen

Generell schaffen es nur grosse Talente ohne Aufwand in Beruf und Privatleben zu Glück und Zufriedenheit. Dennoch ist in einigen Situationen eine Taktik von Ausruhen bis Abwarten Gold wert. migrosmagazin.ch stellt zehn Regeln der Faulheit auf – wo greifen Sie erfolgreich aufs Nichtstun zurück?

Manfred Koch beherrscht demonstriert entspanntes Nichtstun
Manfred Koch beherrscht demonstriert beim Interview mit dem Migros-Magazin entspanntes Nichtstun.

In der Beziehung
Seit zwei oder drei Jahrzehnten lehren die Ratgeber unablässig: An Beziehungen muss man arbeiten! Sobald die erste Verliebtheit entschwunden ist, gilt es Differenzen auszuräumen, das Leben zu planen und abzustimmen, vor allem: Probleme auszudiskutieren. In wichtigen Fragen hat dies sicher seine Berechtigung, doch übertreiben es viele Paare längst mit der Beziehungsarbeit und haben ob aller Klärung Geheimnis und Anziehungskraft verjagt. Wer in Nebensachen gewisse Dinge akzeptiert, fährt besser.
1. Den Diskussionszwang ignorieren
Sicher wirken einige Ticks und Verhaltensweisen des Partners im Alltag befremdlich, vielleicht gar störend. Dennoch kommt es mehr als einer Herkules-Aufgabe gleich, das Gegenüber stets darauf aufmerksam zu machen und alles - von der auch mal unverschlossenen Zahnpastentube bis zur nicht gesäuberten Spüle nach dem Abwasch - zu besprechen und anzuerziehen. Dazu rufen derart umfassende Erziehungsprogramme mit der Zeit Ablehnung oder Überforderung hervor. Besser hält man einen Moment inne und fragt: Ist dies für die Partnerschaft wirklich wichtig? Wenn nein, dann legen Sie sich beziehungstechnisch auf die faule Haut.
2. Fremden Standpunkt dem anderen überlassen
Gibt es dennoch Streit und man kommt bereits bei der anfänglichen Klärung der Streitpunkte nicht weiter, so ist daran oft ein Paarphänomen schuld, dass durchaus als unsinnige Fleissleistung betitelt werden kann: Man erklärt nicht nur das eigene Unbehagen oder Problem in einer bestimmten Situation, sondern beschreibt gleich mit, was die Haltung des Partners ist – und nicht bloss, wie diese auf einen wirkt! Ein kleiner, aber bedeutender Unterschied, denn so verunmöglicht man dem andern den Einstieg in die Diskussion auf gleichberechtigter Ebene. Er muss dann erst verteidigen und zurückbuchstabieren, statt seine Sichtweise zu erklären. Deshalb gilt bei Diskussionen: Die oder der kluge Faule beschränkt sich auf seinen Standpunkt und die eigenen Irritationen. Das Gegenüber soll für sich sprechen, seine Arbeit selbst erledigen.
Im Beruf
Klar benötigt man Antrieb und in der Regel ein gewisses Mass an Arbeitsaufwand, um im Beruf erfolgreich zu sein. Allerdings lauern auch im Geschäft viele Fleiss-Fallen, die einen (oft auch die Mitarbeiter!) mit Arbeit «zumüllen», die am Ende wenig oder gar nicht weiterbringt. Besser fahren oft etwas «faulere» Kolleg(inn)en, die etwas abwarten und sich genau überlegen, wo sich grosser Einsatz lohnt.
3. Die Kommunikationsflut eindämmen
Die heute sicher verbreitetste Art, kreative, aber auch speditive Arbeit zu erschweren, ist speziell bei Bürojobs die alltägliche Flut an Mails, Telefonaten oder Status-Sitzungen. Viele Angestellte leiden unter dem Missverständnis, dass erst unzählige Nachrichten zu einem Projekt dieses bei den andern wichtig machen – und damit ihre momentane Beschäftigung. Dabei ist dies bei den meisten Vorgesetzten und Firmen längst nicht mehr so. Die Chefs sind froh, werden sie über Erfolge und Abschlüsse informiert, und wollen es nötigenfalls auch bei Problemen sein, welche die Kompetenzen des Untergebenen überschreiten. Sonst haben sie aber gerne, was letztlich alle schätzen: Ihre Ruhe. Mindestens ebenso gilt das für gleich gestellte Mitarbeitende. Deshalb kommt der etwas kommunikations-faule Angestellte, der sich auf wichtige News beschränkt, im Schnitt weiter. Er arbeitet mehr, als er die Arbeit «nur» verwaltet, und erlaubt dies auch den Kollegen.
4. Fleissarbeit aufteilen
Eine etwas altmodische Art von Angestellten wirft sich bei (unvorhergesehenen) Fleissarbeiten wie weiland Winkelried in die Bresche und erledigt diese häufig im Alleingang. Nicht einmal unbedingt, um sich dadurch in ein gutes Licht zu stellen, eher, weil er es für notwendig hält und vom Typ her eben hilfsbereit und flexibel ist. Dumm nur, dass darob gelegentlich anderes länger liegen bleibt und der Betroffene oft erklären muss, weshalb. Denn seine Sonderschicht hat sich gar nicht herumgesprochen, Mitarbeiter waren nur kurz happy, dass sich ein anderer der Sache angenommen hat. Die gelobte Faulheit legt hier nahe: Wenn irgend möglich die unvorhergesehene Fleissarbeit auf mehrere mit der Sache Betraute verteilen oder aber (falls nicht möglich) beim Vorgesetzten um Hilfe nachfragen. So weiss der Chef im schlechtesten Fall, weshalb etwas anderes eine Weile liegen bleiben musste…
5. Der Nichtangriffspakt
Ein bedeutender Teil der Arbeit besteht heute darin, sich und seine Leistung zu verkaufen. Nicht nur bei externen Auftraggebern und Partnern, sondern speziell innerhalb der eigenen Firma. Trotzdem lohnt es sich keineswegs, in jedem Moment eigene Verdienste in den Vordergrund zu stellen oder bei (drohenden) Misserfolgen sofort von sich abzulenken und andere – auch indirekt – ins schlechte Licht zu rücken. Dieses Verhalten geht nach einigen Monaten vielen Mitarbeitern auf die Nerven, oft auch den Chefs. Ist diese Person nicht teamfähig, steht sie nicht zu Schwächen oder Problemen? Deshalb hier der Tipp: Konzentrieren Sie sich bei Projekt-Vergabe und -Abschluss (oder sonst bei einem nachvollziehbaren Meilenstein) darauf, ihre Verdienste und sofern vorhanden ihr Team in den Vordergrund zu rücken. Und ging mal etwas in die Hose, so schieben sie nur in klaren Fällen den Schwarzen Peter von sich. Tendenziell eher dann, wenn er sich externen Verantwortlichen unterjubeln lässt.
In Familie und Haushalt
Hausfrauen und –männer (siehe dazu einige Kolumnen von «Hausmann» Bänz Friedli!) opfern sich noch entschiedener für die Liebsten und die Ordnung auf als die Winkelriede im Unternehmen. Sie haben das grösste Knowhow, die unangreifbare Übersicht und den unbedingten Willen, alles zusammenzuhalten. Bloss fühlen sich viele in dieser Rolle nicht wahrgenommen, es fehlt die Wertschätzung. Und einige haben sie auch gar nicht bewusst gesucht. Haben Ehepartner nicht für Teilzeitjobs geeignete Berufe und Einkommen, lässt sich die Rollenteilung meist nicht komplett über den Haufen werfen. Dennoch helfen die beiden folgenden Tipps vielleicht, Haushalts-Arbeit sichtbarer zu machen und den Respekt zu erhöhen. Und für den einen oder andern kurzen faulen Moment sollte es auch reichen.
6. Die Rechenkunst des Delegierens
Die Familien- und Haushalts-Manager wissen sehr gut, dass sie die grossen Brocken ihrer Arbeit schlecht dem vollzeit erwerbstätigen Partner oder dem Nachwuchs übertragen können. Leider schleicht sich damit bald das Denken ein, dass es sich auch nicht lohnt, kleinere Jobs abzutreten. Dabei hätte es zwei positive Effekte, wenn der Partner mindestens Bereiche für sein Hobby selbst managen (wegräumen, reinigen etc.) oder auf dem Heimweg einkaufen könnte und die Kinder ab gewissem Alter ihr Zimmer wirklich aufräumen müssten (bevor etwa gesaugt wird). Oder wenn der Tisch von anderen gedeckt, abgeräumt und der Abwasch erledigt würde. Erstens summieren sich diese konsequent delegierten Ämtchen bald einmal auf 10% bis 20% der Hausarbeit, sobald man einige Wochen investiert hat (zu Beginn bedeutet es oft gar noch etwas mehr zu tun!). Zweitens und fast noch wichtiger: Die daneben rundum geleistete Arbeit von Hausfrau/-mann erhält mehr Aufmerksamkeit.
7. So lernen die Kinder es nie!
Was in einer «Lobrede der Faulheit» niemals fehlen dürfte, ist der Hinweis, dass man in faulen Momenten nicht nur eine Lücke lässt in den eigenen Tätigkeiten, sondern dadurch einen Freiraum schafft, in den andere vorstossen können. Besonders wichtig ist dies in der Familie: Nimmt man den Kindern auch kleinste Handreichungen und in der Teenagerzeit Mitverantwortung auf einigen Gebieten ab, wissen sie gar nie, was es alles zu tun gäbe. Ziehen sie erwachsen aus, brauchen sie dann dringend Unterstützung von anderen, um ihren Kram halbwegs in Ordnung zu bringen. Man unterschätze also nie den lehrreichen Effekt der Faulheit.
In Freizeit und Ferien
In Sachen Faulheit Begabte und Unbegabte erkennt man am leichtesten an freien Wochenenden oder in den Ferien. Der Umgang mit Frei-Zeit im ursprünglichen Sinn, nämlich einer Zeitspanne ohne Verpflichtungen, Termine und Aufgaben, ist eine Frage von Talent. Erlernt hat fast niemand die Fähigkeit, sich treiben zu lassen, ziellos an den Strand zu liegen oder in die Ortskneipe zu sitzen. Die meisten können mit einer Zeit frei von Vorgaben nicht lange umgehen. Da werden die anstrengendsten Hobbys gepflegt und ebensolche Sightseeing-Programme durchgepeitscht. Spätestens am zweiten Tag arbeitet (!) man am Surf- oder Tauchstil, Rumliegen und Baden sind out. Natürlich ist ein bis ins Detail aktives Leben so berechtigt wie eines voller Pausen, bloss vergessen dabei viele, dass durchschnittlich belastbare Menschen in den Ferien speziell Ruhe, Ausspannen und gar Nichtstun benötigen, um die Batterien für den Alltag wieder aufzuladen. Einmal abgesehen davon, dass Musse für irgendwelche Träume und Gedanken doch an sich einen Wert haben könnte.
Hier die drei letzten Regeln der Top Ten für Leute, welche sich gut erholen und ihre Faulheitstalente testen wollen:
8. Richtig abschalten
Das Wichtigste zuerst: Freizeit heisst nicht nur (physische) Absenz vom Arbeitsplatz, mit dem man aber dank Smartphone, Tablets, Notebooks oder Hotel-PCs täglich oder gar stündlich verbunden bleibt. Eine Chance haben Faulheit und Müssiggang erst, wenn man im Grunde gar nicht, in der Praxis bloss für schlimmste Notfälle erreichbar ist. Für Faulheits-Anfänger empfiehlt sich ein Aufenthalt in einer Alphütte ohne Handy-Empfang oder in ähnlich von Telekommunikation unberührten Gebieten.
9. Kein Zwang zur Reklamation
Speziell im deutschsprachigen Raum ist die Unart verbreitet, in Hotels, Restaurants und unterwegs stets etwas reklamieren zu müssen. Damit ist natürlich nicht gemeint, sich um ein anderes Zimmer zu bemühen, wenn es im zugeteilten wegen Lärm nicht möglich ist, zu schlafen. Oder wenn das Essen wirklich durchs Band weg ungeniessbar ist. Allerdings betrifft dies die wenigsten Reklamationen. Bevor man sich und die Gastgeber damit beschäftigt, lohnt sich die Frage, ob der Missstand gravierend ist und überhaupt behebbar. Denn natürlich hat man für eine Leistung bezahlt und damit Anrecht auf eine Gegenleistung. Fordert man dieses Prinzip aber ununterbrochen im Detail ein, funktioniert man letztlich wie im Geschäftsleben. Und lässt der Faulheit keine Chance.
10. Die «Nur nichts verpassen»-Falle
Nein, in den Ferien müssen sie nicht alles aufmerksam studiert haben, woran Sie vorbeikommen. Und am Wochenende nicht alle interessanten Filme, Bücher oder Events «mitgenommen» haben, um es als Erfolg abzuhaken. Auch schneller Laufen oder Radfahren ist kein Muss – es killt bloss die Musse. Der zur Faulheit Befähigte weiss: Mit «nichts verpassen» verpasse ich letzten Endes alles.
UND IHR TIPP ZUR FAULHEIT?
Kennen auch Sie Momente, in denen (fast) nur Faulheit weiterhilft? Verraten Sie uns diese gleich hier in einem Kommentar!

Autor: Reto Meisser