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09. November 2015

Dank Coaching zurück im Job

Jahrelang lief für Jürg Inniger und Ayla Aydin im Beruf alles gut. Dann kam der jähe Zusammenbruch: Panikattacken, Depressionen, Burn-out. Dank professioneller Hilfe haben sie im Berufsleben wieder Tritt gefasst.

Jürg Inniger
Dank Coaching schöpfte Jürg Inniger neues Selbstvertrauen. Heute arbeitet er bei der Globus Delicatessa in Wallisellen ZH.

Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt ein Tabu, obschon sie weit verbreitet sind. Rund 12 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen leiden im Laufe ihres Lebens an einer Depression. Für manche von ihnen bedeutet dies – zumindest vorläufig – das Aus in der Karriere.
Die Job Coaches der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) sind täglich mit Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern konfrontiert, die das Schicksal aus der Bahn geworfen hat. Es kann den ungelernten Arbeiter ebenso treffen wie die Akademikerin mit Doktortitel, sagt Wolfram Kawohl, Chefarzt des Zentrums für Soziale Psychiatrie (ZSP) an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der PUK. «Ihr Arbeitsplatz bedeutet den Leuten unglaublich viel, er gibt ihnen eine Struktur, sorgt für Sinn und zwischenmenschliche Kontakte.»

Arbeitslosigkeit kann fatal enden

Eine kürzlich publizierte Studie seiner Arbeitsgruppe konnte gar nachweisen, dass jeder fünfte Suizid weltweit im Zusammenhang mit Arbeitslosigkeit steht. «Wir müssen die Sensibilität für diese Problematik schärfen», sagt Kawohl. Die Meinung, Arbeit bedeute vor allem Stress und man müsse Menschen mit psychischer Erkrankung davon fernhalten, sei leider weit verbreitet. «Je länger jemand der Arbeit fernbleibt, desto schwieriger wird oft die Rückkehr.»
Um Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu helfen, ihre Stelle zu behalten oder eine neue im ersten Arbeitsmarkt zu finden, hat die PUK im Jahr 2005 das Angebot «Supported Employment» ins Leben gerufen. Zentral an diesem Konzept ist die Hilfestellung durch einen Job Coach. Er oder sie unterstützt die Betroffenen und deren Arbeitgebende mit Rat und Tat beim Wiedereinstieg ins Arbeitsleben.

In den vergangenen zehn Jahren haben die Job Coaches der PUK weit über 1000 Männer und Frauen bei der beruflichen Eingliederung beraten. In etwa der Hälfte der Fälle konnten diese wieder in der Arbeitswelt Fuss fassen.
Wenn man berücksichtigt, dass das Job Coaching auch für Menschen mit langjähriger und schwerer Erkrankung offensteht, ist diese Zahl ein grosser Erfolg. Dies umso mehr, als viele Menschen mit psychischen Erkrankungen erwerbslos sind und ohne Unterstützung keine Stelle mehr finden, wie Wolfram Kawohl erklärt: «In geschützten Werkstätten gelingt der Übertritt in den ersten Arbeitsmarkt in unter zehn Prozent der Fälle.»

Berührungsängste bleiben

Die Bereitschaft der Firmen zur Wahrnehmung von sozialer Verantwortung für ihre Mitarbeitenden sei gestiegen. Das diene auch dem Betriebsklima, sagt Kawohl: «Sehen Angestellte, dass sie mitgetragen würden, sollte es mal nicht rundlaufen, stärkt das die Loyalität zum Arbeitgeber. Gleichzeitig gebe es aber bei vielen Arbeitgebern immer noch Berührungsängste, wenn es um die Anstellung von Mitarbeitenden mit psychischer Erkrankung geht.

Daher sei die Zusammenarbeit mit den Job Coaches wichtig. Sie coachen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei arbeitsbezogenen Schwierigkeiten, vermitteln Wissen im Umgang mit der Erkrankung und unterstützen bei der Ko­ordination mit Versicherung und Ämtern. Zudem beraten sie ­Vorgesetzte, HR-Mitarbeitende und bei Bedarf Teammitglieder. Die Kosten für das Job Coaching werden von der Invalidenversicherung (IV), von Arbeitgebenden oder von der Krankentaggeldversicherung getragen.

Jürg Inniger* und Ayla Aydin* haben es beide mithilfe eines Job Coachings geschafft, wieder Tritt in der Berufswelt zu fassen.

Vom Chef zum Arbeitslosen

Jürg Inniger* (48) hatte eben in Winterthur ZH ein Restaurant eröffnet – und gleich noch eines in Zürich. Er war topmotiviert. Jeden Morgen stand er um 6 Uhr auf, pendelte zur Arbeit, machte Bestellungen, instruierte seine Leute für die erste Schicht, packte mit an, bereitete mit der zweiten Schicht den Abend vor, half in der Küche und im Service aus bis abends um 21 Uhr. Und das sieben Tage pro Woche. Bald hatte er 240 Überstunden angehäuft.

Die Magenkrämpfe und das Kopfweh verdrängte er. Doch eines Tages wurde ihm plötzlich schwindlig auf der Heimreise, er bekam Panik im Zug und musste ­sofort aussteigen. Die rest­lichen 20 Kilometer lief er zu Fuss nach Hause, legte sich ins Bett.
Doch er kam einfach nicht herunter. Sein Herz raste so sehr, dass er den Notarzt rief. Die Untersuchungen im Spital zeigten ein kerngesundes Herz. Die Diagnose lautete: Verdacht auf Burn-out.

Ach was, dachte er, das geht doch einfach wieder vorbei. Er blieb eine Woche zu Hause, doch er konnte sich einfach nicht entspannen. Dann wies er sich selbst in eine Klinik ein.
Ich bleibe zwei Wochen, ­sagte sich Inniger, der einfach schnellstmöglich zurück ins ­Restaurant an die Arbeit wollte. Aus den zwei Wochen wurden schliesslich fünf Monate. Inniger musste die Arbeit in den ­Restaurants aufgeben, und es wurde ihm eine Viertelsrente der IV zugesprochen.
Der Workaholic fühlte sich wie ein Versager und dachte: Jetzt bin ich einer von denen.

Die Angst vor der grossen Leere

Dabei hatte sich Jürg Innigers Karriere vielversprechend entwickelt. Er lernte zuerst Koch und hängte danach noch eine Servicelehre an. Vier Jahre lang kochte er in guten Häusern in der Schweiz, dann zog es ihn in die Ferne. Er rackerte sich acht Jahre auf Kreuzfahrt­schiffen auf den Weltmeeren ab. Als er 25 Jahre alt war, hatte er ebenso viele Leute unter sich. «Ich wusste gar nicht, was das ist: Freizeit.» Rückblickend denkt er, Angst davor gehabt zu haben, nicht gebraucht zu werden. Angst vor der gros­sen Leere.

Erst in der Klinik erzählt er Freunden und Familie, wie es ihm ging. Ein Jahr war er arbeitslos und unschlüssig, ob er wieder zurück in den Kochberuf gehen wollte. «Es ist ein sehr schöner, aber ebenso stressiger Beruf.»
Dann liess er sich von Job Coach Micheline Huber (31) von Supported Employment ­beraten und begleiten. Ein Mal pro Woche trafen sie sich, ­be­sprachen die nächsten Schritte. Unter anderem überarbeiteten sie die Bewerbungsunterlagen, suchten nach Stelleninseraten und bereiteten Initiativbewerbungen vor.

Micheline Huber
Job Coach Micheline Huber (31) vom PUK.

In den regelmässigen Beratungen ging es auch darum, wie Jürg Inniger seine Gesundheit aufrechterhalten und Rückfällen vorbeugen konnte. Micheline Huber unterstützte ihn dabei zusammen mit einem Psychotherapeuten. Bald begann Inniger damit, in einer Kantine zwei, drei Stunden über Mittag zu ­kochen. Dann bewarb er sich für eine 60-Prozent-­Stelle als Weihnachtsaushilfe in der Globus ­Delicatessa. Sein Burn-out sprach er bei der Bewerbung ­offen an – und ­bekam den Job trotzdem. ­Situationen, die ihn überfor­derten, besprach er jeweils mit der Job Coach, die bei Bedarf auch mit dem Arbeitgeber in Kontakt stand. Aus der befristeten wurde nach den Festtagen eine reguläre Stelle.

Weniger perfektionistisch

Heute arbeitet Jürg Inniger 90 Prozent als stellvertretender Verkaufsleiter in der Globus ­Delicatessa im Glattzentrum in Wallisellen ZH und absolviert berufsbegleitend eine Ausbildung zum Detailhandelsspezialisten. Er gleite bisweilen immer noch ins alte Fahrwasser und überfordere sich. «Aber ich habe gelernt, weniger perfekionistisch zu sein, zu delegieren und Arbeit abzugeben.» Das entlaste ihn und motiviere seine Angestellten.

Der Berner Oberländer wohnt mit seiner Lebenspartnerin in Wislikofen AG. Die ländliche Umgebung erde ihn. «Komme ich ganz überdreht nach Hause, scheuen die Pferde zurück.» Das sei eines von vielen Signalen, auf die er heute achte und sich dann etwas zurücknehme. Heute ist er froh, das Burn-out gehabt zu haben. «Sonst wäre ich wohl an einem Herzinfarkt gestorben.»

Menschen, die an ähnlichen Symptomen leiden, möchte er Mut machen, Hilfe in Anspruch zu nehmen. «Man kann auch nach einem Burn-out normal weiterarbeiten; es braucht einfach Zeit und Geduld», sagt Inniger, «und die Einsicht, dass man sein Verhalten ändern muss.»

Job Coach Elke von Kracht (links) wurde für Ayla Aydin zu einer wichtigen Vertrauensperson
Mehr als eine Beraterin: Job Coach Elke von Kracht (links) wurde für Ayla Aydin zu einer wichtigen Vertrauensperson.

Lähmende Angst vor der Angst

Auch bei Ayla Aydin* (34) kündigte sich der Zusammenbruch schleichend an. Ihre Stimmungen schwankten, ihr war mulmig zumute, das Unwohlsein verstärkte sich. Dann, plötzlich, kam das Gefühl auf, sie würde explodieren, ersticken, die Kontrolle verlieren.
Die Angst vor der Angst lähmte sie. Vage konnte sie sich er­innern, sich bereits ein Mal so gefühlt zu haben, sie wies sich selbst in die Psychiatrie ein.

Das war vor zwei Jahren. Die Panikattacken und die Psychose, die sie als 20-Jährige bereits ­erlitten hatte, waren wie aus ­ihrem Gedächtnis gelöscht. Ein paar Jahre hatte sie bestens funktioniert als Pflegerin in der Langzeitgeriatrie. Doch nun war sie erneut und unerwartet auf Feld 1 zurückgefallen: Therapie, Medikamente, Abschied aus der Arbeitswelt.
«Ich dachte, ich kann nie mehr arbeiten, niemals wieder jemanden pflegen, nie wieder mit einer Kollegin lachen», erzählt Aydin. «Das machte mich fertig.»

Doch langsam ging es aufwärts, und sie hoffte, ihre Stelle nicht zu verlieren. Als jedoch genau dies geschah, organisierte eine Sozialarbeiterin einen Termin für sie bei einer Job Coach von Supported Employment. Elke von Kracht (53) unterstützte Aydin erst dabei, gut bei ihrer alten Stelle abzuschliessen. Gemeinsam verfassten sie einen Brief an die ehemaligen Kollegen, auch das Arbeitszeugnis nahmen sie zusammen in Empfang. «Das half mir, mich weniger als Versagerin zu fühlen.»
In den nächsten Wochen schrieb Aydin zusammen mit ihrer Job Coach Blindbewerbungen. In den Briefen sprach sie ihre Situation an und wies auf die Möglichkeit hin, sie für eine befristete Zeit in einem Arbeitsversuch über die IV anzustellen. Auch die Unterstützung der Job Coach machte sie zum Thema.

Erfolg mit der dritten Bewerbung

Bereits die dritte Bewerbung war ein Erfolg – und Aydin bekam eine befristete 50-Prozent-­Stelle. Vor dem ersten Arbeitstag war ihr angst und bange, sie rief ihre Job Coach an. Elke von Kracht begleitete Aydin am Telefon auf dem Arbeitsweg und unterstützte sie im Umgang mit ihren Ängsten. Am Schluss sagte sie ihr: «Gehen Sie ruhig rein, ich bin überzeugt, Sie schaffen das.»
Aydin ging von Anfang an offen mit ihrer Krankheit und der besonderen Anstellung um. Sie sagte ihren Kolleginnen auch: «Fasst mich nicht mit Samthandschuhen an, ich will meine Leistung bringen.»

Das brauchte viel Mut und kam gut an. Aydin war glücklich, wieder arbeiten zu dürfen. Bei den älteren Menschen mit Demenz fühlte sie sich sehr wohl. «Sie schauten mir in die Seele, doch für sie war ich nicht krank», sagt sie. Heute arbeitet sie als Pflegerin in einer 80-Prozent-Festanstellung ohne ­Unterstützung durch die IV und hat sich zum Ziel gesetzt, bald wieder voll arbeitsfähig zu werden.
Sie habe gelernt, auch einmal Nein zu sagen und nicht immer alles zu übernehmen und sich dabei zu überfordern,sagt Ayla Aydin. In den vergangenen zwölf Monaten hat sie bloss einen Tag bei der Arbeit gefehlt. «Ich bin froh, habe ich meinen Platz in der Gesellschaft wiedergefunden und kann mein eigenes Geld verdienen. Der Job ­erfüllt mich.» 

* Namen der Redaktion bekannt

Haben Sie eine Arbeitsstelle zu vergeben, möchten Sie jemandem eine neue Chance zum Wiedereinstieg geben?
Dann wenden Sie sich bitte an die Psychiat­rische Universitätsklinik Zürich, Supported ­Employment, Telefon: 044 296 74 20, bettina.baertsch@puk.zh.ch

Autor: Monica Müller

Fotograf: Christian Schnur