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22. Februar 2016

Dani Arnold im Duell mit Ueli Steck

Seit seiner Erstürmung der Eigernordwand in Rekordzeit zählt Dani Arnold zu den besten Speedkletterern der Schweiz. Der 31-Jährige hat sich Altmeister Ueli Steck dicht an die Fersen geheftet – eine Rivalität, die einige Risiken birgt. Sehen Sie (unten) die eindrücklichsten Videos zu den Rekorden am Matterhorn, dem Eiger und von einer Eiswand im Kandertal.

Der Jungspund: Dani Arnold stieg 2011 mit der Erstürmung des Eigers in die Topliste der Schweizer Kletterer auf.
Der Jungspund: Dani Arnold stieg 2011 mit der Erstürmung des Eigers in die Topliste der Schweizer Kletterer auf.
Dani Arnold unterwegs im Eis.
Speedkletterer Dani Arnold unterwegs im Eis.

Dani Arnold (31) sitzt im schwarzen Anzug und weissen Hemd an einem festlich gedeckten Tisch, unter freiem Himmel, mitten auf einem Schneefeld. Er lehnt sich zurück und erzählt auf Hochdeutsch mit kernigem Schweizer Akzent von seiner letzten Klettertour, von der Schmidroute in der Matterhorn-Nordwand. Geübte Kletterer benötigen dafür einen Tag, Arnold so lange, wie man braucht, um ein 4-Gang-Menü zu geniessen: 1 Stunde und 46 Minuten. Die Suppe wird aufgetragen.
Schnitt. Ein Foto von Dani als Primarschüler, im Klettergeschirr, von der Wohnzimmerdecke baumelnd. Bilder einer Kindheit im Kanton Uri, in Biel am Kinzigpass, auf 1700 Meter über Meer, mit dem Schächental nur durch eine Seilbahn verbunden: «Bei uns oben war es echt nicht möglich, Fussball zu spielen, weil da alles schräg war. Eine Mannschaft musste immer bergwärts spielen. Ja, also somit hat das einfach keinen Wert gehabt.» Lacher im Publikum. «Darum bin ich zum Bergsteigen gekommen.»

Der Newcomer schlägt Profi Steck am Eiger

Der Clip dauert 7½ Minuten und läuft an der «European Outdoor Film Tour». Sie ist ein Fixpunkt im Kalender von Outdoorfans. Das Festival zieht jeweils Anfang Jahr durch verschiedene europäische Städte und zeigt Kurzfilme diverser Extremsportarten. Einer der beiden Hauptsponsoren ist das Schweizer Label mit dem prähistorischen Elefanten im Logo, bei dem auch Arnold unter Vertrag steht.
In seinem Videoporträt spurtet Arnold durch die Vertikale. Über Felsnadeln, Schneefelder und Eiszapfen. Mit scheinbarer Mühelosigkeit, so wie andere eine Leiter erklimmen. Er erzählt vom Eiger, dem Berg, der ihn 2011 ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit katapultierte: «Ich habe niemanden über diese Idee informiert. Ich ging einfach zum Eiger, kletterte los – und 2 Stunden 28 Minuten später war ich auf dem Gipfel.»


Damit war Arnold gute 20 Minuten schneller als Ueli Steck (39), der als einer der ersten Bergsteiger aufs Tempo setzte. Der Berner hatte den Eiger drei Jahre zuvor gestürmt. Das Schweizer Fernsehen widmete Steck in der Folge eine ganze «DOK»-Sendung, in der man sah, wie er sich auf das Rennen am Berg vorbereitete. Leistungsmessung in Magglingen, verkabelt mit allerlei Geräten, dazu Trainingsplan, Ernährungsplan, Erholungsplan. Der perfekt organisierte Profi geschlagen vom Jungspund, der nach eigenen Angaben im Training höchstens mal Langlaufski fährt, dabei keine Pulsuhr trägt und sich seine Kondition im Brotjob als Bergführer holt.

Die Extrembergsteigerlegende: Ueli Steck gehört seit Jahren zu den besten Solokletterern der Welt.
Die Extrembergsteigerlegende: Ueli Steck 
gehört seit Jahren zu den besten Solokletterern der Welt.


Nach seinem Gipfelsturm schrieb Arnold eine SMS an Steck, der damals gerade auf einem Achttausender im Himalaya war: «Ich fand es fair, Ueli das persönlich mitzuteilen.» Steck habe zurückgeschrieben und gratuliert.
Der Schnellere ist der Bessere. Könnte man meinen. Die Sache war aber längst nicht so klar: Bei Arnolds Aufstieg war der 30 Meter lange Hinterstoisser-Quergang nicht frei kletterbar. Darum hielt sich der Newcomer dort an einem alten Fixseil fest. Zudem munkelte man, er habe die Zeit nicht an derselben Stelle zu messen begonnen.

Arnold bekam keine Anerkennung von seinem Vorbild

In einem Interview in der «NZZ» sagte Steck später: «Man kann die Rekorde gar nicht vergleichen. Ich habe alles gespurt und bin frei geklettert. Dani hatte bei seiner Begehung eine gute Spur.»
Arnold suchte das Gespräch mit seinem einstigen Vorbild, traf sich mit ihm in einem Café in Interlaken: «Wir haben uns leider nicht gefunden, eine ernüchternde Erfahrung.» Seither sei er Steck wiederholt an Sponsorenanlässen begegnet, über die Differenzen gesprochen hätten sie nie mehr.
Im Frühling 2015 knöpfte er Steck am Matterhorn zehn Minuten ab. Im November holte sich Steck den Eiger zurück, indem er Arnolds Zeit um sechs Minuten unterbot. Und das, obwohl der Berner 2011 in einem Interview mit der «Schweizer Illustrierten» sagte: «Speedbegehungen werde ich keine mehr machen, sie reizen mich nicht mehr. Wenn man das Risiko ständig steigert, kommt man irgendwann nicht mehr nach Hause.»

Spektakel fürs Publikum und die Sponsoren

Beim Publikum sind solche Duelle beliebt. Man erinnere sich an Ferdy Kübler und Hugo Koblet, die Mitte des letzten Jahrhunderts eine Radsporteuphorie in der Schweiz auslösten. Als Kontrahenten waren sie perfekt, weil sie so unterschiedlich waren. Selbst bei grossen Anstrengungen und Strapazen wirkte Koblet im Gegensatz zu seinem Rivalen Kübler stets locker und elegant. Den Rücktritt bewältigte Kämpfer Kübler dann aber doch besser als der Pedaleur du Charme. Koblet verschuldete sich, trennte sich nach zahlreichen Affären von seiner Frau und starb 1964 bei einem Autounfall. Man vermutet, dass es Suizid war.
Gern hätte das Schweizer Fernsehen im vergangenen Jahr eine Sendung über Steck und Arnold realisiert. Der Arbeitstitel: «Das Duell am Eiger». Doch die beiden Bergsteiger boykottierten das Projekt.


«Wir treten nie zeitgleich gegeneinander an. Darum kann man Alpinismus nicht als Wettkampf darstellen», sagt Steck. Auch wenn es für Laien vielleicht so aussehen würde. Und Arnold meint: «Für die Zuschauer wäre so ein Duell natürlich spannend. Aber da gibt es sicher einige, die bloss darauf warten, bis einer von uns abstürzt.»

Gern schwärmen Alpinisten von der Faszination der Berge. Steile Wände, magische Gipfel, archaische Natur. Auch vom Kampf gegen sich selbst wird gern erzählt. Wie man sich fokussiert, die Angst überwindet, ungeahnte Kräfte mobilisiert. Trotzdem: Ein Wettkampf war das Bergsteigen schon immer. Ein Spiel mit dem
Tod sowieso. Früher ging es darum, welche Nation zuerst auf dem Gipfel war. Heute jagen sich die Athleten gegenseitig die Rekorde ab: am besten im Alleingang und ohne technische Hilfs- und Sicherungsmittel.
Extrembergsteiger stehen unter dem Druck, regelmässig mit einer Story für Aufsehen zu sorgen. Nur so bleiben sie für Sponsoren interessant. Dabei sind es nicht so sehr die schwierigen Routen, die die guten Geschichten machen. Denn irgendeine Nordwand im Himalaya oder in den Anden sagt der breiten Masse nichts.


Bei Speedbegehungen von bekannten Gipfeln hingegen horchen alle auf: 1 Stunde 46 Minuten am Matterhorn. Jeder weiss: 46 Minuten sind schneller als 56.
Wird sich Ueli Steck den Rekord am Horu zurückholen? «Mein Plan ist es nicht. Das Matterhorn ist technisch relativ einfach, da kann es gut sein, dass irgendein Ausdauerathlet die Zeit von Dani locker toppt. Aber ich sage niemals nie.» Und will es Arnold am Eiger nochmals wissen? «Ich weiss nicht, ob mich das nochmals reizen könnte. Ich weiss es wirklich nicht», sagt er. Im Moment fehle ihm dazu die Fitness, selbst wenn in der Wand Traumverhältnisse herrschen würden.
Eiger hin oder her: Arnold bleibe noch eine andere Ikone, um Steck zu überflügeln, heisst es in der Szene – die Nordwand der Grandes Jorasses, ein mehrgipfliger Berg im Mont-Blanc-Massiv. Sie zählte bis 1935 neben Eiger und Matterhorn zu den «letzten drei Problemen der Alpen». Steck bewältigte die Wand 2008 in 2 Stunden und 21 Minuten. Ob Arnold einen Angriff plant, ist ihm nicht zu entlocken. Er kündigt seine Speedprojekte nie an. Lieber überrascht er alle. 

TV-Hinweis: Am 24. 2. um 23.05 Uhr strahlt das Schweizer Fernsehen SRF 2 im Rahmen der Sendung «Winter Challenge» einen Beitrag über Dani Arnold aus. Im Fokus steht der Versuch, die Route «Deep Blue Sea» in der Eigernordwand zu klettern.

Autor: Andrea Freiermuth