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03. September 2012

Damit die Ordnung mit den Kindern wächst

Ob mitten im Spielalter, während der Schulzeit oder kurz vor dem Ausziehen: Mit zunehmendem Alter können Eltern in Sachen Ordnung machen oder halten mehr verlangen. Und die Streitpunkte verlagern sich. Die Tipps.

Unordnung im Zimmer eines Erst- oder Zweitklässlers?
Unordnung im Zimmer eines Erst- oder Zweitklässlers? (Bild Getty Images)

Ist ein Kleinkind bereits genug gefordert, unter Anleitung und Hilfe von Mutter und Vater sein Zimmer nicht zum unbegehbaren Chaos werden zu lassen, so darf von einem Teenager sicher erwartet werden, dass er auch in gemeinsam genutzten Bereichen des Haushalts mit anpackt – und seinen individuellen Wohnraum weitgehend allein in Ordnung hält. Nach Erfahrung der meisten Eltern nimmt jedoch mit dem Alter nebst der Mithilfe – oder zumindest den diesbezüglichen Fähigkeiten - auch das Konfliktpotential nochmals zu.

Die Fachleute haben für das Aufräumen in den drei wichtigsten Etappen des Zusammenlebens mit Kindern folgende Tipps auf Lager:

IM VORSCHULALTER
Vor dreieinhalb oder vier Jahren ist es fast sinnlos, vom Nachwuchs ein Bewusstsein für Ordnung und entsprechendes Verhalten zu verlangen. In dieser Zeit gilt es vor allem, selbst ein bestimmtes Verhalten vorzuleben und das Kind spielerisch an Aufräumaktionen zu beteiligen.
1. Versuchen Sie die Spielzeugmenge in greifbarer Nähe des Kindes überschaubar zu halten. Wenn es bereits sehr viele Spielzeuge hat, räumen Sie die eine oder andere Kiste mit Material, das gerade nicht hoch im Kurs steht, in den Keller oder Estrich – allerdings nie ohne es dem Kind . Generell ist es sinnvoll, wenn sich kleinere Kinder nicht in den Spielsachen verlieren.

2. Machen Sie aus den Aufräumaktionen vor allem am Anfang und zwischendurch immer wieder ein gemeinsames spielerisches Ereignis ohne Druck. Wichtig dabei, dass Sie…
… die Aktion vielleicht eine Viertelstunde vorher ankünden (bis wann kann das Kind ungestört weiterspielen?), …
… und das Kind dabei beide aktiv sind, …
… stets sagen, was Sie oder beide gerade tun,
… dem Kind in kleinen klaren Schritten erklären und vorzeigen, was es tun kann, …
… dafür genug Zeit einplanen …
… und nach hergestellter Ordnung das Kind für die Mitarbeit und gezeigten Willen loben.

3. Sorgen Sie dafür, dass das Kind von klein an genug einfach zugängliche (nicht zuoberst auf dem Kasten!) Behälter hat, wo das Spielzeug hinkommt. Und dass es beim Einräumen nicht allzu fein sortieren muss. Also durchaus Duplo vom Holzspielzeug trennen, aber nicht unbedingt mehr. Zur Wiedererkennung können die grösseren Kisten mit einem Bild versehen werden, das zeigt, was eigentlich hier reinkommt.
IM SCHULALTER
Zwischen knapp sieben Jahren und der fünften oder vielleicht sechsten Klasse (in der Schweiz meist Ende Primarschulstufe) kann ein grösseres Mass an eingehaltenen Regeln und Verhaltensweisen im Umgang mit Spielzeug, Schul- und anderem Material eingefordert werden. Dies immer mehr auch ohne dass von Elternseite stets daran gemahnt werden muss.
1. Räumen nicht Sie aus Ungeduld oder Zeitgründen für das Kind auf. Es gewöhnt sich rasch daran, dass es irgendwann ‚gemacht ist‘, und obendrein kann es den Eindruck erhalten, es könne ohnehin nicht selbst für Ordnung sorgen. Das ist nicht gerade motivierend.

2. Achten Sie auf Ihre Vorbildfunktion. Es ist schwierig, vom Nachwuchs regelmässig ein aufgeräumtes Zimmer zu erwarten, wenn in der Stube oder Küche (mit Material von Vater oder Mutter) stets ein Chaos herrscht. Kinder nehmen das Verhalten der anderen mindestens ebenso wahr wie die aufgestellten Regeln.

3. Stellen Sie klare Regeln auf: Wie oft (in der Woche, abends etc.) muss das Zimmer aufgeräumt werden, wird der Tisch abgeräumt oder jedenfalls das eigene Gedeck. Vor allem aber: Welche Massstäbe gelten, damit die Ordnungs-Ämtchen als (erfolgreich) erledigt gelten?

4. Zeigen Sie durchaus, dass Ihnen persönlich die Unordnung nicht gefällt, aber nicht in klassischen Bestrafungsszenarien. So holen Sie etwa die dreckige Wäsche eine Weile nicht aus dem Kinderzimmer und erklären, dass Sie sonst über die spitze Gegensände auf dem Boden laufen müssten und dies weh tun kann. Oder bestaunen Sie die Zeichnung des Zweit- oder Drittklässlers erst, wenn er nach Überschreiten des vereinbarten Termins fürs Zimmer-Aufräumen diese Aufgabe erledigt hat.

5. Lassen Sie das Kind in seinem Bereich (klassisch: Zimmer) auch beschränkt mitreden und Verbesserungs-Vorschläge machen. Vielleicht ist es ja mehrheitlich ordentlich und auf einem Gebiet gar nicht, weil es dort den Sinn einer Aufgabe oder etwa eines Ablagesystems nicht einsieht. Seien Sie im Zweifelsfall (wenn es nicht klar ist, dass das Kind einfach einer ungeliebten Aufgaebe entfliehen will) auch mal tolerant und nicht zu pingelig.
IM TEENAGERALTER
Neben dem Verhalten im Schulalter geht es ab ca. 12 Jahren zunehmend darum, dass das Kind beim Aufräumen oder Saubermachen mit seinem Zeug auch ausserhalb des Zimmers (das längst nicht mehr allein den Lebensmittelpunkt ausmacht) möglichst selbständig funktioniert. Zum Beispiel mit konsequentem Aus- und Einpacken von Schulmaterial, wobei gebrauchte Turnkleider von ‚selbst‘ zur dreckigen Wäsche gelangen oder Esswaren nicht in der Tasche schimmeln. Daneben gilt es auch, sich angemessen an Arbeiten des gesamten Haushalts zu beteiligen. Wohnen im Hotel Mama ist schliesslich eine schlechte Vorbereitung für die anstehende Unabhängigkeit.
1. Selbstverantwortung ist das eine Ziel. Für seinen Wohnbereich ist der Teenager selbst zuständig, es wird dort nicht ständig kontrolliert, aber auch nicht (aus-)geholfen. Ein paar Mindeststandards bleiben aber Pflicht, zum Beispiel der unverstellte Weg zum Fenster (Lüften…) oder das Öffnen der Türe, sicher auch das Wiederfinden von Schul- und Sportzeug oder Kleidern.

2. Zweitens geht es um für die ganze Familie gültige Ansprüche, die an den gemeinsamen Wohnraum (Bad, Stube und Essraum, Bad, Gang) gestellt werden und die ein entsprechendes Verhalten von allen voraussetzen. Der Jugendliche darf im Eingangsbereich nicht einfach Jacke und Sportmaterial in eine Ecke oder auf den Boden werfen, der Vater den Mantel und die Aktentasche genauso wenig (siehe Punkt 2 beim Schulalter: Vorbildfunktion).

3. Stört die Unordnung in einem Wohnbereich einen Teil der Familie stark oder werden gewisse Regeln wiederholt nicht eingehalten, ist es Zeit für einen Familienrat oder in klaren Fällen auch immer noch für ein elterliches Machtwort.

4. Dies gilt auch bereits für das obligatorische Schulalter, bei Kindern in der Pubertät noch mehr: Belohnungen über die Anerkennung oder ein Danke für Arbeiten im gemeinsamen Wohnbereich sind tabu. Im eigenen Zimmer und Material soll der Nachwuchs das eigene Interesse entwickeln und feststellen, dass das Finden bestimmter Dinge etwa im morgendlichen Vorschulstress angenehmer ist als langes Suchen. In Bad, Stube und Essraum geht es um die Basis des Zusammenlebens, die erkauft oder erschleicht man sich nicht. Man erarbeitet sie sich – so mühsam dies für die Eltern als Einfordernde und die Jugendlichen als bisweilen Leistung Zeigende eben fällt.

Autor: Reto Meisser