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31. August 2015

Damensattel: Reiten wie Kaiserin Sissi

Das Dirigieren eines Pferdes aus dem Damensattel erfordert spezielle Kenntnisse. Für Barbara Tschuor war es Liebe auf dem ersten Ritt. Neben der Technik liebt sie das Zusammenstellen der historischen Kostüme.

Damensattel: Reiten wie Kaiserin Sissi
Barbara Tschuor auf ihrem Reithof in Gettnau: Die historischen Kostüme machen das Reiten im Damensattel zum königlichen Vergnügen.

Kerzengerade sitzt Barbara Tschuor (47) auf ihrem Spanischen Schimmel Llevant und trabt durch den weichen Sand der Reithalle in Gettnau LU. Die barocke Langjacke mit den goldenen Stickereien wippt im Takt, auf dem Kopf thront ein Dreispitz, und der schwarze Rock überdeckt ladylike beide Stiefel: Die Reiterin sitzt im Damensattel, beide Beine links vom Pferderücken, leicht angewinkelt und in zwei spezielle Lederhörner eingehängt. In der rechten Hand hält sie locker eine schmale Reitgerte. Die braucht sie, um dem Pferd auch auf dieser Seite sanfte Kommandos zu erteilen.

Barbara Tschuor sieht aus wie aus einer anderen Zeit in ihrem Kostüm und mit dem gefüllten Haarnetz, unter dem sie ihre moderne Kurzhaarfrisur versteckt. Sie würde hervorragend in eine noble Jagdgesellschaft passen. Llevant oder Levi, wie sie den 22-jährigen Wallach nennt, trabt unbekümmert vor sich hin, ihn stört weder das Kostüm noch der Sattel, der mit einem zusätzlichen Balanceriemen festgezurrt wird. «Das A und O des Damensattels», erklärt Tschuor. «Ohne zusätzlichen Riemen würde der Sattel beim schnellen Galopp ins Rutschen geraten.»

So sind die Beine im Damensattel fixiert
Barbara Tschuor zeigt, wie die Beine im Damensattel fixiert sind.

Sie zeigt ihren aufknöpfbaren Rock und den Steigbügel mit dem Schloss, das sich bei einem Sturz sofort löst: «Beides wurde vor rund 100 Jahren erfunden und dient der Sicherheit», sagt sie. Früher verfingen sich die Frauen bei einem Sturz mit dem Rock in den Hörnern oder blieben mit dem linken Fuss im Steigbügel hängen und wurden hinter dem Pferd hergeschleift.

Rund 10 000 Franken kostet ein Damensattel

Zum Gehen knöpft sich Barbara Tschuor den Sicherheitsjupe hinten wieder hoch. Solche Details liebt sie: «Mit Fantasie nostalgische Kostüme zusammenstellen. Das ist doch der Mädchentraum, wie Aschenbrödel im Film durch die Landschaft zu galoppieren.» Ein Traum, der allerdings viel Können voraussetzt. «Die Befehle sind viel feiner als beim Reiten im Herrensattel», sagt sie.

Und anstrengender: «Das rechte Bein und die Bauchmuskeln spüre ich jedesmal ordentlich.» Als die gelernte Primarlehrerin vor fast zehn Jahren erstmals an einem Schnuppertag in einem Damensattel sass, war sie vom ersten Moment an fasziniert. Sofort machte sich Barbara Tschuor auf die Suche nach einem eigenen, handgenähten Stück. Ein Jahr dauerte die Suche, bis sie einen qualitativ guten Sattel gefunden hatte. «Aus dem Osten werden viele schlechte Billigsättel angeboten», sagt sie. Ein Qualitätsdamensattel hingegen kostet rasch einmal gegen 10 000 Franken, ein gebrauchter immerhin noch 3000 bis 4000 Franken. Um Erfahrungen und wichtige Tipps auszutauschen, gründete Tschuor 2007 mit anderen begeisterten Frauen den Damensattel-Verein Schweiz. Die rund 50 Mitglieder sind alle mittleren Alters. Tschuor vermutet, dass das nicht zuletzt mit den exorbitanten Kosten zusammenhängt: «Für junge Reiterinnen ist das ganz einfach unerschwinglich.»

Kommandos mit der Gerte
Mit der Gerte gibt sie dem Pferd auf der beinfreien Seite Kommandos.

Zudem wirkt das Reiten im Damensattel auf den ersten Blick nicht modern: Lange genug kämpften Frauen dafür, im Herrensitz reiten zu dürfen. Selbstbewusst lehnt Barbara Tschuor leicht nach vorne und galoppiert davon. Genau diese «neue weibliche Rolle», erklärt sie, gefalle ihr: «Graziös und im eleganten Kostüm auf dem Pferd sitzen und zugleich völlig selbständig leben.» Sie füttert, striegelt Levi und ihre fünf anderen Pferde und Ponys und schneidet ihnen sogar regelmässig selber die unbeschlagenen Hufe. Sie schmunzelt. «Und zum Aufsteigen brauche ich auch nicht mehr zwei Diener.» Klar, ganz ohne die Hilfe ihres Mannes, der vor allem beim Entwerfen der Anlage tatkräftig mit anpackte, hätte sie es nicht geschafft. Wenn sie nicht gerade ihre Vierbeiner versorgt oder reitet, macht sie auf ihrem Hof in Gettnau Reittherapie für Menschen mit geistiger oder psychischer Behinderung.

Momentan übt Barbara Tschuor die Schritte für den bevorstehenden Damensattel-Reittag, an dem sie mit ihrer Kollegin Conny Erni eine selber zusammengestellte Kür vorführen will: In weisser Bluse, englischem Rock und Zylinder wird sie mit Levi zu Johann Strauss’ «Annen-Polka» auftreten. Darauf freut sie sich, Reittage des Vereins oder historische Paraden seien Höhepunkte. «Das ist Harmonie mit dem Pferd.»

Sissi (1863), Kaiserin von Österreich
Sissi (1863), Kaiserin von Österreich

Sissi (1863), Kaiserin von Österreich, gilt als Vorzeigefrau für das Reiten im Damensattel. Sie ritt schon seit ihrer Kindheit und beherrschte die Reitkunst von der hohen Schule der Dressur bis hin zu Zirkuslektionen wie Levade, Ballotade und Courbette – alles im Damensattel. Auch an zahlreichen Hetzjagden stellte sie mit ihrer Courage und ihrem Können die meisten ihrer männlichen Mitreiter in den Schatten. Leider gibt es nur wenige Fotos von der Kaiserin zu Pferd: Sie liess sich ungern fotografieren, und wenn, dann nur in für diese Zeit untypischer dunkler Kleidung, weil die schön schlank macht.

Miss Marple Im Film «Murder at the gallop» (deutsch: Der Wachsblumenstrauss) von 1963 musste Margaret Rutherford als Detektivin Miss Marple hoch zu Pferd ermitteln – natürlich im Damensattel. Mit ihrem Topfhut und dem zeltähnlichen Umhang ist die forsche Detektivin sonst wahrlich kein Inbegriff weiblicher Grazie, aber wenn sie kerzengerade seitlich im Sattel sitzt, wirkt auch sie erstaunlich elegant.

Elizabeth II. mit 60 im Damensattel
Elizabeth II. mit 60 im Damensattel

Die englische Königin Elizabeth II. mit 60 im Damensattel. Erst mit 80 hörte die englische Königin auf zu reiten. Königin Elizabeth II. Sie sass wahrhaftig königlich im Damensattel. Die Beine elegant angewinkelt, trabte sie auf ihrem jeweiligen Königinnenpferd lässig durch Reithallen und über Reitplätze. Und wahrhaft majestätisch wirkte sie, wenn sie in Uniform die Parade abnahm. Sie war es, die dem Damensattel erst zu einem neuen Aufschwung verhalf.

Welches Mädchen hat nicht schon davon geträumt, wie Aschenbrödel im Film «Drei Nüsse für Aschenbrödel» auf einem Schimmel, mit wehenden Locken und wallendem Kleid durch den Schnee zu galoppieren, Prinz und Traummusik inklusive! Wäre Schauspielerin Libuše Šafránková dabei ganz gewöhnlich im Herrensattel geritten – die Filmszene wäre nicht halb so romantisch und märchenhaft geworden.

Lady Mary in der populären TV-Serie «Downton Abbey»
Lady Mary in der populären TV-Serie «Downton Abbey»

Immer mehr Engländerinnen wollen lernen, wie Lady Mary mit nobel erhobenem Kopf in der populären TV-Serie Downton Abbey (2010) über Wiesen und durch Wälder zu galoppieren. Roger Philpott, in England als «Grossvater des Damensattels» bekannt, unterrichtet diese Reitart seit 34 Jahren und weiss: «Jedesmal, wenn eine neue Serie herauskommt, werden wir von Anfragen überschwemmt.» Englische Zeitungen nennen das bereits den «Lady Mary Effekt».

Angelina Jolie als Lara Croft im Film «Tomb Raider»
Angelina Jolie als Lara Croft im Film «Tomb Raider»

Schiesswütig, aber ladylike: Eine happige Aufgabe meisterte Angelina Jolie als Lara Croft im Film «Tomb Raider» (2003). In beigen Reithosen und mit wehendem dunklem Ledermantel flieht sie nicht nur vor einem Helikopter, sondern muss erst noch mitten im Galopp mit einem schweren Gewehr auf eine Zielscheibe schiessen – lässig im Damensattel sitzend natürlich. Ein Vorbild für sportliche junge Frauen?

Autor: Claudia Weiss