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26. Oktober 2015

Jimmy zeigt allen den Meister

Er schafft die 80 Meter in 10,89 Sekunden: Jimmy von der krummen Weide zählt zu den schnellsten Dackeln der Schweiz. Seiner Besitzerin Ursula Ganz-Blättler bedeutet der kleine Frechdachs aber noch viel mehr. Oben sehen Sie Jimmy im Tunneltraining, unten seinen Rempler an den Schweizer Meisterschaften im Video.

Rauhaardackel Jimmy liebt es, sich mit anderen Hunden zu messen
Manchmal etwas störrisch, verspielt und blitzschnell: Rauhaardackel Jimmy liebt es, sich mit anderen Hunden zu messen.

Sie heissen Golda von der Mardereiche, Miss Sophie vom Eigental oder eben Jimmy von der krummen Weide. Adelige aus einem fantastischen Königreich? Nein, Hunde. Dachshunde genau, oder einfach: Dackel.
An einem Herbstsamstag treffen sich die Vierbeiner auf der Rennbahn in Rifferswil ZH. Der Schnellste unter ihnen soll gekürt werden – eine ernsthafte Sache.
Auf der Ziellinie wartet Ursula Ganz-Blättler (57). Sie schwenkt einen stacheligen Plastikball, Jimmys «Geheimwaffe». Das Spielzeug ist ihm heilig. Ist es weg, will er es zurück, da kennt er nichts.

Raue Sitten: Wettkampftyp Jimmy rempelt in einer Dreierserie der Schweizer Meisterschaften einen Konkurrenten an.

Nach dem Startschuss spurtet der kleine Rauhaardackel los, pfeilgerade und unter frohem Gejaule, nur die 80 Meter im Blick, die ihn von seinem Ball trennen.
Am Anfang sieht es gut aus, Jimmy führt souverän, doch dann erfolgt ein Angriff aus seinem Windschatten heraus. Ein Konkurrent droht, rechts an Jimmy vorbeizuziehen. Was dann passiert, ist bis heute nicht restlos geklärt. Im ersten Moment spricht der Speaker von einem Foul. Jedenfalls stürzt der Angreifer, überschlägt sich im Gras und verliert das Rennen. Das zeigen Amateuraufnahmen auf Facebook. Jimmy gewinnt in seiner Alterskategorie. Nur einer ist an diesem Tag noch schneller: Seriensieger Janis vom Ramat Gan, der Usain Bolt unter den Schweizer Dackeln.

«Jimmy hatte einfach Glück», sagt Ursula Ganz-Blättler ein paar Tage später in ihrer Küche in Stans NW. Der Rempler sei bestimmt keine Absicht gewesen. Klar ist: Der zweieinhalbjährige Rüde ist kein Kuscheltier. Ein Wesenstest für Rassehunde attestierte ihm einen ausgesprochen sportlichen Charakter. Stillstehen ist seine Sache nicht. Als er einst an einem Schönheitswettbewerb die versammelten Züchter hätte begeistern sollen, machte Jimmy schnell klar, dass ihm diese Art Veranstaltung überhaupt nicht passte. Nachdem er alle anderen Hunde aus dem Ring verbellt hatte, wurde der Wilde von der krummen Weide ohne Bewertung nach Hause geschickt.

Ein Helfer in schwierigen Zeiten
«Jimmy ist mein Sportminister», sagt Ursula Ganz-Blättler, «er sorgt dafür, dass ich rausgehe.» Als vor ein paar Jahren die akademische Karriere der Soziologin ins Stocken geraten war, fiel sie in ein Loch. An der Universität hatte man ihr zu verstehen gegeben, dass man sie nicht mehr benötigte. Man verweigerte ihr, die über Film- und Fernsehwissenschaften habilitiert hatte, eine Beförderung.
Und dann kam der Krebs. «Ich war überqualifiziert und drohte trotzdem in die Armut abzurutschen», sagt Ganz-Blättler heute, da die Krankheit besiegt ist und sie wieder Tritt gefasst hat im Leben. Ihre aktuelle Haupteinnahmequelle bildet aber nach wie vor eine Liegenschaft, die sie von der Mutter geerbt hat. Sie will zurück in den wissenschaftlichen Betrieb oder in den Journalismus. «Ich stecke voller Energie, muss es einfach etwas langsamer angehen.» Könne man denn gleichzeitig depressiv und glücklich sein, habe sie in den schwierigen Zeiten ihre Therapeutin immer wieder gefragt. «Vermutlich war ich einfach nur sauer.»

Die Welt des Jimmy von der krummen Weide in weiteren Bildern.

Zeit, Gassi zu gehen. Ursula Ganz-Blättler schnallt sich das Bauchtäschli um, in dem sie die Hundeguetsli aufbewahrt. Jimmy weiss, was nun kommt. Voller Vorfreude rennt er im Korridor der Altbauwohnung hin und her, springt an seiner Besitzerin hoch, winselt vor Ungeduld und scharrt an der Tür. Im kleinen Garten vor dem Haus widmet er sich minutenlang seinem geliebten Plastikball, klemmt ihn zwischen seine kleinen weissen Zähne und duckt sich, ganz der Jagdhund, der er ja eigentlich ist, im hohen Gras.

Kinder hat Ursula Ganz-Blättler nicht, jetzt sind Jimmy und die WG ihre Familie. «Hunde sind ein wunderbares Training fürs Leben», sagt sie. Man lerne, mit Verlust umzugehen. Vor Jimmy hatte sie bereits drei Dackel: Bänz von Tannhorn, Aron von Federal und Flavia vom Schönenberg. Was sie verband: Alle waren störrisch und verspielt. Im Garten macht Jimmy der Beschreibung seines Frauchens alle Ehre. Ganz aufgeregt steckt er sein Revier ab. Ob er ahnt, dass er schon bald Besuch von einer Hundedame empfangen darf? Im Frühling soll Jimmy von der krummen Weide nämlich Papi werden. 

WEITERE YOUTUBE-VIDEOS

Der Finallauf mit Jimmy an den Schweizer Meisterschaften 2015

Das Target-Training mit Jimmy und den anderen von der Dackelzaubertruppe

Autor: Peter Aeschlimann

Fotograf: Holger Salach