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13. Mai 2013

Cybermobbing: Freunde gesucht, Feinde gefunden

Im Internet findet fast alles statt, auch Mobbing. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche wie Martina S. Ihre Leidensgeschichte begann ganz harmlos. Aber auch Erwachsene greifen zu «digitalen Waffen», um Konflikte zu lösen.

Weinende Frau vor Computer
Martina S. hielt dem Drängen ihres Internetfreundes nicht stand: Sie überliess ihm einen erotischen Film von sich. Der verbreitete sich rasch im Netz.

Wasch dir doch die Pickel vom Gesicht!» Mit diesem scheinbar harmlosen Satz begann die Leidensgeschichte von Martina S.*. Die 14-Jährige wohnt in der Nähe von Zürich, wo sie bis letzten Sommer auch die Sekundarschule besucht hat. Martina fühlte sich in ihrer Klasse wohl, war integriert, hatte Freundinnen, schrieb gute Noten. Bis die Sticheleien anfingen, die sich innert kürzester Zeit zu einem Horror für Martina auswuchsen. «Ich hatte starke Akne. Dazu kam ein Streit mit einer Kollegin. Die hat dann meine schlechte Haut benutzt, um mich fertigzumachen.» Was ist konkret passiert? Martina bekam rund um die Uhr von verschiedenen Schülerinnen Mitteilungen per WhatsApp: «Schau dich doch mal im Spiegel an. Du bist hässlich. Wasch dir doch das Gesicht!»

Der Täter nötigte Martina, sich mit dem Handy selber zu filmen

Und schon bald wurde Martina auch via Facebook attackiert. Sie traute sich kaum mehr, ihr Handy einzuschalten. Der Schulbesuch wurde zum Spiessrutenlauf. Hat denn ihr Klassenlehrer Pius K.* (39) nichts bemerkt? «Mir ist schon aufgefallen, dass Martina immer wieder gehänselt wurde wegen ihrer Haut. Das habe ich in der Klasse auch angesprochen. Dann war jeweils Ruhe. Aber was hinter den Kulissen und vor und nach der Schule lief, habe ich wohl unterschätzt.»

Mehr zum Thema: Was dürfen Jugendliche und Eltern im Cyberspace tun, was ist verboten? Diese rechtlichen Fallstricke müssen Nutzer von Facebook & Co. unbedingt beachten. Zum Artikel

Die Gemeinheiten verletzten Martina so sehr, dass sie sich zurückzog — auch ins Internet. Sie konnte und wollte mit niemandem darüber sprechen und suchte Hilfe bzw. Freunde im Web. Das wurde ihr zum Verhängnis. «Ich war so einsam und sehnte mich nach Geborgenheit, nach Zuwendung.» In dieser Zeit freundete sich Martina im Internet mit vielen Leuten an. Sie wünschte sich Freundschaft und Zuneigung — und vertraute Fremden.

Heute weiss ich, dass es total naiv war. Aber es ist zu spät.

Einer dieser virtuellen Kontakte hat das aufs Brutalste ausgenützt. Er war so lange verständnisvoll und nett zu Martina, bis er ihr Vertrauen hatte, dann schlug er zu. Martinas Stimme zittert noch heute, wenn sie erzählt, und sie kämpft mit den Tränen: «Er hat gemerkt, dass ich traurig bin und Hilfe brauche — und dass er mich damit erpressen kann.» Jetzt wird es für Martina ganz schwierig, weiter zu erzählen. Ihre Mutter Karin S.* (45) übernimmt das Wort, denn zu diesem Zeitpunkt kamen auch Martinas Eltern ins Spiel. «Der virtuelle Freund hat meine Tochter genötigt, sich selber mit dem Handy zu filmen, und zwar erotisch.» Eigentlich sogar pornografisch, präzisiert die Mutter von Martina.

Aber wie hat es der Täter geschafft, Martina so unter Druck zu setzen? «Er hat gedroht, den Kontakt abzubrechen, wenn ich nicht mitmache. Und das wäre für mich in diesem Moment die Hölle gewesen. Also habe ich mitgemacht. Heute weiss ich, dass das total naiv war. Ich bereue es sehr. Aber es ist zu spät.» Die Filme haben sich verbreitet wie ein Lauffeuer. An ihrem Wohnort, in Nachbargemeinden, bei Verwandten, an der Schule. Martina: «Alle wussten davon, das war der totale Horror für mich. Ich konnte nicht mehr in die Schule gehen.» Die Mutter von Martina sagt mit fester Stimme: «Als sie die Schule verweigerte, wussten wir, dass sofort etwas passieren muss.» Sie setzte sich mit dem Klassenlehrer in Verbindung, gemeinsam wurde das weitere Vorgehen besprochen.

Das Team der Krisenintervention kam sofort in die Schulklasse

Als der Klassenlehrer von den Videofilmen hörte, wurde er sofort aktiv und kontaktierte Joachim Zahn (45) von der Fachstelle Zischtig.ch in Uster ZH. Joachim Zahn und sein Team haben sich auf Medienerziehung und Cybermobbing spezialisiert, sie unterstützen und beraten Betroffene, Eltern und Lehrpersonen. Auf Wunsch des Lehrers und der Schulleitung kamen sie sofort in die Klasse, um mit einer Krisenintervention über Cybermobbing aufzuklären: «Es ging um den Umgang mit Handys, um die rechtlichen Aspekte, um die Folgen für Opfer und Täter.» Gemäss Joachim Zahn muss eine Klasse aus solchen Situationen etwas lernen, damit es nicht weitere Opfer gibt. «Und wir wollen Betroffenheit stiften für das Opfer», sagt er. Wichtig seien dabei auch die sogenannten Bystanders, die Mitläufer. Die müsse man erwischen, um weitere Auswüchse zu verhindern. Das Schlimme am Mobbing sei die Öffentlichkeit, und die sei an der Schule massiv. Zahn: «Man kommt, wird angeglotzt, sie flüstern rundherum.» Der Fachmann hat eine Bitte an alle Jugendlichen, die mit Mobbing zu tun haben: «Bitte redet so schnell wie möglich mit einer erwachsenen Person; egal, ob mit Eltern, Lehrern oder Verwandten. Gleichaltrige können euch nicht helfen.»

Sechs Monate nach der Krisenintervention war Joachim Zahn wieder in der Klasse. «Den meisten ist der Fall von Martina total eingefahren. Aber einige haben leider keine Lehre daraus gezogen», berichtet er.

Neben Zischtig.ch war auch der Jugenddienst der Kantonspolizei sofort zur Stelle, was vor allem der Mutter von Martina sehr geholfen hat. «Er ist zu uns nach Hause gekommen, hat mich und meinen Mann beraten. Und er hat lange und intensiv mit meiner Tochter gesprochen.» Martina erinnert sich, dass der Polizist alle Nummern wollte, die sie auf dem Handy hatte. Und dass er sie aufgeklärt hat über ihre Rechte und Pflichten. «Er hat mir gesagt, dass ich mich auch strafbar mache, wenn ich noch einmal solche Filme von mir drehe und weitergebe.»

Radikale Therapie: Facebook weg, Handy weg, Internet weg

Nach dem Besuch der Polizei hat die Familie schnell gehandelt. «Wir waren verzweifelt. Aber uns war klar: Es muss sofort etwas geschehen», sagt Martinas Mutter Karin S. Martina löschte ihr Facebook-Konto, gab das Handy für sechs Monate ihren Eltern ab und hatte in dieser Zeit auch kein Internet. Martina: «Am Anfang war das hart, aber man gewöhnt sich daran. Heute habe ich mein Handy wieder, kann aber auch gut ohne sein. Auf Facebook kann ich gut verzichten.» Der grösste Schritt für Martina: Sie hat die Schule gewechselt und den Schulort. Das hat auch der damalige Lehrer Pius K. unterstützt: «Martina hat diese Chance verdient.»

Ich will mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben

Und wie hat die alte Klasse reagiert? «Sie hat wohl damit gerechnet und es zur Kenntnis genommen». Martina ist an der neuen Schule glücklich und will keinen Kontakt mehr zu ihren ehemaligen Mitschülern. «Nein, ich habe keine Rachegefühle. Ich will einfach meine Ruhe und mit diesen Leuten nichts mehr zu tun haben», sagt sie heute.

Ebenfalls keine Rachegefühle gibt es gegenüber dem Täter. Die Familie hat auf eine Anzeige verzichtet. «Wir wollen die Sache verarbeiten und dann ruhen lassen. Es war für Martina hart genug, und jedes Gespräch wühlt sie wieder auf», sagt die Mutter. Sind die Eltern wütend auf ihre Tochter? «Nein», meint die Mutter, «aber enttäuscht und traurig, dass sie nicht früher mit uns gesprochen hat». Was würde Martina heute anders machen? «Ich wäre nicht mehr so naiv, einem Fremden zu trauen. Und ich würde sofort mit meinen Eltern reden.» Und was rät die Mutter von Martina anderen Eltern? «Redet sooft wie möglich mit euren Kindern. Schaut nicht weg. Bleibt hartnäckig dran, auch wenn sie sich nerven. Erklärt euren Kindern, warum ihr euch Sorgen macht. Das schafft Nähe und Vertrauen — auch für extremste Situationen.»

Und dann den Lehrer fertiggemacht

Dass sich Gleichaltrige mobben, ist bekannt. Aber wussten Sie, dass auch Schüler ihre Lehrer im Internet plagen? Werner K.* (31), Sekundarlehrer in Zollikon BE: «Ein paar Schüler erstellten auf einer Social-Community-Plattform ein öffentlich zugängliches Konto unter meinem Namen.» Dazu verwendeten die Jugendlichen Bildmaterial, das sie im Internet auf öffentlichen Websites gefunden hatten. Und sie filmten den Lehrer heimlich mit der Handykamera. Das Fatale: Sie stellten ihren Lehrer als rassistisch und homosexuell dar. Ausserdem legten sie ihm übelste Sätze in den Mund, die an dieser Stelle nicht wiederholt werden sollen. Eine Mutter wies den Lehrer auf das Konto hin. Und auch Werner K. hat sofort gehandelt: «Ich habe die Schulleitung und den Jugenddienst der Kantonspolizei informiert. Die Polizei fand die Täter recht schnell.» Auch in diesem Fall hat Zischtig.ch mit der Klasse gearbeitet. Werner K. rät seinen Berufskollegen: «Geht offensiv vor und sprecht sofort mit der Schulleitung und der Kapo. Als Team ist man stark und kann Lösungen finden».

Zischtig.ch ist ein Gemeinnütziger Verein mit Sitz in Uster ZH. Er arbeitet mit Kindern, Jugendlichen, Eltern und Lehrpersonen an einer konstruktiven, kreativen und fairen Internetkommunikation – und an Strategien zur Vermeidung von Onlinesucht. www.zischtig.ch

Autor: Angela Cadruvi

Fotograf: René Ruis