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23. Mai 2016

Cyberexpertin auf Schweizer Mission

Shira Kaplan macht hiesige Unternehmen fit im Kampf gegen die Internetkriminalität. Ihr Können hat die in Zürich wohnhafte Datenschutzspezialistin beim israelischen Geheimdienst erworben.

Shira Kaplan
Shira Kaplan: «Firmen und Behörden müssen darüber nachdenken, wie sie die Bevölkerung vor Cyberattacken schützen wollen.»

Für Shira Kaplan (32) ist klar: Die zukünftige Form des Terrorismus findet im Netz statt. So werde es Cyberterroristen etwa auch möglich sein, aus der Ferne Anschläge auf Atomkraftwerke zu planen. Die Geheimdienste der meisten Länder würden der technologischen Entwicklung hinterherhinken, wie die Anschläge in Paris im vergangenen November gezeigt hätten.
«Firmen und Regierungen in ganz Europa müssen darüber nachdenken, wie sie kritische Infrastrukturen und die Bevölkerung vor Cyberattacken schützen wollen», sagt Kaplan und führt ein Beispiel an: «Nehmen wir an, eine Terrororganisation weiss, dass ein mächtiger Politiker mit einem Herzschrittmacher lebt: Die Terroristen könnten das Gerät hacken, es manipulieren.»

Bevor Shira Kaplan in Harvard an der Ostküste der USA und in St. Gallen studierte, leistete sie wie fast alle israelischen Frauen Dienst bei den Streitkräften – ­als Analystin in einer Elitetechnologie­einheit des israe­lischen Armeegeheimdienstes. In dieser Zeit erwarb sie ihr Wissen für ihr künftiges Geschäftsmodell: Mitte 2014 gründete sie mit Geschäftspartnern das Start-up-Unternehmen Cyverse mit Sitz in Küsnacht ZH und Herzlia im Norden von Tel Aviv.
Cyverse bietet Sicherheitslösungen im Netz an und will Schweizer Firmen, die in den Bereichen Energie, Versicherung, Pharma und Finanzwesen tätig sind, die israelische Technologie verkaufen. Diese kostet je nach Grösse des Unternehmens rasch einmal mehrere 100'000 Franken.

«Der Trend in der Cybersicherheit geht von der reinen Abwehr hin zum vorzeitigen Aufspüren von Bedrohungen», sagt Kaplan. Sie ist mit ihrem Geschäftsmodell der Politik voraus. Auf Bundesebene gibt es zwar eine Cyberstrategie mit entsprechenden Stellen im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport und beim Bundesamt für Polizei. Auf kantonaler Ebene verfügt aber nur Zürich über ein Cybercrime-Team, obwohl die Internetkriminalität immer bedrohlicher wird.

Digitalisierung macht verwundbar

Erst vor ein paar Tagen wurde publik, dass die Computer des schweizerischen Technologie- und Rüstungskonzerns Ruag mit einer russischen Spionagesoftware infiziert worden sind.
Mitte März erfolgten Angriffe auf Onlineshops von SBB und der Migros-Tochter Digitec. Es sollen die heftigsten gewesen sein, die die Schweiz je erlebt hat. Experten schätzen die Umsatzeinbussen durch den Zusammenbruch der Server auf fünf Millionen Franken. Gleichzeitig gingen anonyme Lösegeldforderungen von mehreren 10 000 Franken ein. Genau davor will Cyverse Firmen schützen.

«Israel lebt mit der ständigen Bedrohung und leidet unter Millionen von Cyberangriffen und das jeden Tag.» Deshalb habe das Land gute Lösungen zur Hand. «Israel hat schlicht keine andere Wahl», sagt die Unternehmerin, die immer wieder in ihr Heimatland reist, um sich über neue Technologien zu informieren.

Die Schweiz: «ein utopisches Land»

Shira Kaplan lebt seit sechs Jahren in der Schweiz. Ihr israelischer Mann, der im Finanzsektor arbeitet, hatte ein Jobangebot erhalten. Sie folgte ihm. «Hier steht Qualität über allem.» Von ihrem Heimatland vermisse sie die Sonne, den Strand und «manchmal die Unsicherheit, weil ich damit aufgewachsen bin. Ich bin sehr spontan. Das macht mich kreativ. In Israel weiss man nie, was morgen ist.»
An der Schweiz dagegen schätze sie, wie gut organisiert und wie sauber das Land sei. «Die Schweiz erinnert mit ihren Naturschönheiten und ihren Volksrechten an ein utopisches Land, von dem andere Staaten nur träumen können.»

Noch etwas schätzt die Unternehmerin an der Schweiz: Vom Bildungssystem werde ihre zweijährige Tochter profitieren. Shira Kaplan träumt trotz Karriere davon, mehrere Kinder, am liebsten gleich fünf, grosszuziehen. Sie bedauere es, dass es immer weniger grosse Familien gebe. Inzwischen ist die Geschäftsfrau erneut schwanger, im siebten Monat. Voller Energie eilt sie zum nächsten Termin, um gegen die Cyberkriminalität zu kämpfen.

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: Gian-Marco Castelberg