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31. Dezember 2012

Cyber-Mobbing sprengt alle Grenzen

Was versteht man darunter, welche Formen treten häufig auf, was sind die Folgen und wo gibts Unterstützung für Betroffene und Schulen?

Die Cyber-Variante unterscheidet sich nur teilweise vom allgemein bekannten Mobbing, wie es im Schulzimmer, auf dem Pausenhof oder sonstwo in der Freizeit seit Menschengedenken anzutreffen ist (auch wenn der Begriff eine relativ kurze Geschichte hat). Der Hauptunterschied besteht in drei letztlich selbstverständlichen Punkten, die in der Konsequenz aber keineswegs harmlos sind:

1. Die einzig positive Nachricht: Die physische Gewaltanwendungselbst fällt weg, da sie über das Internet an Computern, Smartphones oder Tablets nicht ausgeübt, lediglich angedroht werden kann. Letzteres dafür viel schneller, bequemer und oftmals, ohne dass die Drohung einfach zum wirklichen Absender zurückverfolgt werden kann.
2. Cyber-Mobbing hat einen ungleich höheren Wirkungsgrad respektive eine viel breitere Streuung. Zielpersonen können so nicht nur in einer Klasse oder halben Schule, sondern bei skrupellosem sowie raffiniertem Vorgehen gar landes- oder letztlich weltweit angegriffen und geschädigt werden.
3. Das Internet und die meisten der für Mobbing genutzten Kanäle haben ein fast unbegrenzt langes Gedächtnis: Es reicht häufig nicht, die momentane Ausübung von Mobbing zu unterbinden, es muss auch daran gedacht werden, dass Postings (Mitteilungen, Bilder, Links) auf Social-Media-Kanälen oder zeitgemässen Internet-Applikationen nicht einfach verschwinden. So heisst zum Beispiel die (erzwungene, verfügte) Entfernung von diffamierendem Inhalt auf dem Facebook-Profil eines Mobbers nicht immer, dass die Sache für das Opfer für die Zukunft ausgestanden ist. Via Weitergabe über ein anderes Profil können Persönlichkeitsrecht verletztende Inhalte jederzeit wieder auftauchen oder weiter wirksam sein, ohne dass das Opfer und seine Angehörigen respektive Vertreter es mitbekommen müssen. Und auch deaktivierte Postings bleiben bisher im Datensystem von Facebook und Co. letztlich vorhanden und sind vor Drittzugriffen durch Programmierkundige nicht sicher.

Daneben gelten speziell für Lehrkräfte, aber auch Eltern dieselben Anzeichen wie beim klassischen Mobbing:
Es handelt sich um eine festgefahrene Situation respektive einen 'eingespielten' Konflikt, An- respektive Übergriffe erfolgen gehäuft, über Wochen oder gar Monate und nach bestimmtem System
Angegriffene Personen sind physisch unterlegen und/oder deutlich in der Minderzahl
Die betroffene Person kann sich aus eigener Kraft nicht zur Wehr setzen, eine Reaktion zeigen, die das Konfliktmuster verändert
Es ist mehr oder weniger offen das Ziel des Ausschlusses des Opfers aus dem Klassenverband, einem Team etc. feststellbar

DIE KURZDEFINITION
Vereinfacht ausgedrückt versteht man unter Cyber-Mobbing (teils auch - Bullying oder -Stalking genannt) den Einsatz digitaler Kommunikationsmittel (Internet, Mobilgeräte, Social-Media- und andere Kommunikationsplattformen) mit dem Ziel, jemanden blosszustellen, auszugrenzen, zu beleidigen, belästigen oder zu bedrohen.

Weshalb sprechen praxiserprobte Fachleute erst seit wenigen Jahren von einem Boom des Cyber-Mobbings, ohne dass dies angesichts der verschiedenen Natur der Vertriebskanäle und deren Eisnatzmöglichkeiten durch verlässliches Zahlenmaterial zu stützen wäre? Ganz einfach: Zwar existiert das frei zugängliche und wenig streng überwachte Internet seit langem, aber das Erstellen eigener Websites oder Site-Bereiche zu Mobbingzwecken war ausser für einige Web-Spezialisten im Schüleralter schlicht zu mühsam. Erst die Etablierung von Social Medias wie zuvorderst Facebook (auch ein paar weiteren) sowie von einfachen Kommentierfunktionen auch auf kleineren Websites hat den Mobbern kostenlose und ohne Spezialkenntnisse einsetzbare Mittel in die Hand gegeben. Ein Facebook-Profil hat heute gerade unter den Jungen fast jede(r), und es lässt sich über seine Hauptfunktionalitäten innert Kürze zu Angriffen auf unliebsame Mitschüler(innen) nutzen. Eine böse Nachricht, ein kompromittierendes Bild ist sofort auch unter einem 'Künstlernamen' (oder zweitem Profil) erstellt, ein paar Kollegen versehen es mit 'Likes' oder legen es auf ihren Profilen an respektive verlinken darauf, schon kommt die Lawine ins Rollen.

Vom Fake-Profil bis zur gefilmten Erniedrigung

Doch welche Formen nimmt das Cyber-Mobbing überhaupt an? Wie beim herkömmlichen Mobbing ist die Palette der Möglichkeiten fast unbegrenzt, nach einigen Jahren Erfahrung erweisen sich aber folgende Arten als häufig, will heissen beliebt bei den Anwendern:

A. Gerüchteküche: Die in Sachen Aufwand bequemste und schnellste Form des Cyber-Mobbings besteht darin, dass in Chats, über Kommunikations-Apps wie WhatsApp oder einfach über Facebook-Nachrichten Gerüchte über das Mobbing-Opfer in Umlauf gesetzt und weiter verbreitet werden, auch Geheimnisse gelüftet werden und derartiges mehr.

B. Hassgruppen: Über Facebook und vergleichbare Plattformen wird eine Gruppe gebildet, die sich über die Ablehung des Mobbingopfers definiert. Es werden ungefiltert und direkt Negativpunkte der Zielperson gesammelt (und ihnen durch 'Likes' oder Vergleichbares zugestimmt) sowie in der Regel explizit oder unterschwellig dazu aufgefordert, das Opfer auszugrenzen, zu verhöhnen oder gar auch physisch anzugreifen. Auch erste Zeugnisse von Verhöhnen oder Angriffen werden später publiziert.

C. Der SMS-'Hate-Spam': Beinahe die einfachste Form des Cyber-Mobbings, dank grosser Verbreitung von Mobiltelefonen auch bei Jugendlichen und teils Kindern sicher die älteste. Gar nur einer oder mehrere Täter senden abschätzige, Gegnerschaft oder Hass erklärende sowie (Gewalt an-) drohende SMS an das Opfer, meist viele innert eines Tages.

D. Fälschungen:Dabei geht es einerseits um Fake-Bilder der gemobbten Person, die darauf in kompromittierender Weise zu sehen ist. Da reicht es schon, den Kopf oder irgendetwas vom Opfer in ein eigentlich Originalbild aus einem völlig anderen Zusammenhang hineinzuflicken, um der Zielperson zu schaden. Meistens tritt diese Vorgehensweise übrigens in Kombination mit A oder B auf.
Oft geht die Fälschung aber weiter: Täter legen eingefaktes Profil der Zielperson an. Damit können Sie schädliche Inhalte doppelt raffiniert loswerden. Erstens glauben viele Uneingeweihte Besucher auf Facebook oder anderen Social-Media-Kanälen, dass hier tatsächlich die/der Genannte kommuniziert – dass er/sie ein (peinlich verfasstes) Kontaktinserat aufgibt, dieses oder jenes Problem habe, dies oder das getan habe. Neben dem Schaden durch Beleidigungen, die wie Bekenntnisse daherkommen, ist ausser für Hacker selbst für Dritte, die nicht an den Fake glauben, nicht einsehbar, wer das Profil erstellt hat und auf perfide Art unterhält.

E. Das Mobbing-Archiv: Gerne werden Facebook & Co. als Archiv genutzt, um möglichst aussagekräftige Dokumente meist vorab geplanter Erniedrigungen zu verbreiten, das heisst einem möglichst grossen Zielpublikum auch über längere Zeit zugänglich zu machen. Die Erniedrigungen können aus Prügelszenen bestehen ('Happy Slapping') oder aus raffiniert herbeigeführten, peinlichen Situationen in Schule oder Freizeit, in denen das Opfer dank der Inszenierung am Ende sehr blöd (oft im übertragenen oder wortwörtlichen Sinn ohne Hose) dasteht. Als attraktiv gelten primär Filmdateien, verschiedentlich genügen auch schon einzelne Fotos/Bilder als Dokument für eine umgesetzte Mobbing-Tat.

F. Falsche Freunde: Mobbende kreieren meist über Facebook eine neue Kunstfigur, die sich beim Opfer einschmeichelt, um an Informationen oder Material zu gelangen, die dann dem Mobbing dienen.

Wut, Leistungsabfall, Depression

Die Konsequenzen für das Opfer sind weitgehend dieselben wie beim Mobbing ohne Benutzung digitaler Kommunikationskanäle. Je nachdem, wie schlimm die Vorfälle waren, über wie lange Zeit die Opferrolle anhielt und wie psychologisch stark die betroffene Person zuvor war, ergeben sich neben sofort nachvollziehbaren auch längerfristig wirksame Folgen, oft gravierendere:

1) Kurzfristig spüren fast alle Opfer Wut, Trauer oder Verletztheit, häufig eine Kombination dieser Gefühle.
2) In vielen Fällen treten kurz- bis auch mittelfristig daneben eine klar verminderte Konzentrations- und damit Leistungsfähigkeit auf, weiter verschiedene körperliche Beschwerden, auch Angstzustände. In gravierenden Fällen gerät das Opfer in eine Depression, vereinzelt kommen in der Folge gar Suizidversuche und Selbstmord hinzu.
3) Längerfristig können noch Jahre nach den Vorfällen (auch wenn seither keine weiteren registriert wurden) Einsamkeitsgefühle, Verlust des Selbstwertgefühls, weitgehender Vertrauensverlust und (siehe auch 2) immer noch Angststörungen oder Depressionen anhalten.

WAS TUN?
Zentral ist gerade für das private Umfeld eines Opfers, wenn Anzeichen von Mobbing (mehrere oder untrügliche) auftreten, dass die/der Jugendliche nicht allein gelassen wird, auch dass man nicht nur in der Familie über eigene Facebokk- oder andere Aktivitäten Gegensteuer zu geben versucht. Meistens stachelt dies die Euphorie und den Wettkampfsgeist der Mobbenden noch mehr an.
Es muss unbedingt der Kontakt mit der Schule – Lehrer und meist mit diesem danach ein Krisenteam oder die Leitung – gesucht werden, spätestens bei Anzeichen von gravierenden oder lang andauernden Folgen beim Opfer auch professionelle Betreuung. In klassischen Fällen kommen danach die Schritte:

Sicherung des Beweismaterials (auf Facebook oder anderen Web- oder mobilen Kommunikationswegen)
Erstattung einer Anzeige (wenn es sich wider Erwarten doch als kleine Bagatelle mit verminderter Absicht der Täterschaft handelt: schulinterne Abklärung)
Verlangen, dass zum Mobbing verwendete Einträge, Profile usw. restlos gelöscht werden
Sanktion und Nachbetreuung der Täter oder Tätergruppen (das betrifft wiederum primär die Schule)
Rehabilitation und Nachbetreuung des Opfers (auch primär durch die Schule)
Nötigenfalls verstärktes Thematisieren von Cyber-Mobbing in der Schule (Prävention)

WEITERE HILFE
Informationen und Tipps, vor allem Kontakte zu regionalen Beratungsstellen und Kursen: www.cyber-mobbing.ch
Offizielle Site zur nationalen Präventionskampagne gegen Cyber-Mobbing für Jugendliche, Eltern und Schulen: www.netla.ch
Allgemeine Infos udn Unterrichtsmaterial zur 'Onlinesicherheit' für Eltern, Lehrkräfte und Kinder: www.security4kids.ch
Hintergrundinfos für Eltern und Lehrer, Präventionsprogramme: www.zischtig.ch
Alles Wichtige rund um den Jugend-Medienschutz und Chancen/Risiken der Nutzung digitaler Medien: www.klicksafe.de

Autor: Reto Meisser