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17. Oktober 2016

Für Cornelia Funke sind Kinder die ehrlichsten Leser

Mit dem «Drachenreiter» und der «Tintenherz»-Trilogie wurde Cornelia Funke (57) berühmt. Die deutsche Autorin erzählt, warum sie es liebt, für Kinder zu schreiben und wie ihr Leben in Kalifornien aussieht.

Cornelia Funke
Cornelia Funke glaubt, sie sei als Geschichtenerzählerin geboren worden. (Bild: DPA/Keystone)

Cornelia Funke, endlich ist die Fortsetzung Ihres Kinderbuchs «Drachenreiter» da. Warum hat es 19 Jahre gedauert, bis Sie das Buch geschrieben haben?

Ich fing ein paar Mal an, hatte aber jedes Mal das Gefühl, es sei keine wirklich gute Geschichte. Ich finde es furchtbar, wenn Fortsetzungen die Leser enttäuschen. Vor zwei Jahren machte mir die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern für ein digitales «Drachenreiter»-Abenteuer aber bewusst, wie sehr ich die Figuren noch liebe. Und plötzlich schrieb sich das Buch fast wie von selbst.

Wie sind die Rückmeldungen der Leser, und was lösen die bei Ihnen aus?

Die Reaktionen sind so leidenschaftlich und glücklich, dass ich fast ein schlechtes Gewissen bekomme, dass meine Leser so lange warten mussten.

Von Ihren Büchern sind über 20 Millionen Exemplare verkauft worden. Warum kommen Sie bei den jungen Lesern so gut an?

Ich glaube, ich bin einfach als Geschichtenerzählerin geboren worden. Ich tue nichts ­lieber als schreiben und liebe meine Leser – das merken die vermutlich. Übrigens erzähle ich immer für alle und hoffe, dass auch Eltern und Grosseltern meine Bücher mögen, selbst wenn es Bilderbücher sind.

Was steht in der Fanpost?

Ganz normale Sachen wie «Ich liebe deine Bücher», aber auch Sätze wie «Wenn ich traurig bin, streichle ich dieses Buch, und es geht mir besser». Ein Leser, der im Sterben lag, schrieb mir «Deine Geschichte ist die Einzige, die ich noch lesen will». Diese Momente erinnern mich daran, wie wichtig und verantwortungsvoll der Beruf des Geschichtenerzählers ist.

Haben Sie als Kind auch viel gelesen?

Oh ja! Das ging gar nichts anders. Ich bin in einer engen deutschen Kleinstadt aufgewachsen, und Bücher waren Fenster und Türen, die versprachen, dass die Welt so viel weiter und aufregender ist.

Bücher waren Fenster und Türen, die versprachen, dass die Welt so viel weiter und aufregender ist.

Warum konsumieren Kinder auch in unserer digitalisierten Welt noch gedruckte Bücher?

Den Hype mit den E-Books schiebt man gern auf die Jugend. Dabei sind es die 35- bis 55-Jährigen, die elektronische Bücher lesen. Der Wunsch nach Tasten und Fühlen ist zum Glück bei Kindern noch nicht unterdrückt.

Was ist die Herausforderung, wenn man für Kinder schreibt?

Ich wüsste nicht, was daran herausfordernd sein sollte. Kinder sind die unverstelltesten und ehrlichsten aller Leser. Ich finde es wesentlich schwieriger, mich mit den Eitelkeiten der Erwachsenen auseinanderzusetzen und durch diese seltsame Rüstung zu ihnen durchzudringen, die sie sich zulegen. Das ist wirklich anstrengend.

Was inspiriert Sie zu Ihren Geschichten?

Wenn ich mich hier in meinem Zimmer umschaue, habe ich sofort 100 Ideen für Geschichten. Das Problem ist vielmehr, mich für eine davon zu entscheiden.

Sie haben eine App entwickelt, mit der man die Welt Ihrer Reckless-Romane interaktiv erkunden kann. Ein Zugeständnis an die digitalaffinen Konsumenten?

Gar nicht! Ich bin da total offen und kann das dogmatische Unterscheiden zwischen Buch und visuellem Erzählen nicht verstehen. Bilder und Worte sind genau gleich mächtig. Wenn noch Musik, Geräusche und bewegte Bilder hinzukommen, ist das aufregend und inspirierend. Wir müssen Kindern erlauben und beibringen, sich in vielen Medien auszudrücken – ob das digital ist, Musik oder selbst durch ein Videospiel. Diese Dinge sind ein Teil unserer Kultur und Ausdruck und Auseinandersetzung mit dieser Welt.

Daneben schreiben Sie immer noch Bücher. Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Morgens mache ich einen Spaziergang am Meer – ich lebe in Malibu nahe am ­Pazifik, und es ist wunderschön hier. Es folgt ein ­ausgiebiges Frühstück mit einem Buch, das nichts mit der Arbeit zu tun hat. Danach erledige ich Interviews, Mails und Tele­fonate mit Europa – wegen der Zeitverschiebung. Und dann schreibe ich drei bis vier Stunden. Ich arbeite immer etwa an vier Projekten gleichzeitig, zurzeit unter anderem an einem neuen Reckless-Band, an einer Fortsetzung der Tintenbücher mit dem Titel «Die Farbe der Rache» und am dritten «Drachen­reiter». Ab 18 Uhr sind meine Hände mit Ölfarbe verschmiert – dann male ich, als Ausgleich für das kopflastige Schreiben.

Ich arbeite immer etwa an vier Projekten gleichzeitig

Haben Sie in Malibu wieder ein Gartenhaus, in dem Sie schreiben – so wie bisher in Los Angeles?

Nein, das Gartenhaus brauchte ich, weil das Haus für das Familienleben reserviert war. Nun sind meine Kinder 26 und 21 und leben selbständig. Wie mein Sohn treffend gesagt hat: «Mama, jetzt ist dein ganzes Haus dein Schreibhaus.»

Sie könnten sich längst nur noch den Spaziergängen und dem Malen widmen.

Ach, das hört sich alles nach viel Arbeit an, aber Schreiben ist für mich wie Schokolade essen. Und etwas, das ich nicht länger als drei oder vier Stunden am Stück konzentriert tun kann. Egal, was ich tue, ich werde immer auch schreiben. Und tatsächlich verbringe ich immer mehr Zeit mit Spazieren und damit, den Blumen in meinem Garten beim Wachsen zuzusehen. Nächstes Jahr möchte ich meine Arbeitswut noch mehr zügeln.

Ausserdem wollen Sie demnächst den Pilotenschein machen?

(Lacht) Nein, das lass ich jetzt doch bleiben. Wenn man den Pilotenschein hat, muss man auch regelmässig fliegen, um in Übung zu bleiben. Und die Zeit hab ich jetzt einfach nicht. Also hab ich mir gesagt: Cornelia, mach das mal schön in deinem nächsten ­Leben – falls du dann nicht als Vogel wieder zur Welt kommst. Was ich natürlich vorziehen würde. 

Autor: Yvette Hettinger