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07. November 2016

Constantine, Constantine!

unterwegs in Genfs öffentlichen Verkehrsmitteln
Andere musikalische Untehaltung im Tram: Der Kolumnist unterwegs in Genfs öffentlichen Verkehrsmitteln ...

Genf! Die beste Möglichkeit, im Inland einen Auslandsaufenthalt zu verbringen. Die Stadt ist in vielem unschweizerisch. Sie ist reicher, aber auch rauer als andere, vielfältiger, vermutlich weltoffener. Und: Strassenmusik in öffentlichen Transportmitteln ist ausdrücklich erlaubt.

Da ist der Blueser im 2er, der fast nur aus Bart besteht und seiner metallenen Gitarre, Marke «National», wundersame Klänge ­entlockt. Der Drahtige im 18-er, der sein «La Bamba» viel zu rasant runterrattert – ­damit er es zwischen zwei Haltestellen zwängen kann. Und dann diese Rumänen, die ihr «Constantine, Constantine» mit Inbrunst in jeden Waggon schmettern. Mal sind sie zu zweit unterwegs, mal zu viert. Aber immer ist der Dickliche mit dem arg mitgenommenen Kontrabass dabei, dessen eine Saite er durch eine gelbe Wäscheleine ersetzt hat. Und der Handorgler, der sein ramponiertes Akkordeon bei Regen und Eis ungeschützt an einem Riemen auf dem Buckel trägt. Und wie die fetzen! Immer wieder «Constantine, Constantine», in ihrer Heimat offenbar ein Hit. Dazu tänzeln sie durchs Gewühl und fordern einen zum Mitklatschen auf. Beim ersten Mal bin ich hin und weg und spende einen Fünfliber, beim zweiten Mal noch zwei Franken.

Bänz Friedli wechselt ab.
Bänz Friedli (51) hörte im .

Ob wir nach Carouge oder Richtung Chêne-­Bougeries fahren – stets tauchen die Rumänen im Gefährt auf, als hätten sie sich vervielfacht. Mir fällt das Roma-­Ensemble Taraf de Haïdouks ein, das vor über zwanzig Jahren von zwei Belgiern zu Weltruhm gepuscht wurde – und dann ­irgendwann der Vergessenheit anheimfiel.

«Weltmusik», lautete das alberne Schlagwort. Volksmusiken aus allen Himmelsrichtungen, die nicht unserem westlichen Mainstream entsprachen, nannten wir gönnerhaft «World music». In rascher Folge wurden so Sounds aus Kalabrien, Rumänien, Kuba, Mali und den Kapverden vermarktet, bis sich die zahlkräftige Klientel in Zürich, New York und London jeweils daran sattgehört hatte. Womöglich hat einer von ihnen das erlebt?, geht mir im Tram der Linie 12 durch den Kopf. Vielleicht wurde ihm einst in internationalen Konzerthäusern zugejubelt? Und jetzt friert er hier mit seinem halb kaputten Instrument, von den Geschäftsleuten und der einheimischen Jugend kaum beachtet. Zum Trost lege ich wieder einen Fünfliber in den Hut.

Als sie mir am vierten Tag noch immer mit «Constantine, Constantine» kommen, merke ich: In der eigenen Stadt würden sie mir furchtbar auf die Nerven gehen. Zu ­gehetzt wäre ich daheim, um zuzuhören. Aber hier bin ich ja in den Ferien: in Genf, dem unschweizerischsten Ort der Schweiz.

Bänz Friedli live: 9.–15. 11., Theater Hechtplatz, Zürich

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)
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Website: www.baenzfriedli.ch

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli