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04. Februar 2013

Computerspiele: schädlich oder wertvoll?

Ihr Ruf ist zwiespältig: Computerspiele werden von ihren Kritikern mit sinkenden Schulleistungen, erhöhter Gewaltbereitschaft und asozialem Verhalten in Verbindung gebracht. Gemässigtere Stimmen sehen im Gamen durchaus auch eine kreative Beschäftigung. Drei Jugendliche berichten, welchen Stellenwert das Gamen für sie hat.

Dario (12) setzt neben Games noch mehr auf Hockey oder Fussball
Obwohl Dario sehr gerne gamet, haben andere Aktivitäten wie Eishockey spielen oder Fussball Vorrang. Zu Darios Lieblingsspielen zählen Pacman 3D und Tower Bloxx.

Abhängigkeit erkennen: Welche Games, Spielzeiten oder Verhaltensweisen des Kindes am ehesten auf Spielsucht schliessen lassen.

Computergames polarisieren: Nicht nur in den Spielen selbst wird gekämpft, auch Gegner und Befürworter bekämpfen sich. Gamen mache aggressiv, einsam und dumm, behauptet der deutsche Gehirnforscher Manfred Spitzer in seinem neuesten Buch mit dem Titel «Digitale Demenz — Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen». Der renommierte Schweizer Medienpädagoge Daniel Süss relativiert die pessimistischen Aussagen von Spitzer und sieht auch positive Aspekte der Videospiele (siehe Box in der rechten Spalte). Doch wie erleben Jugendliche ihren Umgang mit Videogames, wie gehen sie mit den Gefahren um?

Dario (12) aus dem idyllischen Zürcher Oberland gamt unregelmässig auf seinem iPod. «Spannend finde ich das Spiel Pacman», sagt er. Pacman muss Punkte in einem Labyrinth fressen, während er von Gespenstern verfolgt wird. Sind alle Punkte gefressen, gelangt man in den höheren Level. Mit dem Spiel Tower Bloxx baut Dario eine eigene Stadt oder einen möglichst hohen Wolkenkratzer. Ice Age, Ping-Pong, Autofahren, Eishockey und Sudoku gehören ebenfalls zu Darios Favoriten.

Obwohl Dario gerne gamt, steht Spielen bei ihm nicht an erster Stelle: «Die Lakers in Rapperswil, bei denen ich dreimal pro Woche Eishockey trainiere und öfters am ­Wochenende spiele, haben Vorrang.» Fussball, Streethockey, Schneeballschlachten, Schwimmen, das Trampolin im Quartier und der iPod zum Musikhören stehen auch hoch im Kurs. Und Lesen? «Na ja, wenns sein muss, in der Schule und manchmal in den Ferien.» Seine Hausaufgaben erledigt Dario vor allem in der Schule, das Lernen fällt ihm leicht.

Dario und seine Mutter haben vereinbart, dass nur eine Stunde aneinander gegamt wird, sonst wird der iPod oder ein anderes Spielgerät ein paar Tage weggenommen. Aber das kam bis jetzt sehr selten vor. Sobald Dario ein Spiel runterlädt, wird eine Kopie auf Mutters iPad geladen — als Kontrolle.

Game-Fan Gabe liest auch gerne Shakespeare

Gabe; 16 Jahre: Von idyllischen bis zu gewalthaltigen Games liegt alles drin, etwa Flower und Pain. Gabe spielt aber auch mehrere Musikinstrumente.
Gabe; 16 Jahre: Von idyllischen bis zu gewalthaltigen Games liegt alles drin, etwa Flower und Pain. Gabe spielt aber auch mehrere Musikinstrumente.

Gabe (16) aus Zürich ist ein absoluter Game-Liebhaber. Er benutzt zum Spielen alle möglichen Geräte: die Konsolen von Sony und Nintendo, das Smartphone, Laptop und PC. Er spielt «rund eine Stunde pro Tag und unter der Woche meist nicht nach 21 Uhr». Hobbys wie Ukulele und Akkordeon spielen, Geschichten schreiben, Filme herstellen oder Shakespeare lesen nehmen ihn in Anspruch.

«Klar kann das Gamen auch mal länger dauern, auch bis spät abends», schmunzelt er. «In den Ferien habe ich mal mit Kollegen zwölf Stunden lang gegamt, nachher ging alles langsamer als sonst, und eine Woche lang waren wir zu nicht viel fähig. Es kann schon zum Gehirntod führen, wenn man nicht aufhört.» Gabe demonstriert eines seiner Lieblingsspiele: Flower. Das fliegende Blütenblatt steuert man mit einfachen Handbewegungen über märchenhafte Hügellandschaften, durch verregnete Felsschluchten und vorbei an Windrädern in der Abendröte. Ziel ist es, verschlossene Blumen zu öffnen, indem man sie im Fluge streift. «Es ist genial, kunstvoll, mit wunderschönem Klang. Ich bin der Wind, der alles zu neuem Leben wiedererweckt, zu prachtvoller Schönheit.»

Dann greift Gabe zu brutalen Spielen. «Ich weiss nicht, ob Sie das sehen wollen», warnt er. Pain — da schleudert man Menschen gegen ein Wand, um sie zu töten. Auch bei Skyrim gehts ums Töten: Der Spieler übernimmt die Rolle des Helden Drachenblut und muss im Lauf des Spiels den Ort Himmelsrand von den Drachen befreien.

«Es gibt auch Rollenspiele», so Gabe. «Durch gute Taten im Spiel gewinnt man ein hohes Ansehen, was sich meist positiv auf die Gesprächsmöglichkeiten im Spiel auswirkt. Durch negatives Handeln reagieren die anderen aggressiv, ängstlich oder verstört.» Er konstatiert, beim Gamen einiges gelernt zu haben: geschichtliche Facts und gewisse Taktiken, wie etwa beim Rugby den Überblick zu gewinnen und aus dem Augenwinkel zu beobachten. Oder über den Sinn des Lebens nachzudenken — bei Dantes Inferno. Bei Box-, Tanz- und Tennisspielen trainiere er richtig. «Was aber nicht in meinem Sinn ist: Horror- und Psychospiele. Eine Mutter, die ihre Tochter finden will, muss sich den Mächten der Hölle stellen, kann sich nicht wehren — das wäre nichts für mich.»

Alice organisiert gerne Hochzeiten am Nintendo

Alice (11) aus Zug hat vor einem Jahr ein grosses Nintendo gekauft. Ihr Lieblingsspiel ist Super Mario Bros, bei dem sie alle acht Welten bewältigt hat. Prinzessin Peach wird entführt, und Alice soll sie stellvertretend für Mario retten. Dabei bewegt sie sich durch 80 Levels in acht Welten, vornehmlich mit den Tasten.

Alice, 11 Jahre: Spielt täglich «ein bisschen» mit dem Nintendo, Schulaufgaben haben aber Priorität. Zu ihren Lieblingsspielen gehören Super Mario Bros New 2 und Zoo Tycoon 2.

Auch das Spiel «Léa Passion Mariages de Rêves» findet sie ausgezeichnet. Da organisiert sie Hochzeiten: Blumenmädchen, Kleider, Pfarrer, Kirche, Hochzeitstorte. Ganz ähnlich wie bei «Real Stories — Fashionshop», wo sich die Spielerin in den Chef einer Modeboutique in New York verwandelt. Er soll die jungen Damen auf der Suche nach einem geeigneten Look für ihren Ausgang beraten: 1600 Kleider und Accessoires stehen zur Auswahl, dazu Frisuren, Make-up und Maniküre. «Bei Cooking Mama lernt man kochen — Pudding, Konfitüre oder Brot», erklärt sie, «und bei Zoo Tycoon 2 kann ich einen eigenen Zoo bauen.»

Alice’s vier ältere Geschwister spielen am Compi — auch Schiessspiele. «Nein, die interessieren mich wirklich nicht», stellt sie fest, «aber ich lese gerne Krimis, Horrorgeschichten und Harry Potter.» Sie gamt jeden Tag ein bisschen, Schulaufgaben haben aber Priorität. «Diese führe ich sofort nach der Schule aus.» Am Mittwochnachmittag trifft sie sich oft mit Freundinnen.

Jungen sind gefährdeter als Mädchen

Lange nicht alle Kinder haben das Gamen so im Griff wie Dario, Gabe und Alice. Manche Kinder haben keine Eltern, die ihnen Grenzen setzen. Gemäss dem Schweizer Medienpädagogen Daniel Süss fand eine deutsche Studie bei etwa fünf bis acht Prozent der Jungen und bei 0,5 bis 0,8 Prozent der Mädchen Anzeichen von Computerspielabhängigkeit. Es sind also zehn Mal häufiger Jungen als Mädchen, die gefährdet sind. Betroffen sind eher Kinder aus bildungsfernen Familien und Kinder, die in der Schule wenig Erfolgserlebnisse haben.

«Vor ein paar Monaten, als alles neu war, ja, da war ich Game-süchtig. Aber ich habe es selber gemerkt, spiele jetzt weniger und lese dafür mehr», sagt Alice. Es sei auch nicht mehr so spannend wie am Anfang. Die Mutter komme manchmal abends ins Zimmer, wenn sie zu lange spiele, und nehme ihr das Nintendo weg. «Am längsten spielte ich mal an einem Wochenende, da war ich bis ein Uhr morgens am Gamen», sagt Alice. Sie freut sich auf neue Spiele; was sie aber auf keinen Fall möchte: Schiess- oder Babyspiele.

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Autor: Pia Bühler

Fotograf: Christine Bärlocher