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20. Juli 2016

Dimitri: Meister des stillen Humors

Clown Dimitri ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir nochmals unser Interview mit ihm aus dem Jahr 2009.

Dimitri, vor 50 Jahren feierten Sie mit Ihrem Soloprogramm «Porteur» Premiere. Und noch immer füllen Sie damit Säle.

Das heisst, es kommen bereits die Grossenkel der Leute, die damals dabei waren – wirklich phänomenal! Das ist vielleicht das Privileg des Clowns: Während Kabarett ja meist politisch eingebettet oder an einen historisch aktuellen Moment gebunden ist, ist unsere Art von Humor zeitlos.

50 Jahre lang das gleiche Stück. Wird das nicht irgendwann einmal langweilig?

Das Stück bleibt sich vielleicht gleich, aber eben nicht das Publikum. Wobei, das stimmt jetzt so auch nicht ganz: Ich kenne Leute, die sich meine drei Solostücke mindestens ein Dutzend Mal angesehen haben – alle paar Jahre wieder. Ich entschuldige mich übrigens gern damit, dass der grosse Grock ein Leben lang immer die gleiche Nummer gebracht hat – 60 Jahre lang.

Das Publikum will trotzdem jedes Mal neu erobert werden. Wie sieht Ihr Rezept aus?

Es bitzeli Erfahrung, es bitzeli Intuition, es bitzeli Improvisation, es Quäntäli Philosophie. Und natürlich gute Laune.

Man kann aber nicht immer gute Laune haben.

Doch, doch! Als Clown muss man das. Schlechte Laune ist unser grösster Feind. Der weltberühmte Seiltänzer Philippe Petit hat hier in Verscio vor Jahren auf einem Hochseil und 200 Meter über Boden die Melezza überquert. Es war kalt, und es gab technische Probleme. Er aber hat gesagt: «J’aime les obstacles» – ich liebe Hindernisse. Nicht, dass er die Schwierigkeiten gesucht hätte. Doch wenn sie da waren, hat er den Kampf aufgenommen. Auch ich versuche jeden Tag, selbst im Hindernis, das Positive zu sehen.

Wie wichtig ist dabei Applaus?

Nun, ich kann mir meine kleinen Erfolgserlebnisse natürlich auch verschaffen, indem ich in einem Restaurant den Kellner mit einem Trick zum Lachen bringe oder den Buschauffeur oder den Bäcker. Ich gebe aber zu: Ich bin gern im Mittelpunkt, und das geht auf der Bühne nun einmal am besten.

Wie geht Ihre Frau mit Ihrer Popularität um?

Gunda ist da sehr nüchtern. Sie schätzt meine Arbeit, sie hilft mir. Aber wehe, wenn ich irgendwas mache, was nur eine Spur nach Einbildung schmöckt, da wird sie ganz streng. Da ähnelt sie meiner Mutter. Diese hat mich nach meinen ersten Erfolgen auch immer gewarnt: «Dimitri, dass dir das nur nicht in den Kopf steigt! Es ist ein Privileg, bei den Menschen so beliebt zu sein.» Mamma mia, was leistet ein Pfarrer, eine Krankenschwester! Und ich, ich bekomme ja nur ...

Auf der Bühne geben Sie aber auch sehr viel von sich ...

... ich habe noch nie abgewogen, ob ich mehr bekomme, als ich gebe, oder ob ich mehr gebe, als ich bekomme. Da überfragen Sie mich.

Sie haben bereits mit sieben entschieden, Clown zu werden. Haben Sie das nie bereut?

Nie! Clown ist ein schöner Beruf, ein schwieriger, zugegeben, aber ein schöner Beruf und ein seltener dazu.

Selten? Immerhin sind vier Ihrer fünf Kinder in Ihre Fussstapfen getreten ...

... und bereits einer von neun Enkeln. Wobei Gunda und ich unsere Kinder nie zu etwas gedrängt haben. Daher ist es besonders schön, wenn sie aus eigenem Entschluss so einen Beruf wählen.

Sie sagen Beruf. Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen dem Clown und dem Menschen Dimitri?

(Denkt lange nach) Nun ja, höchstens einen minimen. Das ist ja auch das Schöne daran. Ich habe immer Menschen – Musiker, Virtuosen, Maler – bewundert, die von ihrem Beruf besessen waren, ihre ganzen Kräfte der Kunst widmeten. Und da wird der Beruf dann halt schon zur Berufung.

Clowns gelten als reine Toren. Sie aber haben in Verscio ein eigentliches Imperium aufgebaut. Wie geht das zusammen?

Indem der reine Tor Leute einspannt wie ich nicht zuletzt meine Frau, die Talent zum Organisieren, zum Konkretisieren haben und die den Toren auch immer wieder erden, wenn er in seinem kreativen Überschwang in den Wolken schwebt. Früher hat es mich immer geärgert, wenn ich mich um Administratives kümmern musste. Ich hätte viel lieber geübt oder etwas Neues einstudiert. Heute finde ich es ganz gesund, mit profanen Problemen konfrontiert zu werden. (Dimitri schnappt sich vom Tisch eine fast leere Zuckerdose) Zum Beispiel müsste in dieses Chübeli dringend Zucker nachgefüllt werden. Jetzt könnte ich sagen, das mache ich morgen oder auch nächste Woche. Oder aber ich gehe jetzt in die Küche, und dann ist es gemacht.

Ist das Altersweisheit?

Nein, Erfahrung und irgendwie auch eine Charakterfrage. Ich schiebe ungern etwas auf die lange Bank. In unserem Beruf muss man ja oft bereits ein Jahr im Voraus Verträge machen. Das ist furchtbar für mich, wenn ich jetzt im Juni 2009 schon etwas abmachen muss für Juni 2010. Was weiss ich, ob ich dann überhaupt noch lebe!

Sie sind ein Mann der leisen Töne. Packt Sie auch mal so richtig die Wut?

Absolut. Wenn mich Menschen enttäuschen, verraten, am Seil abelönd oder wenn Sie in diesem Interview schreiben, dass ich zehn Kinder habe, ein Diktator sei, ein unsympathischer Typ. Da würde ich Ihre Redaktion anrufen und sagen, das geht doch nicht. Aber richtig wütend oder vielmehr traurig macht mich das Weltgeschehen, Grausamkeit, Ungerechtigkeit, Hunger, Krieg. Nur kann ich da leider niemanden anrufen.

Immerhin tragen Sie Ihren Teil zum Politgeschehen bei, indem Sie seit 2008 in Ihrem Heimatort Borgnone im Centovalli die Gemeindeversammlung präsidieren.

(lacht) Ich hatte gerade Zeit und habe mir gesagt, geh doch mal zu solch einer Versammlung. Und obwohl ich in den 45 Jahren in Borgnone nicht einmal an solch einer Veranstaltung war, wurde ich gewählt – einstimmig.

Darf sich ein Clown überhaupt politisch engagieren?

Vor 30, 40 Jahren hat Dario Fo, der grosse italienische Komiker und inzwischen auch Nobelpreisträger, immer nach der Vorstellung auf der Bühne die Faust zum Kommunistengruss erhoben. Fo ist ein genialer Künstler, aber von dem Moment an habe ich immer gedacht: Oh, wie schade, wie schade ... Ein Clown darf engagiert sein. Aber das Soziale, das Menschliche auf der einen Seite, das Politische auf der anderen – das sind schon zwei verschiedene Welten. Vielleicht ist es ganz gut, dass meine Rolle als Präsident nur ein kurzes Zwischenspiel war. Borgnone wird demnächst mit Intragna und Palagnedra zur Gemeinde Centovalli fusioniert. Dann stehen Neuwahlen an.

Ein Theater, eine Schule, ein Museum und jetzt auch noch ein Projekt für Kinder. Sind Sie ein ewig Suchender?

Das Problem ist, ich habe viel zu viele Ideen, bin viel zu neugierig. Clowns sind ja wie Kinder, kindlich unbeholfen, naiv, vor allem aber neugierig. Kinder haben den Willen, die Welt zu entdecken. Das heisst den Willen zu suchen. Um suchen zu können, muss man sich aber auch begeistern können. Hat jemand eine Idee? Toll, probieren wir sie aus! Die wirklich wichtigen Dinge sind ja alle durch Menschen realisiert worden, die diese Art von Enthusiasmus und innerem Antrieb hatten.

Und oft auch ein wenig Glück.

Das auch, aber dazu habe ich meine eigene Theorie. Man kann am Glück vorbeilaufen, weil man die Augen verschliesst. Man kann die Augen aber auch weit öffnen und denken, da wird schon etwas kommen, da wird mir schon jemand helfen. Das ist ein bisschen wie im Märli, wenn plötzlich eine gute Fee auftaucht und einem einen Wunsch erfüllt. In dieser Beziehung glaube ich schon an Märli.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Claudio Bader