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08. Juni 2015

Zeugin eines Jahrhunderts

Als Arbeiterkind wurde Claire Parkes-Bärfuss schlechter behandelt als ein Hund. Später, in London, lernte sie Prinzessin Margaret kennen. Die lange und bewegte Geschichte der 101-Jährigen ist jetzt als Buch erschienen.

Claire Parkes-Bärfuss
Erinnert sich an jedes Detail ihrer Lebensgeschichte: Claire Parkes-Bärfuss, die erst mit 99 Jahren aus London in die Schweiz zurückgekehrt ist.

Die Einzimmerwohnung in Eggiwil im Emmental ist mit Bett, Tischchen und zwei Stühlen aus hellem Holz sparsam eingerichtet. Der Blick wird sofort vom einzigen Bild an der Wand angezogen. Auf der Schwarz-Weiss-Fotografie ist eine Frau im dunklen Kleid mit einer Kinderschar zu sehen. Die grösseren Mädchen tragen weisse Kragen und Haarschleifen, der Bub, der wie eine Puppe auf dem Schoss der Mutter sitzt, ist blond gelockt. Ernst blicken die ­Kinder in die Kamera. Man sieht ein Familien­idyll aus längst vergangenen Zeiten – so scheint es.

Sophie Bärfuss, Claires Mutter, mit 8 ihrer 14 Kinder.
Sophie Bärfuss, Claires Mutter, mit 8 ihrer 14 Kinder. Claire, die damals noch Klara hiess, steht ganz rechts aussen. Das Bild entstand um 1920. Zehn ihrer Geschwister sind früh gestorben.

Was sich tatsächlich hinter dem Bild verbirgt, erfährt man, wenn Claire Parkes, geboren 1913 im damals noch bernischen, heute basel-landschaftlichen Zwingen mit klarer, dunkler Stimme zu erzählen beginnt.
Sie war zur Zeit der Aufnahme etwa sieben Jahre alt und hiess damals noch Klara Bärfuss. «Das Foto hat die Mutter extra im Fotostudio machen lassen, bevor wir ins Kinderheim kamen», sagt sie. «Da war der Vater schon tot, gestorben an der Spanischen Grippe.»

Der Hund ass Polenta, sie nur Suppe

Die Mutter litt an der damals noch unheilbaren Tuberkulose, genau wie sieben ihrer Kinder. Sie starb schliesslich an der Krankheit. Wann genau, das erfuhr Klara nicht. Zu dem Zeitpunkt war sie von den Behörden schon in einem katholischen Heim in Sursee LU untergebracht worden.
Bis die Heimleitung sie mit 15 Jahren zum Arbeiten schickte – als «Mädchen», also Hausangestellte, bei einer «Herrschaft», wo man ihr zum Essen wässrige Mehlsuppe gab und sie, halb verhungert, jeweils heimlich von der Polenta ass, die sie für den Hund kochen musste. «Aber aus dem Hundenapf habe ich nie etwas genommen, ich tat die Polenta immer aus der Pfanne auf einen Extrateller.»

Ausgenutzt: Claire mit 15 Jahren an ihrer ersten Arbeitsstelle als Haushaltshilfe
Ausgenutzt: Claire mit 15 Jahren an ihrer ersten Arbeitsstelle als Haushaltshilfe.

Die 101-Jährige hat ein Leben gelebt, wie es heute fast unvorstellbar scheint. Und das doch erst ein Jahrhundert weit weg ist. Ein Leben, in dem es nicht zuletzt darum ging, seine Würde zu verteidigen, sich irgendwie durchzuschlagen. Sich anzupassen, ohne zu zerbrechen.
Unterstützung gab es selten. «Meine Schwester Paula konnte dank der Hilfe ihrer Firmgotte eine Lehre als Damenschneiderin machen», erzählt Parkes, «das war eine grosse Ausnahme und ein Glück.» Zwei weitere Geschwister wurden adoptiert, 10 der 14 Kinder starben früh.

Aus Klara wurde Claire

Sie selber, ein intelligentes Kind, träumte davon, Sprachen zu lernen. Eine Unmöglichkeit, nein, ein Unding für eine wie sie, eine aus einer kinderreichen Arbeiterfamilie. Sie erfüllte sich den Traum – später. Zuerst zog sie als Hausangestellte und Köchin kreuz und quer durch die Schweiz, lebte auch in der Romandie, wo sie zu Claire wurde, weil es am Bahnhofbuffet in Genf schon zwei Klaras gab.

Das blieb auch so. Sonst hatte es Claire nicht mit dem Bleiben. 1949, mit 36 Jahren, hatte sie bereits 20 Jahre an unzähligen Stellen gedient.
Dann las sie folgendes Inserat: «Londoner Ehepaar sucht Schweizer Haushalthilfe.» Sie war damals nicht die einzige Schweizerin, die nach Grossbritannien ging, um zu arbeiten und die Sprache zu lernen; die fleissigen Schweizerinnen waren beliebt. Auch hier wechselte Claire oft die Stelle, diente sogar bei einem alleinstehenden englischen Adligen, wo sie Prinzessin Margaret, die Schwester der Queen, kennenlernte: «Sie kam gern zu mir in die Küche zum ­Plaudern.» Sir Michael, Graf Duke di ­Ventura, Lady Montagu und Lady Renshaw – Claire Parkes erinnert sich auch mit 101 Jahren noch an alle Namen.
Ihre Erinnerungsgabe ist aussergewöhnlich, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass sie gern «im Kopf die eigenen Filme anschaut».
Fast ganz blind, wie sie seit einigen Jahren ist, bleibt das oft ihr einziger Zeitvertreib, denn die zierliche alte Dame lebt allein.

Neuseeland, London, Eggiwil

Claire Parkes’ Mann Stanley ist schon vor vielen Jahren gestorben. Sie lernte den ehemaligen Berufssoldaten in London kennen. Die beiden heirateten, als Claire 42-jährig war: «Vormittags habe ich gearbeitet, und nachmittags gingen wir aufs Zivilstandsamt. Ich hatte die Kleider schon parat auf dem Bett, damit das Umziehen schneller ging.» Stanley, vom Koreakrieg traumatisiert, konnte genauso wenig sesshaft werden wie seine Frau, und als ihm ein Arzt sagte, subtropisches Klima würde seine Malaria­schübe positiv beeinflussen, wanderte das Ehepaar Parkes-Bärfuss aus – nach Neuseeland. Dort arbeiteten sie mehrere Jahre in einer Gemüsefabrik und konnten sich sogar ein Häuschen kaufen. Claire Parkes fühlte sich wohl. Sie wäre gern in Neuseeland geblieben. Aber Stanley überredete sie 1964, nach London zurückzukehren.

Dass Claire Parkes heute im ländlichen Eggiwil wohnt, war ihr Wunsch. «Das ist mein Heimatort», sagt sie. Vor zwei Jahren zog sie, nach mehr als 60 Jahren im Ausland, 99-jährig ins Alterszentrum. Dort lebte sie zu Beginn zurückgezogen, heute kennt sie einige Eggiwiler, und die Eggiwiler kennen sie – schliesslich ist sie die ­älteste Einwohnerin der Gemeinde.

Claire Parkes spricht Schweizerdeutsch, aber manchmal fallen ihr die englischen Wörter leichter. «Come in», ruft sie, wenn sich in Eggiwil Besuch ankündigt. Sie tastet sich am hölzernen Stock langsam vorwärts, darauf bedacht, nirgends anzustossen. Aber «es Kafi» offeriert sie jedem Besucher. Erhitzt Wasser im Kessel, schöpft, mit den Fingerspitzen tastend, einen Messlöffel Nescafé in die Tassen mit dem goldenen Rand, offeriert Milch und Zucker und etwas Süsses. Sich selber allerdings kocht Claire Parkes erst dann einen Kaffee, wenn der Besuch wieder weg ist. 

Autor: Karin Aeschlimann

Fotograf: Mara Truog