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19. September 2016

Chronist einer verlorenen Generation

In «Europe, she loves» porträtiert der Schweizer Regisseur Jan Gassmann vier junge Paare an den Rändern Europas, die versuchen, irgendwie mit den aktuellen Unsicherheiten des Lebens klarzukommen. Die Dreharbeiten für die Dokumentation waren ein kleines Abenteuer.

Jan Gassmann
Jan Gassmann mit der «Black Mamba», dem VW-Bus, mit dem er und sein Team für den Film durch Europa fuhren. Drei Monate zu viert: Da lernt man sich sehr gut kennen ...

Die Idee entstand im Januar 2013 unter der Dusche: Ein kleiner, schnell realisierbarer Film über die Liebe in unsicheren Zeiten sollte es werden, eine Dokumentation von den Rändern Europas. «Ich steckte damals inmitten mehrerer langwieriger Filmprojekte und hatte Lust auf etwas Aktuelles, Schnelles», erzählt Jan Gassmann (33), während er in seiner Küche im Zürcher Kreis 5 sitzt und sich eine Zigarette dreht.

Ganz so schnell ging es dann doch nicht. Sein Dokumentarfilm «Europe, she loves» feierte im Februar Premiere an der Berlinale und kommt Ende September in die Schweizer Kinos. Er zeigt vier junge Paare in Dublin (Irland), Tallinn (Estland), Thessaloniki (Griechenland) und Sevilla (Spanien), die versuchen, ihre Beziehungen durch die Unwägbarkeiten des Lebens im aktuellen Europa zu steuern. Gut ausgebildet, aber nicht in der Lage, einen besseren Job zu finden als Wachmann oder Pizzakurier. Bombardiert von Krisennachrichten und umgeben von einem sich verdüsternden politischen und gesellschaftlichen Klima. «Diese Generation wuchs mit dem Versprechen auf, alles werden zu können, was sie will, und muss nun feststellen, dass sich ihre Hoffnungen oft nicht realisieren lassen», sagt Gassmann.

Die vier Paare haben den jungen Schweizer Regisseur aussergewöhnlich nah rangelassen. Er war dabei, wenn sie sich zankten, wenn sie schliefen, wenn sie Sex hatten. Es gibt Momente und Dialoge, in denen man sich fast nicht vorstellen kann, dass da keine Schauspieler mit Drehbuch agieren. Aber die Paare sind echt und spontan, einfach sehr sorgfältig ausgesucht. «Das Casting war entscheidend, ich habe allen Leuten von Anfang an gesagt, worum es mir geht, dass wir ein paar Tage mit ihnen mitleben möchten und es auch möglich sein muss, sehr intime Momente zu zeigen.»

Drei Monate lang zu viert im VW-Bus

Gefunden hat er sie über Beziehungen. «Die Städte standen von Anfang an fest. Und ich kannte dort Leute, die Leute kannten und weitere Leute empfahlen. Es gab intensive Gespräche, und schliesslich hatten wir an allen vier Orten Paare in ganz unterschiedlichen Situationen.» Im September 2013 ging es los. Das Team, bestehend aus ihm selbst, Fabian Gutscher (Ton), Ramon Giger (Kamera) und Anne Weick (Art Direction), setzte sich in einen schwarzen VW-Bus (dem sie den Spitznamen «Black Mamba» gaben, nach dem Tarantino-Kultfilm «Kill Bill») und fuhr nach Sevilla. Später ging es dann weiter nach Dublin, Tallinn und am Ende nach Thessaloniki, von wo sie im Dezember in die Schweiz zurückkehrten.

«Das war eine intensive Zeit, wir haben uns dabei sehr gut kennengelernt», sagt Gassmann und lacht. Hinzu kam: Sie wollten auf der Fahrt mit der Kamera Szenen aus Europa einfangen, Landschaften, Industrieanlagen, dramatische Wetterstimmungen. «Wir konnten also nicht einfach Autobahn fahren und den schnellsten Weg nehmen. Ausserdem hatte Anne kurz vor der Abfahrt ihre Fahrprüfung nicht bestanden, sodass wir uns nur zu dritt am Steuer abwechseln konnten. Sie wurde dafür eine meisterhafte Navigatorin.» Dennoch kam es vor, dass sie sich ganz fürchterlich verfuhren, in Bosnien etwa irrten sie eine Nacht lang durch einen Wald. Und im Zug durch den Eurotunnel nutzten sie die Technik im VW-Bus so intensiv, dass dessen Batterie bei der Ankunft in Frankreich leer war, sodass die «Black Mamba» von Hand aus dem Tunnel gestossen werden musste. Rund 20 000 Kilometer fuhren sie, schliefen dabei in Schichten, spielten viel Schach und wurden immer wieder mal von Polizisten gestoppt, die das Fahrzeug mit der grossen Kamera verdächtig fanden.

Pro Paar waren jeweils neun Drehtage eingeplant, meist mit ein oder zwei Helfern vor Ort, die auch übersetzten. «Wirklich verstanden habe ich ja nur das Paar in Dublin. Zwar kann ich etwas Spanisch, aber der Dialekt in Sevilla hat mich meist überfordert.» So kam es dann immer wieder vor, dass Gassmann beim Drehen das Gefühl hatte, dass in den Gesprächen gerade enorm wichtige und tiefsinnige Dinge ausgetauscht wurden, nur um vom Übersetzer dann zu erfahren, dass es um Banalitäten gegangen war. «Wenn es eine allgemeine Erkenntnis über Beziehungen gibt, die sich beim Dreh ergeben hat, dann diese: Bei 50 Prozent sämtlicher Gespräche, die Paare miteinander führen, geht es ums Essen. Ein Thema, über das man sich offensichtlich in enormer Vielfalt unterhalten kann.»

Dennoch gelang es Gassmann mit seinem Team, von jeder Beziehung eine andere kleine Geschichte zu erzählen – ihnen ­gemeinsam ist eine melancholische Verlorenheit, eine stete Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft. Verbunden sind die Paargeschichten mit Bild- und Tonschnipseln aus Nachrichten sowie europäischen Landschaftsszenen, die diese Verlorenheit nur noch unterstreichen und auf den ganzen Kontinent ausdehnen.

Gassmann findet, dass man sich als Filmemacher durchaus politisch einmischen sollte. «Europa steht vor grossen Heraus­forderungen, es ist ein alter Kontinent, der sich neu erfinden muss – und Gefahr läuft, seine Offenheit zu verlieren und sich abzuschotten. Der Film zeigt die Folgen politischer Entscheide für die einzelnen Menschen. Und ich hoffe, er regt an, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen.»

Gute Resonanz an Filmfestivals

Bei den Kritikern an den diversen Festivals kam «Europe, she loves» jedenfalls ziemlich gut an. Kürzlich kam er sogar in die Auswahl der besten Dokumentarfilme für den Europäischen Filmpreis. «Eine sehr grosse Anerkennung für den Film», sagt Gassmann. Wie viel Publikum er im Kino finden wird, steht auf einem anderen Blatt. «In der Schweiz wären 5000 Zuschauer bereits ein Achtungserfolg.» Auch in Deutschland und Österreich läuft er im Kino, in Frankreich bei Arte im Fernsehen. «Leider haben die meisten anderen europäischen Länder keine grosse Dokumentarfilmtradition im Kino.»

Mit 300 000 Franken Budget war der Film nicht besonders teuer, finanziert wurde er mithilfe diverser Förderbeiträge, Preisgelder und Kooperationen. Dass es so lange dauerte, ihn fertigzustellen, lag an der ungeheuren Menge Material, das zu schneiden zwei Jahre dauerte. Und daran, dass Gassmann mit «Heimatland» (2015) noch einen anderen Film dazwischen realisierte und ins Kino brachte. Derzeit arbeitet er an seinem nächsten Projekt, dem Drehbuch für einen Spielfilm: «Es wird wieder eine Liebesgeschichte, eine etwas selbstzerstörerische.»

Gassmann hat mit 16 Jahren bei TeleZüri begonnen, Filme zu drehen, brachte mit 23 seinen ersten, bereits hochgelobten Dok-Film «Chrigu» (2007) ins Kino und arbeitet seither ohne Unterlass und durchaus erfolgreich in seinem Traumjob. «Ich habe mal für zwei Monate bewusst etwas anderes versucht, habe das Filmen dabei aber sehr vermisst.» Seit fünf Jahren hat er mit der «2:1 Film» sogar seine eigene Produktionsfirma. Während er früher nebenbei noch im Kino als Platzanweiser gearbeitet hat, kann er inzwischen vom Filmemachen leben. «Ohne Kinder und mit bescheidenen Ansprüchen geht das durchaus», sagt er. «Es wird in der Schweiz zwar gern geklagt, wie schwierig es ist als Künstler, aber nur schon verglichen mit Deutschland leben wir hier eigentlich ziemlich komfortabel.»

Vorerst wird er der Schweiz denn auch treu bleiben. «Ich finde, der Schweizer Arthouse-Film könnte noch mehr erreichen in Europa. Man bringt hier immer gern das Argument, es sei eben schwierig, Europa anzusprechen, weil wir so klein sind, vergleichsweise wenige Schauspieler und eine merkwürdige Sprache haben.» Hoffnung hingegen mache Dänemark, das unter ähnlichen Voraussetzungen Filme produziere, die auf der ganzen Welt gesehen würden. «Es gibt also bei uns noch Potenzial.» 

«Europe, she loves» (Youtube-Trailer) startet am 29. 9. in den Kinos.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Christian Schnur