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01. Juni 2015

Christian Lohr: Leben mit Behinderung

Der thalidomidgeschädigte CVP-Nationalrat spricht sich gegen die Abstimmungsvorlage vom 14. Juni 2015 aus

Christian Lohr in seinem Wohnzimmer
Von Verbitterung keine Spur: Christian Lohr in seinem Wohnzimmer in Kreuzlingen TG.

Als Christian Lohrs Mutter mit ihm schwanger war, wurde ihr vom Hausarzt das Medikament Peracon Expectorans gegen Keuchhusten verschrieben. Es enthielt Thalidomid, denselben Wirkstoff wie das Beruhigungs- und Schlafmittel Conter­gan, das damals explizit für Schwangere empfohlen wurde. Doch es führte bei Föten zu Missbildungen. Weltweit waren rund 10'000 Babys betroffen, in der Schweiz kamen neun Kinder thalidomidgeschädigt zur Welt. Christian Lohr (heute 53) ist ohne Arme und mit fehlgebildeten Beinen geboren worden.

Verbittert ist Lohr dennoch nicht: «Ich habe gelernt, das Leben anzunehmen, den Alltag zu bestreiten und die Chancen zu erkennen», sagt der CVP-Nationalrat, der seit vier Jahren in Bern politisiert. Er sitzt am Tisch im Wohnzimmer seiner gemütlich eingerichteten Wohnung in Kreuzlingen TG. Juckt ihn die Nase, kratzt er sich mit dem rechten Fuss. Fühlt er sich von der Journalistin in eine Ecke gedrängt, kontert er erst mit Charme, dann mit Argumenten. Und immer wieder lacht er herzhaft.

Ein vielbeschäftigter Mann

15 Jahre lang war Lohr Präsident von PluSport Behindertensport Schweiz, er war Gemeinderat und Grossratspräsident im Kanton Thurgau, Medienchef der Schweizer Paralympics-Delegationen in Atlanta und in Nagano. Neben seinem Engagement als Nationalrat waltet er als Vorstandsmitglied von Pro Infirmis, doziert an Bildungsinstituten und moderiert zahlreiche Sportveranstaltungen. Nun engagiert er sich im überparteilichen Komitee «Nein zur PID».

Zwei Dinge klärt er gleich vorab: Er werde nicht von De­signerbabys sprechen – denn das sei plakativ. Und er habe vollstes Verständnis für den Wunsch nach einem gesunden Kind. Dennoch bereite ihm die Richtung, in die sich unsere Gesellschaft entwickle, Sorgen. Alles strebe nach Planbarkeit, die Leute hätten immer mehr Mühe, Unliebsames anzunehmen. «Aber es gibt kein Recht auf ein gesundes Kind.»

Für Christian Lohr beinhaltet die Präimplantationsdiagnostik ein Selektionsdenken. «Wollen wir als Gesellschaft entscheiden, was lebenswertes Leben ist und was nicht?» Er fürchtet, Menschen mit Behinderung könnten künftig als unerwünschte und vermeidbare Risiken und als Belastung betrachtet werden. Die Zulassung der PID würde Eltern unter Druck setzen, behindertes Leben zu verhindern.

Dass werdende Eltern bereits heute Schwangerschaften oft abbrechen, wenn Untersuchungen auf schwere Krankheiten hinweisen, lässt er als Argument nicht gelten. «Man muss weiterdenken», sagt er. Die Vorlage betreffe nicht bloss Paare, die Träger von schweren Erbkrankheiten sind, und solche, die auf natürlichem Weg keine Kinder bekommen können. «Diese Diskussion betrifft uns alle.» Es gehe um die Welt von morgen, unsere Werte. «Das ­Leben ist etwas Wertvolles – in jeder Form.»

Die Familie trägt ihn

Die Formulierung im Verfassungstext, dass die PID nicht erlaubt sei, um bei einem Kind bestimmte Eigenschaften herbeizuführen, beruhigt Lohr nicht. Er ist überzeugt, dass man eines Tages auch in der Schweiz weitergehen würde. «Die Reproduktionsmedizin ist auch eine finanzielle Forschungsindustrie.»

Christian Lohr war das Glück einer eigenen Familie nicht beschieden, wie er es formuliert. Er habe dennoch eine «grosse Familie», da er auch Freunde und Bekannte dazuzählt. «Sie alle tragen mich mit.» Sein vier Jahre älterer Bruder Markus nahm ihn schon als Kind zu Sportveranstaltungen mit, sein Neffe Andy begleitet ihn immer wieder an offizielle Anlässe, und ein Kreis von fünf aktiven Senioren unterstützt ihn seit drei Jahren bei Dienstreisen ins Bundeshaus. Mit Freunden fliegt er ins Ausland, um neue Kulturen kennenzulernen.

Was er im Kleinen täglich erlebt hat und erlebt, wünscht sich Lohr auch im Grossen. «Es ist Aufgabe der Gesellschaft, die Schwächeren zu integrieren.» 

Autor: Monica Müller

Fotograf: Daniel auf der Mauer