Archiv
06. Juli 2015

Chrigel Maurer an den Xalps

Kaum einer segelt mit so viel Grazie und vor allem so lange durch die Lüfte wie Gleitschirmchampion Christian Maurer. Fotograf Robert Bösch hat ihn und seinen Bruder Michael Maurer auf ihrem 200 Kilometer langen Flug vom Klein Matterhorn nach Klosters begleitet. Spektakuläre Bilder eines spektakulären Flugs.

Imposante Kulisse gleich nach dem Start: Die Maurer-Brüder im Flug entlang des ­Matterhorns VS.

Christian Maurer (33) läuft los. Der Gleitschirm entfaltet sich, kraftvoller Absprung – der «Adler von Adelboden» fliegt. Und wie! Elegant zieht er Runden durch die Luft, und der Name passt: Wenn «Chrigel» fliegt, scheint es, als tanze er mit Flügeln in den Himmel hinein. Erst recht an diesem strahlenden Tag im Juni. Über ihm der hellgrüne Schirm, im Hintergrund das schneebedeckte Matterhorn, ein paar Meter neben ihm sein Bruder Michael (25) – ein perfekter Flug für perfekte Fotos.

Quelle: YouTube / RedBull

Robert Bösch, der bekannte Schweizer Bergfotograf, sitzt dafür im Helikopter und fotografiert durch die offene Tür hinaus. «Was die Brüder bieten, braucht unglaublich viel Können», sagt Bösch später. Christian Maurer kennt er schon von früheren Einsätzen. Er schwärmt: «Chrigel fliegt fantastisch.»

Die Chancen für einen derart gelungenen Synchronstreckenflug betragen auch an einem solchen Tag nur zehn Prozent. «Es sieht gut aus, komm, wir versuchen es bis Chur», sagt Christian vor dem Absprung zu seinem jüngeren Bruder. Sie schaffen es noch weiter und landen nach acht Stunden und 200 Kilometern in Klosters GR. Maurer strahlt: «Pro Jahr gibt es nur um die zehn Tage, an denen Wetter, Thermik und Temperatur so genau passen», erzählt er, wieder auf dem Boden.

Christian Maurer (rechts) und Bruder Michael bei der Streckenplanung: «Komm, wir versuchen es mal bis Chur.»
Christian Maurer (rechts) und Bruder Michael bei der Streckenplanung: «Komm, wir versuchen es mal bis Chur.»

Mit neun Jahren zum ersten Mal mit Vaters Gleitschirm in der Luft

So macht Maurer das oft: Er liebt es, scheinbar Unmögliches zu erreichen. Und dann noch ein bisschen mehr. Jungenhaftes Grinsen. «Das Einfache wird mir rasch langweilig.» Deshalb unterrichtet er keine Gleitschirmanfänger. Schauen ihm aber begeisterte Jungflieger zu, gibt er ihnen bereitwillig Tipps, wie sie länger oben bleiben, eleganter drehen können.

Bei den Startvorbereitungen auf dem Klein Matterhorn: Christian Maurer legt seinen Schirm aus.
Bei den Startvorbereitungen auf dem Klein Matterhorn: Christian Maurer legt seinen Schirm aus.

Zu gut erinnert er sich daran, wie er selber als Schulbub sehnsüchtig den Weltelitefliegern zuschaute und mit der Bergluft ihre Tricks einsaugte. Seit seinem ersten Flug mit Vaters Gleitschirm – er war gerade mal neun Jahre alt – war für ihn klar: Bald würde er auch da oben schweben. Mit 16 Jahren hatte er das Flugbrevet in der Tasche, inzwischen fliegt er in der Weltklasse ganz vorn mit: Drei Mal holte er den Schweizer-Meister-Titel, bei unzähligen Akrobatik-Anlässen und Langstrecken-Wettkämpfen schaffte er es auf das Podest.

Kurz vor dem Abflug: Christian und Michael Maurer testen die Windverhältnisse.
Kurz vor dem Abflug: Christian und Michael Maurer testen die Windverhältnisse.

Und drei Mal siegte er beim Red Bull X-Alps, dem härtesten Gleitschirmrennen, rund 1000 Kilometer Luftlinie von Salzburg den Alpen entlang bis nach Monaco ans Meer. Läuft alles planmässig, ist er seit 5. Juli zu seinem vierten X-Alps unterwegs und versucht dort, an seine Erfolge anzuknüpfen: 2013 schritt «Chrigel» locker voran und segelte wohlgemut von Gipfeln, während andere mit Sehnenschmerzen kämpften, im Nebel feststeckten und erschöpft aufgaben. «The Swiss Eagle Chreegel» hingegen landete in Monaco locker auf dem Schwimmfloss und strahlte: «Ich fühle mich gesund, fit und sehr glücklich.»

Die Brüder fliegen an der Dufourspitze VS vorbei.
Die Brüder fliegen an der Dufourspitze VS vorbei.

Was macht den Schweizer so gut? Schulterzucken, verlegenes Lächeln. «Ein bisschen ehrgeizig bin ich wahrscheinlich schon», sagt er. «Aber ich will vor allem persönlich weiterkommen und meine Leistungen toppen. Das ist meine Motivation.» So einfach ist das.

Christian Maurer (vorne) und sein Bruder im Urserental UR im bequemen Liegesitz.

Wie so vieles ganz einfach scheint, wenn er in seinem gemütlichen Oberländer Dialekt darüber redet. In seiner Welt ist Fliegen nicht gefährlicher als Radfahren. Und eine scheinbar unmögliche Herausforderung ist bloss da, um angepackt zu werden, «Schritt für Schritt». Ganz einfach.

Die beiden vor einer Granitfelswand, ebenfalls im Urserental.
Die beiden vor einer Granitfelswand, ebenfalls im Urserental.

Söhne sind seine glühendsten Fans und fiebern mit

Jetzt hat er ein neues Ziel: «Ich will einen zahlungskräftigen Hauptsponsor finden.» So könnte er sich und seine Familie nur mit Fliegen durchbringen. Seine beiden Jungs Jonas (7) und Nico (5) sind jetzt schon begeisterte Mitflieger. Und seine glühendsten Fans. Sie fiebern mit, wenn er an den X-Alps unterwegs ist. Und sobald er rastet, werden sie aufgeregt mit ihm telefonieren.

Bald am Ziel: Über Brigels in der Surselva GR.
Bald am Ziel: Über Brigels in der Surselva GR.

Die Muskeln hat Christian Maurer trainiert, den neuen Rennschirm eingeflogen. Er hofft, dass sein Fuss mitmacht, den er letzten Herbst bei einer missglückten Landung gebrochen hat. Auch ein bisschen Wetterglück wäre hilfreich. Dann funktioniert der Mix aus Lockerheit und Präzision vielleicht ein weiteres Mal, und der «Adler von Adelboden» fliegt beschwingt dem Ziel Monaco entgegen.

Punktlandung in Klosters GR vor den Kameraleuten des Schweizer Fernsehens.
Punktlandung in Klosters GR vor den Kameraleuten des Schweizer Fernsehens.

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Robert Bösch