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30. April 2012

Chli der Aare na velöle

Die Mittelland-Route ist ideal für eine Fahrt mit Kind und Kegel. Auf der Strecke entlang der Aare gibt es kaum Steigungen, aber viel zu entdecken. migrosmagazin.ch verrät weitere ideale Frühlings-Radstrecken.

Zwischenhalt in 
Altreu, dem Ort, wo die Störche klappern. Von links nach rechts: Üsé, Silke, Nicolas, Ben, Barbara und 
Selma.

Pilger-, Töss- und andere Velotouren: Weitere Tagesausflüge auf SchweizMobil-Routen.

Von Endo Anaconda, dem gewichtigen Sänger und Philosophen der Berner Band Stiller Has, lassen wir uns nicht ins Bockshorn jagen — auch wenn er uns in seinem Lied «Aare» als «Löle» bezeichnet: «Gang doch e chli der Aare na, lue wie d’ Velöle velöle mit ihrne Velo, der schöne grüene Aare naa.» Denn genau das machen wir — unsere beiden Familien fahren von Solothurn bis nach Biel der schönen, grünen Aare entlang: die zwei Siebenjährigen, Nalani und Ben, auf ihren Trailern im Windschatten des jeweiligen «Papa-Mobils», die zehnjährige Selma mit normalem Fahrrad, ganz auf ihre eigene Muskelkraft angewiesen. Kein Problem, denn die gewählte Route ist gut für Familien geeignet, es gibt keine nennenswerten Steigungen.

Kaum draussen aus der Barockstadt Solothurn, sind wir ohne lärmenden Motorenverkehr auf einem Feldweg unterwegs. «Wow, schau mal den Schwan dort drüben», ruft Nalani zu Ben hinüber. Mit Blick auf die Aare und ihre gefiederten Bewohner pedalen beide emsig mit und unterstützen ihre Väter beim Vorwärtskommen. Naturgemäss wird dieser Enthusiasmus mit jedem zurückgelegten Kilometer leider etwas abnehmen. Weil die beiden auf ihren Trailern nicht aufs Steuern achten müssen, haben sie um so mehr Augen für die Umgebung — und sind deshalb auch die Ersten, die den grossen, schwarz-weissen Vogel erblicken, der über unsere Köpfe segelt.

Rund 30 Storchenpaare brüten in Altreu

Elegant: der Weissstorch.
Elegant: der Weissstorch.

Mit wenigen eleganten Flügelschlägen überholt uns der Weissstorch — kein Wunder, bei einer Spannweite von mehr als zwei Metern — und fliegt in Richtung Altreu. Der Storch war Ende der 1940er Jahre in der Schweiz ausgestorben, gleichzeitig startete das Projekt zu seiner Wiederansiedlung im Weiler Altreu. Heute leben im Storchendorf, wie der Ort auch genannt wird, wieder gut 30 Brutpaare. Wir legen bei einem Spycher mit altem Mühlestein eine Pause ein. Rundherum befinden sich auf den Dächern und in den Bäumen Horste, die Nistplätze der Störche. Jeder Horst ist von einem Paar bewohnt. Naht der Winter, trennt sich das Pärchen, und jeder macht sich alleine auf den langen Weg nach Afrika. Im Frühling kehren aber beide wieder zum gemeinsamen Horst zurück — und dies jahrzehntelang. Ein bemitleidenswertes Storchenpaar ist gerade am Bau eines neuen Nestes. Sie werden ihren Horst bei der Rückkehr aus Afrika vergebens suchen, denn als Nistplatz haben sie einen Baukran auserwählt. Während der eine mit einem Ast anzufliegen kommt, legt der andere seinen Kopf nach hinten und klappert laut mit dem rötlichen Schnabel. Das Klappern ist die übliche Verständigungsweise der Weissstörche, weshalb sie auch Klapperstorch genannt werden. Auch unsere Velos klappern vernehmbar, denn hinter Altreu sind wir bereits wieder auf einem ungeteerten, holprigen Strässchen unterwegs. Ruhig fliesst die dunkelgrüne Aare direkt neben uns, ein Baum liegt mit seiner Krone im Wasser — vom Biber gefällt. Auch der Biber war übrigens einst in der Schweiz ausgestorben. Weiter führt uns der Weg durch die Grenchner Witi, eine Schutzzone, wo mit etwas Glück hoppelnde Feldhasen oder herumstolzierende, seltene Watvögel erblickt werden können. Dann vermelden die ersten unserer Gruppe schmerzende Pobacken.

Die Zufriedenheit des Philosophen

Mittagessen in Büren an der Aare
Mittagessen in Büren an der Aare.

Zur Linderung der Gesässschmerzen bietet sich nach zwei Stunden Fahrt ein ausgedehntes Mittagessen in Büren an der Aare an. Gestärkt geht es danach weiter entlang des Nidau-Büren-Kanals, der uns bis Biel begleiten wird. Entstanden ist der Kanal im Rahmen der Juragewässerkorrektur, die Ende des 19. Jahrhunderts den Versumpfungen und Überschwemmungen des Seelandes ein Ende machte. In Nidau verlassen wir die Veloland-Route 5 und fahren zum Bieler Hafen. Wir wollen einen Teil der Strecke mit dem Schiff zurücklegen.

Langsam pflügt sich unser Schiff durch das Wasser des Bielersees, vorbei am schmucken Örtchen Twann und terrassierten Rebhängen. Bei der Station St. Petersinsel steigen wir mit unseren Velos aus dem Schiff und pedalen zum nahe gelegenen ehemaligen Kloster, das jetzt ein Hotel und Restaurant ist. Auf dieser Insel verbrachte der Genfer Philosoph Jean-Jacques Rousseau im Jahr 1765 einige Wochen, als er auf der Flucht vor der Obrigkeit war, die ihn aufgrund seiner «ketzerischen» Schriften verfolgte. Hier soll er nach eigenen Angaben «die glücklichsten Monate seines Lebens» verbracht haben. Rousseau genoss die Natur und die Einsamkeit. Damals war die St. Petersinsel noch eine richtige Insel. Aufgrund der Juragewässerkorrektur senkte sich der Spiegel des Bielersees um gut zwei Meter, und aus der Insel wurde eine Halbinsel. Auf dem so entstandenen Heidenweg radeln wir zum pittoresken Örtchen Erlach und von dort, nun wieder auf der Veloland-Route 5, rund um den Jolimont-Hügel bis zu unserem Tagesziel, dem Örtchen Ins.

Frisch gestärkt geht die Fahrt weiter Richtung Bieler Hafen.
Frisch gestärkt geht die Fahrt weiter Richtung Bieler Hafen.

Der Philosoph Rousseau sagte einst: «Die Zufriedenheit leuchtet aus den Augen, der Haltung, dem Ton der Stimme … und scheint sich dem, der sie bemerkt, mitzuteilen.» Ein Blick in die Augen unserer Kinder reicht, um genau dies mitgeteilt zu bekommen.

Die Migros ist langjährige Partnerin von SchweizMobil.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Philipp Dubs