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30. Mai 2016

Chinas trügerischer Boom

Der Boom in China weckt unsere Bewunderung. Doch der Schein trügt: Der Aufschwung steht auf wackligem Fundament.

Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, in Relation zur Schweiz
DER LANGE MARSCH ZUM WOHLSTAND: Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, in Relation zur Schweiz (entspricht 100%). (Grafik zVg)

Die chinesische Wirtschaft gleicht einem Fahrrad. Damit sie im Gleichgewicht bleibt, braucht sie die Kraft der Fahrtgeschwindigkeit – sprich: wirtschaftliches Wachstum. Fällt das Wachstumstempo dagegen unter eine kritische Schwelle, so droht die Wirtschaft wie ein Fahrrad zu kippen.

Diese Instabilität unterscheidet China von einer reifen Ökonomie wie derjenigen der Schweiz, die auch einen temporären Stillstand problemlos verkraften kann. In China dagegen würde eine Phase der Stagnation rasch zu grossen sozialen Unruhen führen. Dem versucht die Kommunistische Partei mit ihrem überaus ehrgeizigen Wachstumsziel entgegenzuwirken. Gemäss Fünfjahresplan soll China bis 2020 um mindestens 6,5 Prozent wachsen – pro Jahr.

Eine solche Zahl wirkt angesichts der schwachen Konjunktur im Westen geradezu fantastisch. Die Realität präsentiert sich allerdings weit weniger rosig. Die Grafik zeigt, wie sich der Wohlstand der Chinesen über die vergangenen 100 Jahre ent­wickelt hat – und zwar in Relation zur Schweiz, für die stets ein Wert von 100 Prozent gilt: Mit dem Aufschwung in den letzten Jahrzehnten hat China primär den verheerenden Niedergang unter Mao Zedongs Herrschaft bis zu dessen Tod im Jahr 1976 rückgängig gemacht. Augenfällig ist zudem, wie die Entwicklung zwischen Taiwan und dem kommunistischen Festland ab den 50er-Jahren immer mehr auseinanderläuft.

Dass die Regierung beim Wachstum aufs Tempo drückt (oder drücken muss), ist ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft schon heute eine bedenkliche Schieflage aufweist. Das Bruttoinlandprodukt in China besteht fast zur Hälfte aus Investitionen, während dieser Anteil in der Schweiz nur ein Viertel erreicht. Die Folge dieser Investitionsblase sind riesige Überkapazitäten, etwa bei der Stahlproduktion oder im Schiffbau.

Treiber dieses ungesunden Wachstums sind die 150'000 staatseigenen Betriebe in China. Davon gelten 30'000 als «Zombieunternehmen», die künstlich am Leben erhalten werden. Statt diese Ungleichgewichte zu korrigieren, verfolgt die kommunistische Führung einen anderen Plan: noch kräftiger in die Pedale treten – und keinesfalls bremsen. 

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Autor: Albert Steck