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11. Juni 2012

«China lässt sich definitiv nicht mehr herumschubsen»

Der Aufstieg Chinas zu einer globalen Supermacht ist eine Tatsache. Es ist absehbar, dass China die USA bald an der Spitze ablösen wird. Der britische Politologe und Bestsellerautor Martin Jacques erklärt, was dies bedeutet.

Für Martin Jacques sind die Chinesen relativ friedlich.
Für Martin Jacques sind die Chinesen relativ friedlich. Das Land gibt im Vergleich wenig Geld für das Militär aus. (Bild: Keystone/AP/Fiona Hanson)

Retten die Chinesen den Schweizer Tourismus? Ihr wachsender Mittelstand sorgt derzeit für die bei weitem grössten Zuwachsraten aller Herkunftsländer.

Martin Jacques, in China hat in den letzten Jahrzehnten das grösste Wirtschaftswunder in der Geschichte der Menschheit stattgefunden – und wir im Westen nehmen es immer noch kaum zur Kenntnis. Weshalb?

Wir im Westen spüren, dass sich im Osten etwas Gewaltiges verändert. Aber wir haben grosse Mühe, es einzuordnen und zu verstehen. Vorherrschend ist eine zwiespältige Reaktion: Einerseits gibt es die weitverbreitete Überzeugung, dass der Westen am Ende ist. Andererseits gibt es nach wie vor die westliche Arroganz, dass sich alles um uns dreht. Schliesslich haben wir den Rest der Welt herumgeschubst, solange wir uns erinnern können.

Und China?

China lässt sich definitiv nicht mehr herumschubsen, der Aufstieg Chinas ändert alles. Wir müssen lernen, uns in einer komplett veränderten Welt zurechtzufinden; das wird schwierig werden.

In China ist die Partei der Staat.

Was genau steht uns bevor?

Für die meisten Beobachter ist der Aufstieg Chinas primär ein wirtschaftliches Phänomen. Die politischen, moralischen und ideologischen Folgen werden vernachlässigt. Zudem wird China stets durch westliche Augen betrachtet. Deshalb wird es kaum verstanden. China ist völlig anders.

China hat eine rasante wirtschaftliche Entwicklung hinter sich. Droht das Wachstum nun wegen steigender Einkommen ins Stocken zu geraten?

Selbstverständlich steht auch China noch vor gewaltigen Problemen. Bisher hat die Wirtschaft von sehr billigen Arbeitskräften profitiert,und sie muss sich nun in Bereiche mit höherer Wertschöpfung entwickeln.

Kann die chinesische Wirtschaft das?

Es gibt bereits heute internationalwettbewerbsfähige Unternehmen. Denken Sie an die Hochgeschwindigkeitszüge oder die Erfolge in der Solarenergie.

Zu reden gab in den letzten Wochen die mysteriöse Affäre um Bo Xilai. Der entmachtete chinesische Politiker war Mitte März als Chef der Kommunistischen Partei in Chongquing entlassen worden. Ermittlungen wurden eingeleitet, nachdem ein Abhörsystem und ein angezapfter Anruf von Präsident Hu entdeckt worden waren. Bo hatte sich vor allem mit der Bekämpfung von Korruption und als Vertreter des linken Flügels der Kommunistischen Partei einen Namen gemacht. Die Umgestaltung der Wirtschaft führt zu politischen Machtkämpfen innerhalb der Machtelite. Das zumindest ist die gängige Interpretation der Affäre um Bo Xilai.

Bo ist ein Populist, der sehr heikle Politthemen Chinas aufgreift; Themen wie die zunehmende Ungleichheit und die grassierende Korruption. Zudem scheint der Mann auch sehr ehrgeizig zu sein. Beides zusammen hat die Machtelite nervös gemacht. Sie fühlt sich an die schlechte Seite von Mao erinnert, an die Kulturrevolution.

Die ganze Affäre um Bo Xilai ist eine sehr merkwürdige Mischung aus Agenten-Thriller und Polit-Glamour. Was sollen wir davon halten?

Sie hat in China eine gewaltige öffentliche Debatte ausgelöst. Ich betrachte das als politischen Fortschritt.

Ist es auch der wichtigste Machtkampf seit dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz im Jahr 1989, wie viele behaupten?

Es ist sicher der öffentlichste Machtkampf seit 1989, aber nicht unbedingt der bedeutendste. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Elite ernsthaft in Schwierigkeiten gerät. Aber es zeigt sich nun auch öffentlich, dass die Kommunistische Partei keinesfalls einheitlich zusammengesetzt ist. Es werden harte Machtkämpfe ausgetragen. Das ist angesichts der rasanten Entwicklung dieses Reichs auch nicht weiter verwunderlich. Ich war kürzlich in Peking und habe erlebt, wie intensiv derzeit über die Zukunft Chinas diskutiert wird. Im Vergleich dazu sind die intellektuellen Diskussionen in London so abgestanden und langweilig wie Abwaschwasser.

Es gibt aber auch dieThese,wonach die Kommunistische Partei China nach wie vor mit eiserner Hand führen würde und nur Pseudo-Diskussionen zuliesse.

In China ist die Partei der Staat. Aber dazu muss man wissen: Der Staat ist in China immer sehr viel wichtiger gewesen als im Westen. Zusammen mit der Familie ist er die wichtigste Institution. Das Verhältnis der Partei zum Staat lässt sich daher nicht mit westlichen Begriffen fassen. Die Partei ist vielmehr in der Tradition der Kaiser zu betrachten: Sie hat für das Wohlergehen der Menschen zu sorgen.

Aber ist die leninistisch organisierte Kommunistische Partei Chinas in einer globalisierten Welt nicht ein Dinosaurier geworden?

Wir im Westen haben stets das Gefühl, dass die KP zerbrechlich geworden ist und dass sie am Rand der Auflösung steht, wie das in der Sowjetunion geschehen ist. Das ist kompletter Unsinn.

Sind die chinesischen Kommunisten vielmehr die besseren Kapitalisten geworden?

Auch das stimmt nicht. Das moderne China ist in erster Linie ein äusserst erfolgreicher Staat. Das ist etwas, das wir mit unserer westlichen Denkweise nur schwer begreifen und akzeptieren können. Die Chinesen sind absolute Meister in der Kunst der Staatsführung.

Was haben die chinesischen Kommunisten besser gemacht als die Sowjets?

Die Sowjetunion hat an die despotischen Züge des Zarenregimes angeknüpft und zu keiner Zeit wirklich Unterstützung im Volk genossen. Mao hingegen wurde von der Landbevölkerung unterstützt, der überwiegenden Mehrheit.

Aber selbst die Partei sagt heute: Mao lag zu 70 Prozent richtig und zu 30 Prozent falsch.

Das ist eine typisch chinesische Formulierung.

Weshalb?

Man kann die Geschichte nicht in Prozent aufteilen. Die Chinesen meinen damit: Mao hat wichtige Dinge getan, die gut waren, beispielsweise das Reich wiedervereint. Mao hat auch schlimme Dinge getan, beispielsweise die Kulturrevolution mit all ihren Gräueln.

Die Frage der Menschenrechte und der Demokratie tauchen in der Chinadiskussion zwangsläufig auf, kürzlich wieder wegen des blinden Menschenrechtsaktivisten Chen Guancheng. Wie sehen Sie das?

Es gibt zweifellos viel Ungerechtigkeit. Es gibt Provinzen, wo eine gewisse Rechtssicherheit herrscht, und solche, wo dies nicht der Fall ist. Chen wurde, soweit mir bekannt ist, von den örtlichen Behörden misshandelt. Das ist ein verbreitetes Problem. Grundsätzlich jedoch lässt sich nicht bestreiten, dass den Menschen in China zunehmend mehr Freiheiten zugestanden werden und die Fälle von Menschenrechtsverletzungen stark abgenommen haben. Dass die Frage der Menschenrechte auch für westliche Interessen gegen China eingesetzt wird, ist ebenfalls offensichtlich.

Braucht China mehr Freiheit, Demokratie und Menschenrechte, wenn es seine Wirtschaft auf den höchsten Entwicklungsstand bringen will?

In Asien ist das Individuum nicht das Zentrum der Gesellschaft und wird es auch nie sein. Deshalb wird die chinesische, aber auch die japanische Entwicklung anders verlaufen als bei uns. Aber gerade Japan hat bereits beweisen, dass auch die asiatische Wirtschaft sehr innovativ sein kann.

Natürlich wird China Ansprüche stellen.

China wird auch geopolitisch ein Machtfaktor. Welches sind die Folgen?

Was wir erleben, ist nicht vergleichbar mit dem Kalten Krieg. Die Sowjetunion war nicht Mitglied der Welthandelsorganisation. Damals lebten wir in einer bipolaren Welt. Heute leben wir in einer globalisierten Weltwirtschaft, deshalb müssen China und die USA kooperieren, ob sie wollen oder nicht.

Es ist jedoch unübersehbar, dass China immer selbstbewusster auftritt und je länger, desto weniger der Juniorpartner sein will.

China ist die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt und wird in absehbarer Zeit auch die USA überholen. Natürlich werden die Chinesen Ansprüche erheben. Bereits heute ist China der wichtigste Handelspartner vieler Schwellen und Entwicklungsländer.

Bisher hat China seine aussenpolitischen Interessen strikt den wirtschaftlichen Interessen untergeordnet. Wird sich dies ändern?

Genau darum drehen sich derzeit die grossen Debatten in Peking. Die aussenpolitischen Interessen hinken stets den wirtschaftlichen Interessen nach. Das war beim Aufstieg der USA nicht anders.

Wird sich somit China zum grossen Rivalen der USA emporschwingen?

Ich denke nicht, dass China dem amerikanischen Beispiel folgen wird.

Weshalb nicht?

Die Geschichte ist unglaublich wichtig. Europa war jahrhundertelang ein sehr kriegerischer Kontinent. Diese Aggression haben die Europäer als Kolonialisten weitergeführt. Die Amerikaner haben einen grossen Teil dieser Hinterlassenschaft geerbt. China hingegen hat sich praktisch nur in Asien ausgedehnt und hat niemals Kolonien besessen, obwohl es dazu in der Lage gewesen wäre. Die Chinesen haben stattdessen ein Tributsystem eingerichtet, bei dem sie an der Spitze standen und den umliegenden Völkern Zugang zu ihren Märkten gestatteten.

Was bedeutet dies nun für die chinesische Aussenpolitik der Zukunft?

China ist nicht mit der ehemaligen Sowjetunion vergleichbar. Dass die Sowjets mit den Amerikanern wetteifern wollten, war Wahnsinn und musste zwangsläufig scheitern. Die Chinesen werden sich bestimmt nicht auf einen solchen Wettlauf einlassen.

Aber sie rüsten doch auf?

Sie haben jetzt einen Flugzeugträger, und diesen haben sie aus zweiter Hand erworben. Grossbritannien hat drei davon, und selbst Italien besitzt einen. Der Anteil der Militärausgaben am Bruttoinlandprodukt ist im Vergleich zu den USA immer noch sehr klein.

Wird sich das nicht ändern?

Kaum. Wegen der hohen Militärausgaben vernachlässigen die Amerikaner ihre Infrastruktur und bilden ihre Jugend lausig aus. Die Chinesen werden diese Dummheit nicht kopieren. Es entspricht zudem nicht ihrem Denken und ihrer Tradition. Die Chinesen demonstrieren ihre Macht nicht mit Waffen, sondern mit ihren kulturellen Errungenschaften und ihrer grossartigen Zivilisation.

Autor: Philipp Löpfe