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15. September 2014

(*_*) – chills! J

Einer sechzehnjährigen Tochter – Himmel, jetzt ist die schon sechzehn! – muss man schon mal das Handy aus der Hand nehmen, wenn sie bei Tisch liest und tippt. Gibt halt viel zu lesen und zu tippen, in so einem Klassenchat. Wenn sich 23 Schülerinnen und Schüler gegenseitig Nachrichten schicken – sagen wir mal: 19 Messages pro Kopf und Nachmittag, stets an alle gesendet –, dann kommen rasch 437 Nachrichten à la «(*_*)chills! J» zusammen … Nichtssagend, allesamt, das räumt auch Anna Luna ein. Aber: «Es könnte ja mal eine wichtig sein!» Könnte ja mal in einer stehen: Morgen früh um 07.30 Uhr fällt die Chemielektion aus. Also muss man die 436 anderen Meldungen im Chat auch lesen …

«437 Nachrichten, alle nichtssagend …»
«437 Nachrichten, alle nichtssagend …»

Wobei solch ein Klassenchat durchaus auch nützlich sein kann. Zwar sage ich dem Hans, wenn ihm wieder mal ein Blatt mit Französischvokabeln fehlt, die es dringend zu lernen gälte: «Frag doch schnell den Ramón!» Klassenkamerad Ramón wohnt nämlich im oberen Stock, wenige Meter die Treppe empor … Aber nein: «Hab dänk schon lang im Klassenchat gefragt!» Für mich ists kein Zuschauen, wie er dann, statt hurtig die paar Stufen nach oben zu gehen, im Wohnzimmer am Handy nervöselt und nifelt, wartend, dass ihm jemand die Franzwörtli knipse und sende.

Meist bekommt Hans sogar recht, und eine Mitschülerin schickt ihm das Gewünschte binnen noch kürzerer Zeit als derjenigen, die es gedauert hätte, rasch zu Ramón raufzusteigen. Dennoch geht mir das Hin und Her des ewigen Kurznachrichtelns zuweilen auf den Geist. Am Donnerstag spätabends weiss Anna Luna noch nicht, wie sie den Freitagabend verbringen wird. Mit Jelena ins Kino oder doch eher bei Malin übernachten? Und kommen Annina und Mara auch? Oder doch eher alle ins Säuliamt zu … «Wir können ja noch schauen», tippt sie, und mir entfährt: «Herrgott, jetzt macht doch mal was Verbindliches ab!», weil es mich kribbelig macht, wie sie sich immer alle Optionen offenhalten. Ganz abgesehen davon, dass ja auch ich mein Wochenende planen möchte.

Wenn es mir wieder mal zu viel wird mit den Gepflogenheiten unserer Kinder, denke ich daran, wie meine liebe Mutter mit den Zeitläufen zu ringen hatte. Nachdem meine grosse Schwester sich ihre ersten Bluejeans ertrötzelt hatte – und sie musste lang darum kämpfen, wie sie als Erstgeborene überhaupt für alles lang kämpfen musste – und sich nach einigen Waschgängen endlich der von der Schwester ersehnte Effekt der Verwaschenheit einstellte, nämlich eine leise weisse Faserung um die Kniepartien, war meine Mutter verzweifelt. Sie fragte mich bang, was sie denn nun tun solle – die neue Hose der Schwester sei kaputt.

Auch ich war freilich ratlos. Und schliesslich zückte Mutter einen blauen Neocolorstift, um die Stellen nachzubessern. Wenig später rief sie mich ins Zimmer meines grossen Bruders und bat mich, an dessen Kleidern zu riechen; sie hatte einen ihr fremden, verdächtigen Geruch festgestellt und wollte wissen, ob das nun «dieses Haschisch» sei. Aber woher sollte ich, der neunjährige Nachzügler, wissen, wie «dieses Haschisch» roch?

«Und, Anna Luna?», will ich am Freitag gegen Abend wissen, «wofür habt ihr euch nun entschieden?» – «Ach, nichts … Ich bleibe gemütlich daheim.»

Bänz Friedli live: 17.–20. 9. St. Gallen, 21. 9. Stans.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli