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02. Dezember 2013

Chiasso – eine Grenzstadt hilft sich selbst

Vor zwei Monaten schlugen die Behörden in Chiasso Alarm. Die Tausenden von Flüchtlingen aus Lampedusa drohten, die Stadt zu überfluten. Nun scheint sich die Lage entspannt zu haben. Sagt sogar der Stadtpräsident. Ein Besuch in Chiasso, dem Tor zum Norden.

Im Zentrum: Kartenspiel zum 
Zeitvertreib.
Im Zentrum: Kartenspiel zum 
Zeitvertreib.

Anfang Oktober sind 390 Menschen vor Lampedusa ertrunken. In einer einzigen Nacht. Migranten aus Afrika, die versucht haben, über die italienische Insel nach Europa zu gelangen. Für den «SonntagsBlick» ein Anlass, sich in Chiasso, dem «Lampedusa der Schweiz», wie ein Lega-Politiker die Grenzstadt bezeichnete, umzuschauen. Die Schlagzeile: «Die Schweiz und Italien lassen uns komplett allein!» Der Hilferuf von Bürgermeister Moreno Colombo (50) hallte durch die Deutschschweiz. 4549 Flüchtlinge hätten im letzten Jahr in Chiasso Asyl beantragt, einer Stadt mit weniger als 7800 Einwohnern. Fazit: «Chiasso läuft am Limit.» Zahlreiche Flüchtlinge würden das Strassenbild dominieren, viele davon betrunken. Im Bekanntenkreis hörte man, Eltern im Mendrisiotto liessen ihre Teenager nicht mehr nach Chiasso ausgehen. Zu gefährlich sei die Stadt.

Im Park: Ein Asylbewerber aus Pakistan beim Arbeitseinsatz für die Gemeinde.
Im Park: Ein Asylbewerber aus Pakistan beim Arbeitseinsatz für die Gemeinde.

9 Uhr, auf dem Corso San Gottardo, der Fussgängerzone von Chiasso. Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Städtchen von keinem anderen seiner Grösse. Büroangestellte in schicken Anzügen. Hausfrauen mit Einkaufstaschen. Besitzer und Angestellte von Restaurants und Boutiquen, die sich für den kommenden Arbeitstag bereit machen. Hin und wieder ein fremdländisches Gesicht.

Am Bahnhof: 
Die beiden Sicherheitsleute des Zentrums auf Patrouille.
Am Bahnhof: 
Die beiden Sicherheitsleute des Zentrums auf Patrouille.

Unter den Platanen auf der Piazza Costantino Bernasconi, zwischen der katholischen Kirche und dem Rathaus: vier Schwarze auf zwei Bänken. Sie sitzen da einfach und scheinen zu warten, schweigend. Vor dem Rathaus ein Polizeiwagen. In der nahen Bar Chiasso meint der Barkeeper: «Auf diesem Platz gibt es wenig Probleme, aber schauen Sie mal auf der Piazza Indipendenza.» 400 Meter den Corso runter zwischen Post, zwei Banken und einem Juwelierladen eingeklemmt ein Viereck auf grauem Granit, mit einer Skulptur des irakischen Künstlers Selim Abdullah verschönert, seit rund 30 Jahren wohnhaft im Tessin. Ein paar Rentner mit Rollator, drei Nordafrikaner und zwei Schwarzafrikaner sitzen auf den Bänken. Probleme sind keine sichtbar. Die Kellnerin im Restaurant Indipendenza meint: «Ich persönlich hatte noch nie Schwierigkeiten mit den Flüchtlingen.» Klar, manchmal sei es etwas mühsam, wenn sie, ohne etwas zu konsumieren, im Restaurant aufs WC wollten.

Impressionen aus Chiasso

Im nahen Salone Giuliano klingt es anders. Dort wartet ein Rentner auf seinen Haarschnitt und wettert: «98 von 100 sind keine echten Flüchtlinge. Die kommen zu uns, um zu faulenzen, zu stehlen und zu trinken.» Da würden sich auch die Deutschschweizer aufregen. Das habe nichts mit Rassismus zu tun. Was Fremdenhass sei, habe er am eigenen Leib erfahren. Damals, Ende der 50er-Jahre, als er in Zürich gearbeitet habe: «Tschingg haben sie mir nachgerufen. Dabei bin ich gar kein Italiener, sondern waschechter Tessiner.» Der Coiffeur selber kommt aus Italien und will sich an der Diskussion nicht beteiligen.

Im Zentrum staunt man über Aussagen des Bürgermeisters

10 Uhr, Centro di Registrazione, gleich neben dem Bahnhof Chiasso: Kajütenbetten, Linoleumboden, Betonwände. Rund 50 Flüchtlinge sitzen im Untergeschoss, das Speisesaal und Aufenthaltsraum ist. Sie spielen Karten, diskutieren oder sitzen einfach da. Die Raucher sind draussen, auf einem Asphaltplätzchen mit Rutschbahn und Kinderschaukel, umgeben von einem zwei Meter hohen Gitter. Wer in die Stadt will, muss sich an der Pforte abmelden. Dann öffnet das Sicherheitspersonal erst die Tür des Gebäudes und anschliessend das Tor zur Stadt. Zwei Kameras registrieren jede Bewegung.

Jimmy Ferro, stellvertretender Zentrumsleiter:  «Es halten sich nie Tausende von Asylbewerbern in der Stadt auf.»
Jimmy Ferro, stellvertretender Zentrumsleiter: «Es halten sich nie Tausende von Asylbewerbern in der Stadt auf.»

Jimmy Ferro (35), stellvertretender Leiter des Empfangs- und Verfahrenszentrums, ist ziemlich erstaunt über die Aussagen des Bürgermeisters: «Wir haben eine Maximalbesetzung von 134 Personen. Es halten sich also nie Tausende von Asylbewerbern gleichzeitig in der Stadt auf, wie der ‹SonntagsBlick› suggeriert.» Bei Überkapazitäten würden die Flüchtlinge in andere Schweizer Zentren transferiert. Zudem gebe es fixe Ausgangszeiten, von 8.45 bis 19 Uhr. Wer verspätet komme, riskiere, die Mahlzeit zu verpassen, und könne am nächsten Tag eine Ausgangssperre erhalten. Die meisten Bewohner würden sich an die Vorgaben halten.

Alkohol und Abfall waren tatsächlich ein Problem

Während der Ausgangszeiten sind stets zwei Sicherheitsleute auf Patrouille. Sehen sie mehr als zehn Flüchtlinge auf einem Platz, fordern die Proseguri sie auf, sich aufzuteilen. Die Wachmänner rapportieren an die Zentrumsleitung und werden auch von dieser finanziert.

Fussgängerzone in Chiasso: Auf den ersten Blick ein 
ganz normales Städtchen.
Fussgängerzone in Chiasso: Auf den ersten Blick ein 
ganz normales Städtchen.

Alles scheint seine Ordnung zu haben. Übertreibt Bürgermeister Moreno Colombo vielleicht bloss? Jimmy Ferro räumt ein, dass es früher tatsächlich ein paar Probleme gab. Die Bewohner des Zentrums erhalten pro Tag drei Franken. Bis Juni 2011 wurde ihnen der kumulierte Betrag jeweils am Donnerstag ausbezahlt. Einige haben sich mit den 21 Franken betrunken und die Dosen einfach auf den Plätzen liegen gelassen. «Heute erhalten die Flüchtlinge das Geld nicht mehr in bar, sondern können in einem Shop innerhalb des Zentrums für den entsprechenden Betrag einkaufen.» Zudem habe man zusammen mit der Stadt und einigen umliegenden Gemeinden verschiedene Programme erarbeitet, die jeweils 30 Asylanten Arbeit im öffentlichen Dienst der Gemeinde gewähren: «Das erhöht die Akzeptanz der Bevölkerung und gibt den Flüchtlingen eine sinnvolle Aufgabe.» Die Asylbewerber würden für ihren Einsatz 30 Franken pro Tag erhalten, das Geld werde ihnen aber erst ausbezahlt, wenn sie vom Zentrum abreisen.

Beim Hausdienst: Die Asylanten putzen ihre Unterkünfte selber.
Beim Hausdienst: Die Asylanten putzen ihre Unterkünfte selber.

Laut Tessiner Kantonspolizei sind im Mendrisiotto – zusätzlich zu jenen im Zentrum – rund 160 Flüchtlinge in Wohnungen oder anderen Unterkünften untergebracht. Sie warten entweder noch auf einen Entscheid oder sind bereits aufgenommen. Sie können sich frei bewegen. Machen sie Dummheiten, ist die Polizei für sie zuständig. Die Verfehlungen werden an Bern rapportiert. Nicolas Poncini (52), Chef der Gemeindepolizei, hat Zahlen: «2012 gab es 380 Interventionen wegen Asylanten, vor allem wegen Trunkenheit, Drogenhandels, Kleindiebstahls oder Prügeleien untereinander.» Darin verwickelt gewesen seien mehrheitlich Bewohner des Zentrums. «Asylanten, die schon länger im Land oder definitiv aufgenommen sind, machen in der Regel keine Probleme.» Im laufenden Jahr sei es zudem ruhiger geworden.

An der Pforte: Ein Sicherheitsbeamter tastet den Asylbewerber nach Waffen ab.
An der Pforte: Ein Sicherheitsbeamter tastet den Asylbewerber nach Waffen ab.

Theoretisch könnten sich in der Stadt auch Papierlose aufhalten, die illegal in der Schweiz sind. Diese reisen jedoch weiter, weil die Wahrscheinlichkeit, aufgegriffen zu werden, in Grenznähe viel grösser ist als etwa in Zürich oder Bern.

Insgesamt 50 Wachleute sehen in Chiasso nach dem Rechten

2 Sicherheitsmänner, 13 Kantonspolizisten, 35 Gemeindepolizisten: In Chiasso schauen 50 Wachleute nach dem Rechten. Grenzwächter nicht mitgezählt, deren Anzahl aus einsatztaktischen Gründen nicht veröffentlicht werden darf.

15 Uhr, Parco Giochi, in der Nähe vom Aldi. Eine Rutschbahn, ein Kletterturm und ein Spielfeld. Rundherum ein drei Meter hoher Maschendraht. Am Eingang ein Schild mit einem durchgestrichenen Glas, «No alcol». Zwei weisse Frauen mit farbigen Haaren trinken Bier aus Dosen. Keine dunklen Gesichter. Die beiden Proseguri schlendern vorbei, schauen kurz in den Denner und biegen dann in die Fussgängerzone ein. Ein Gruss Richtung Polizeiauto, das im Schritttempo vorbeirollt.

Italienische Schnulzen scheppern durch die Gassen. Ein Rentner mit einem Ghettoblaster auf der Schulter bummelt auf dem Corso San Gottardo. Einige heben den Kopf, viele gehen weiter, als ob nichts wäre. Passanten erklären: Der Mann ist verwirrt, seit er Frau und Tochter verloren hat. Oft singe er selber. An Tagen, an denen ihm die Stimme versage, trage er den Recorder mit sich.

Stadtpräsident Moreno Colombo: «Hätten wir auf Bern gewartet, 
wäre nichts passiert.»
Stadtpräsident Moreno Colombo: «Hätten wir auf Bern gewartet, 
wäre nichts passiert.»

17 Uhr, im Büro des Stadtpräsidenten. Herr Colombo, Hand aufs Herz: Ist die Situation in Chiasso wirklich so schlimm? «Es ist ruhiger geworden. Das stimmt.» Die Probleme hätte die Gemeinde aber selber lösen müssen: «Die Arbeit im öffentlichen Dienst, der Shop im Zentrum – das waren unsere Ideen. Hätten wir auf Bern gewartet, wäre nichts passiert, niente di niente.» Chiasso wünsche, so Colombo weiter, dass die Asylbewerber wirklich nur für die Registrierung im Zentrum wären und anschliessend gleich in Kasernen ausserhalb der Stadt verlegt würden. Da gäbe es sowieso viele, die leer stünden.

Also doch alles halb so wild? «Laut sein dient der Prävention», erklärt der Stadtpräsident seine provokative Aussage im «SonntagsBlick». Und schliesst: «Wir müssen es so halten wie Militär und Zivilschutz: Immer für den Ernstfall bereit. Man weiss schliesslich nie, was in der Welt passiert – und wann die nächste Welle kommt.»

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Claudio Bader