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21. November 2016

Auf dem Mond spaziert

Charlie Duke war der zehnte und jüngste Mensch, der jemals den Mond betreten hat. Der heute 81-Jährige über Schweizer Fans wie Swiss-Apollo-Gründer Lukas Viglietti («Der Freund der US-Astronauten»), Erlebnisse auf dem Mond und die Zukunft der Raumfahrt.

Charlie Duke
Charlie Duke gehörte zur Besatzung von Apollo 16 und verbrachte im April 1972 knapp 72 Stunden auf der Mondoberfläche.

Charlie Duke, Sie haben die Schweiz auf Einladung von Swiss Apollo schon mehrmals besucht. Sind Sie gerne hier?

Sehr. Ich war schon früher öfters zu Besuch. Als ich von 1959 bis 1962 in Deutschland stationiert war, kam ich das erste Mal und danach regelmässig als Tourist. Immer wenn meine Frau und ich auf Einladung hier sind, versuchen wir ein paar freie Tage anzuhängen und in der wunderschönen Berglandschaft wandern zu gehen. Diesmal konnten wir einen Helikopterflug um den Mont Blanc machen, absolut fantastisch!

Gibt es auch in anderen Ländern Organisationen wie Swiss Apollo, die sich so aktiv um das Erbe der amerikanischen Apollo-Mondmissionen bemühen?

Nein, das ist wirklich aussergewöhnlich. Wir haben auch in anderen Ländern Fans, aber ich kenne keine andere Organisation, die diesbezüglich derart aktiv ist. Lukas Viglietti und sein Team machen einen tollen Job, ich weiss das sehr zu schätzen. Und das Interesse hier ist gross, umso mehr, wenn man bedenkt, dass etwa die Hälfte der heutigen Schweizer Bevölkerung noch gar nicht geboren war, als diese Missionen stattfanden. Dieses Erbe zu bewahren und damit junge Leute zu inspirieren, ist eine noble Aufgabe. Auch ich wurde als Jugendlicher inspiriert, Träume zu haben und nach den Sternen zu greifen – so was ist wichtig.

Sie treffen hier also auch immer wieder Fans?

Oh ja. Zu den Anlässen hier kommen meist mehrere Hundert Leute, darunter natürlich auch Apollo-Fans. Viele wollen Autogramme von mir und Fotos mit mir machen. Und es sind wirklich alle Altersgruppen und Gesellschaftsschichten, die sich hier für uns interessieren.

Ich sage immer allen, dass sie sich einen Beruf auswählen sollen, den sie wirklich leidenschaftlich gern tun.

Bekommen Sie viele Fragen nach Ratschlägen von jungen Leuten, die auch ins All fliegen möchten?

Immer wieder. Ich frage dann immer, wofür sie sich interessieren. Wenn sie Geschichte nennen, muss ich Ihnen sagen, dass das wohl schwierig wird. Aber wer sich für Naturwissenschaften, Technik oder Medizin interessiert, hat eine Chance. Allerdings sage ich immer allen, dass sie sich etwas auswählen sollen, dass sie wirklich leidenschaftlich gern tun, etwas, das sie für den Rest ihres Lebens tun möchten. Auf keinen Fall sollten sie ein Studium deshalb absolvieren, weil sie glauben, es damit ins Raumfahrtprogramm zu schaffen. Am Ende hat man nach zehn Jahren einen Doktor in Physik, obwohl man das Fach gar nicht mag, und dann wird das Raumfahrtprogramm eingestellt. Das wäre eine tragische Zeitverschwendung. Als ich bei der Air Force begonnen habe, gab es noch gar kein Raumfahrtprogramm, und dennoch bin ich am Ende dort gelandet – so läuft das eben manchmal.

Sie sind ja sogar Teil des Beratergremiums von Swiss Apollo. Was tun Sie da so?

Lukas und ich telefonieren gelegentlich, um Ideen auszutauschen. Wir schreiben einander Mails und beratschlagen, wie wir diesen oder jenen Anlass aufgleisen wollen. Mehr ist es nicht.

Charlie Duke mit Swiss-Apollo-Gründer Lukas Viglietti in der Kiesgrube Eschenbach LU, wo es ein bisschen aussieht wie auf dem Mond.
Charlie Duke mit Swiss-Apollo-Gründer Lukas Viglietti in der Kiesgrube Eschenbach LU, wo es ein bisschen aussieht wie auf dem Mond.

Swiss Apollo will ja auch an den Beitrag der Schweiz an den Mondmissionen erinnern. Gab es ein solches Element auch 1972 bei Apollo 16?

Ja, wir hatten ein Sonnenwindexperiment von Professor Johannes Geiss von der Universität Bern an Bord. Wir trafen ihn vorher und informierten uns über das Experiment. Ich mochte ihn und wollte gute Arbeit für ihn leisten. Auf dem Mond platzierten wir das Sonnensegel ganz zu Beginn an exponierter Lage, wo es viel Sonnenwind bekam, und rollten es ganz am Ende wieder ein. Die Analysen beschäftigten Geiss und seine Studenten für einige Jahre.

Wie lange waren Sie auf dem Mond?

71 Stunden und 15 Minuten, davon verbrachte ich insgesamt etwas mehr als 20 Stunden ausserhalb des Landefahrzeugs. Besonders beeindruckt hat mich das Gelände: Es ist die fantastischste Wüste, die man sich vorstellen kann. Und immer war da der Gedanke, hier war zuvor noch nie jemand. Niemand marschierte je auf diesen Berg oder in diesen Krater. Es war ein tolles Gefühl, wie ein Abenteurer oder Entdecker Dinge zu sehen, die noch keiner zuvor zu sehen bekam.

Und Sie haben offenbar ein Foto von sich und Ihrer Familie auf dem Mond zurückgelassen?

Ja, genau. Es war ein Bild mit meiner Frau und meinen Söhnen. Ich wollte ihnen das Gefühl geben, dass auch sie quasi auf dem Mond waren. Auf die Rückseite hatte ich geschrieben. «Das ist die Familie von Astronaut Charlie Duke vom Planeten Erde, der am 19. April 1972 auf dem Mond gelandet ist.» Kurz vor dem Rückflug spazierte ich also mit dem Foto ein paar Meter weit, liess es auf eine Stelle fallen, wo es keinerlei Spuren von uns gab und machte ein Foto vom Foto, das ich dann mit nach Hause nahm. Das Foto ist wohl noch immer an der gleichen Stelle. Aber nach Jahrzehnten mit kosmischer Strahlung und extremen Temperaturen ist darauf natürlich nichts mehr zu erkennen.

Wäre ich nicht für das Raumfahrtprogramm ausgewählt worden, hätte ich als Kampfpilot in den Vietnamkrieg ziehen müssen.

Die Mondlandung hat Sie bekannt und berühmt gemacht. Wie hat das Ihr Leben verändert?

Zuerst mal: Keiner von uns hat sich dafür gemeldet, um berühmt zu werden. Wir hatten keine Ahnung, dass das passieren würde. Es war einfach der beste Job, den man als Testpilot kriegen konnte. Es war aufregend und eröffnete die Möglichkeit, mit den neusten Hightechgeräten zu arbeiten. Und ja, wir wurden dann sehr bekannt. Aber die Anerkennung für die Mondlandungen gebührt allen rund 400’000 Leuten, die das überhaupt erst ermöglicht haben. Ich hatte auch einfach Glück, dass ich dafür ausgewählt wurde unter all denen, die dafür genauso qualifiziert gewesen wären. Klar ist: Wäre ich nicht ausgewählt worden, hätte ich ganz sicher als Kampfpilot in den Vietnamkrieg ziehen müssen. Das blieb mir erspart. Aber ich hatte viele Freunde, die von dort nicht zurückgekehrt sind.

Auch nach Ihrer NASA-Zeit öffnete Ihnen das sicherlich ein paar Türen, oder?

Auf jeden Fall. Ich versuchte mich danach als Geschäftsmann, und da hat mein Astronautenhintergrund natürlich geholfen. Auch als meine Frau und ich später unsere christliche Glaubensarbeit starteten, öffnete es einige Türen, auch in anderen Ländern der Welt. Alle Leute treffen gern jemanden, der auf dem Mond spaziert ist.

Aber seit 1972 war niemand mehr auf dem Mond, Sie waren der Drittletzte. Weshalb verlor man plötzlich das Interesse daran?

Die politische Situation änderte sich. Ausserdem hatten wir das Ziel erreicht: Präsident Kennedy hatte die Nation nicht darauf eingeschworen, den Mond wissenschaftlich zu untersuchen. Es ging nur darum, auf ihm zu landen. Das hatten wir getan. Im Grunde hätte man auch nach dem ersten Flug aufhören können. Doch nachdem die technische Herausforderung gemeistert war, Menschen dorthin zu bringen, entwickelte sich Apollo zu einem grossen Wissenschaftsprojekt. Nach sechs Landungen allerdings beschloss die Politik, das Geld in ein anderes, günstigeres Programm zu verschieben. Und man begann, die Space Shuttles zu entwickeln. Der Fokus verschob sich auf den Erdorbit und auf Raumstationen. Aber Präsident Obama hat ja nun angekündigt, dass wir bis 2030 einen Menschen auf den Mars bringen werden. Was mich wirklich freut. Das ist eine schöne Herausforderung, die uns technologisch erneut vorwärtsbringen wird.

Wer auf den Mars geht, ist auf sich allein gestellt. Es dauert sechs Minuten, bis eine Funknachricht auf der Erde eintrifft, bis zur Antwort weitere sechs Minuten.

Ist es auch realistisch?

Ich denke schon. Aber es braucht ein grosses Vertrauen in die technischen Systeme, denn der Mars ist viel weiter weg. Wer dorthin geht, ist auf sich allein gestellt. Es dauert nur schon sechs Minuten, bis eine Funknachricht auf der Erde eintrifft, bis zur Antwort weitere sechs Minuten. In dieser Zeit kann viel passieren. Man muss also autonom operieren können. Zudem gibt es zwar Ideen für Raketen, die es bis zum Mars schaffen können, aber es gibt noch nicht mal Ansätze für ein Landefahrzeug. Es muss also noch einiges passieren, damit ein Flug zum Mars möglich wird. Persönlich hätte ich es bevorzugt, wenn wir erst mal zum Mond zurückkehren und dort eine Wissenschaftsstation aufbauen würden – dort hätte man jene Systeme entwickeln und testen können, die später auf dem Mars eingesetzt werden. Gut möglich, dass andere Länder das tun werden, China zum Beispiel.

Denken Sie, dass die neue Strategie erfolgversprechend ist, private Firmen Raumfahrzeuge entwickeln zu lassen?

Ja, das ist eine gute Idee. Und es ist gar nicht so anders als das, was die NASA früher getan hat. Damals sagten sie, was sie tun wollten. Und private Firmen machten sich dann ans Werk, diese Maschinen zu entwickeln. Nun entwickelt die Privatindustrie Raumfahrzeuge, und die NASA kann entscheiden, was davon sie nutzen wollen. Noch wird damit erst Cargo transportiert, aber später sollen es auch Menschen sein. Und ich zweifle nicht daran, dass das funktionieren wird.

Nun gibt es ja noch immer Leute, die glauben, dass die Mondlandungen nur eine elaborierte Täuschung der US-Regierung waren. Wie kommt es, dass sich diese Verschwörungstheorie so lange halten kann?

(seufzt) Ich weiss es nicht. Wir geben ihnen alle Beweise, dass es die Landungen wirklich gab, aber sie streiten es dennoch weiterhin ab. Ich wiederum kann jeden einzelnen ihrer angeblichen Beweise problemlos widerlegen, aber das scheint keine Wirkung zu haben. Ich verstehe es nicht, aber diese Leute wollen einfach glauben, was sie glauben.

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Mischa Christen