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31. Oktober 2016

Jenseits des Rampenlichts

Eugene Chaplin, Charlie Chaplins Sohn, stand nie vor der Kamera. Als Regisseur war er aber jahrelang für Circus Nock tätig. Im Haus seiner Kindheit, oberhalb von Vevey, setzt das Museum Chaplin’s World dem berühmten Vater ein Denkmal.

Eugene Chaplin
«Es ist schon grossartig, dass er fast 40 Jahre nach seinem Tod noch immer so berühmt ist», sagt Eugene Chaplin über seinen Vater Charlie.

Er fühlt sich eher als Schweizer denn als Brite. «Schliesslich habe ich mein ganzes Leben lang hier gelebt», sagt Eugene Chaplin, der Sohn des legendären britischen Komikers Charlie Chaplin. Inzwischen ist er 62 Jahre alt – er war der erste Spross der gros­sen Chaplin-Familie, der auf Schweizer Boden geboren wurde (rechts). Die Kindheit verbrachte Eugene gemeinsam mit seinem berühmten Vater, seiner Mutter Oona und sieben Geschwistern im Manoir de Ban in Corsier-sur-Vevey VD. Das Gutshaus mit dem grossen Park, in dem sie zusammen spielten, beherbergt seit Frühling dieses Jahres ein Museum: «Chaplin’s World» steht Gästen aus der ganzen Welt offen, die einen Einblick in das Leben und Schaffen des Filmstars erhalten möchten.

Ist es nicht schwierig mitanzusehen, wie aus dem ehemaligen Zuhause ein Museum wird? Eugene Chaplin, der das leicht verstaubt klingende Wort nicht mag, verneint. «Chaplin’s World eignet sich sehr gut für Familienausflüge», betont er. Wichtig sei vor allem, dass der Geist seines Vaters gut dargestellt werde. «Es ist schon grossartig, dass er fast 40 Jahre nach seinem Tod noch immer so berühmt ist.»

Eugene Chaplin beteuert, in seiner Kindheit nie unter dem Ruhm seines Vaters gelitten zu haben. «Ich war mir seiner Bedeutung damals gar nicht wirklich bewusst – ausser auf Reisen im Ausland: wenn wir nie Schlange stehen mussten.» Dank der Diskretion der Schweizer habe er lange in einer Art Seifenblase gelebt. «Ich ging in Corsier zur Schule und wurde behandelt wie alle anderen Kinder.»

Vom Rampenlicht hat sich Eugene Chaplin allerdings nie ­angezogen gefühlt – im Gegensatz zu seinen Geschwistern, die sich alle ­irgendwann einmal als Schauspieler versuchten. «Ich habe schnell erkannt, dass mir die Begabung dafür fehlt», erklärt er. Die Schauspielergene hat er vom Vater zwar nicht geerbt, dafür aber die Leidenschaft für das Zirkuszelt, genauer: die Zirkuskulissen. «Auch mein Vater liebte diese Welt. Wir waren früher regelmässig im Zirkus.» Darin findet Chaplin seine Liebe zur Musik und seine Affinität fürs Visuelle vereint. «Es ist eine universelle Kunst, die jeder verstehen kann, egal, welche Sprache er spricht.»

Viele Jobs, interessante Begegnungen

Eugene Chaplin ist als Jurymitglied mehrerer internationaler Zirkusfestivals tätig und dafür weltweit unterwegs, von China über Russland bis Kanada. Von 2003 bis 2009 tourte er durch die Schweit: als Regisseur – sein ursprünglicher Beruf nach einer Ausbildung an der Londoner Royal Academy of Dramatic Art – und stellvertretender künstlerischer ­Direktor des Circus Nock. Ein Job, zu dem er mehr oder weniger zufällig über eine Bekanntschaft gekommen war. «So funktioniere ich: Ich lasse mich von Gelegenheiten leiten.»

Eugene Chaplin hat in seinem Leben ganz unterschiedliche Berufe ausgeübt, war etwa Antiquitätenhändler und Betreiber eines Videogeschäfts. Zu besonders interessanten Begegnungen kam es, als er im Aufnahmestudio des Casino Montreux als Toningenieur arbeitete. Seine ersten Kunden: die Rolling Stones! «Sie blieben fünf Monate. Das war eine tolle Zeit; es fehlte nie an Geld.» Auch mit vielen Jazzkünstlern hatte er zu tun. «Heute liebe ich Jazz und bedaure, dass ich mit den Musikern damals nicht intensiver ins Gespräch kam. Aber ich hörte halt eher Rockmusik.»

Im Jahr 2002 realisierte er einen Dokumentarfilm über den berühmten Vater, um dessen Image ein wenig zu korrigieren. «In einigen Beiträgen wurde mein Vater als schwieriger Charakter beschrieben. Doch in meiner Erinnerung war er ein ganz anderer Mensch.» Genauso witzig wie die Figur des Tramp? «Er spielte nicht den ganzen Tag lang den Clown – nur dann, wenn eine Kamera auf ihn gerichtet war. Und natürlich gab es auch Momente, in denen er mit der Faust auf den Tisch schlug. Für mich war er halt ein Vater.»

Inzwischen ist Eugene Chaplin selbst Vater von sieben Kindern – darunter Schauspielerin und Model Kiera Chaplin und Malerin Laura Chaplin. Seine Zwillinge sind gerade mal neun Jahre alt. Seine Geschwister sieht er regelmässig, «Aber wir sind eine grosse Familie, da ist es manchmal schwierig, alle zusammenzubringen.» Auch die Entscheidungsfindung zu acht ist gelegentlich eine Heraus­forderung. So wurde die Eröffnung von Chaplin’s World erst nach ­etlichen langen Diskussionen ­beschlossen. «Wir haben zwar ­dieselben Eltern, aber sehr unterschiedliche Meinungen.»

Charlie Chaplin mit seinen Kindern Michael, Josephine und Eugene (vorne) in den 50er-Jahren.
Ein Bild aus Kindertagen: Charlie Chaplin mit seinen Kindern Michael, Josephine und Eugene (vorne) in den 50er-Jahren.

Charlie Chaplin mit seinen Kindern Michael, Josephine und Eugene (vorne) in den 50er-Jahren.

Autor: Tania Araman

Fotograf: Mathieu Rod