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11. Januar 2016

Chancen und Risiken von Multikulti-Klassen

Die Sprache als Hürde oder Gewinn, Nutzen oder Last verschiedener Kulturen und unterschiedlich bildungsnahe Eltern: Wie bewerten Sie die spezielle Situation von Klassen mit einer Mehrheit an fremdländischen Schülern?

Konzentriertes Lernen in der Klasse 6a
Konzentriertes Lernen in der Klasse 6a im Könizer Hessgut, wo auf 21 Schüler 16 Nationen und bloss drei Schweizer Kinder treffen.

Kinder mit ausländischen Wurzeln gibt es in praktisch allen Schweizer Schulklassen, auch wenn keine durchmischter daherkommen dürfte als die 6a im Könizer Hessgut mit 16 Ländern auf 21 Kinder.
Gerade in grösseren Agglomerationsgemeinden, aber auch in zentralen Stadtkreisen von Basel oder Bern bis Winterthur und Zürich sehen sich Schüler(innen), Eltern und Lehrkräfte regelmässig mit einem Anteil von um oder über die Hälfte an fremdländischen Kindern konfrontiert. Daraus ergeben sich ein paar spezielle Vor-, aber auch Nachteile im Schulalltag und der Entwicklung.

Arbeiten mit dem Computer
Arbeiten mit dem Computer sind hier alle 12-jährigen bereits gewohnt.

Migrosmagazin.ch nennt fünf Themengebiete, die Multikulti-Klassen am stärksten von Klassenverbänden mit über 80% Schweizer Kindern unterscheiden – mit jeweils möglichen positiven wie auch den negativen Konsequenzen.
Nun sind Sie als Eltern oder Lehrer(innen) gefragt: Bei welchem Thema sind für Sie die Vor- oder Nachteile grösser? Oder haben wir gar etwas Wichtiges vergessen? Verraten Sie es unten in einem Kommentar.DIE SPRACHE

Vorteil: Haben die Kinder die hiesige Leitsprache (Deutsch, in der Romandie Französisch usw.) einmal sehr gut gelernt, bereichern die von Hause mitgebrachten Kenntnisse der Muttersprache die Sprachkompetenz und das Sprachgefühl zusätzlich.

Nachteil: Der Lernprozess für den Frontalunterricht oder überhaupt jegliche parallel mit allen Schülern gestaltete Schulzeit wird umständlicher und für die Lehrkraft wie auch die Kinder (Geduld bei Vorsprung oder Rückstand auf den Durchschnitt) schwieriger.
DIE KULTUR

Vorteil: Die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen bereichert die Einheimischen wie auch die Kinder mit ausländischen Wurzeln, wenn die Unterschiede dank Offenheit der Kinder und geschicktem Thematisieren durch Lehrer(innen) genutzt werden können.

Nachteil: Verfügen die Kinder in der ersten Schulzeit nicht über einige gemeinsame Vorstellungen, benötigt das Zusammenleben und das Lernen mit- oder nebeneinander viel mehr Regeln – und grössere Durchsetzungsfähigkeit der Lehrkräfte.
DIE SOZIALKOMPETENZ

Vorteil: Kinder lernen einige Bereiche des Zusammenlebens bewusster, wenn anfangs grössere Unterschiede zwischen sehr zurückhaltendem, kommunikativem, vielleicht auch mal speziellem Sozialverhalten nebeneinander existieren. Sie hinterfragen Gruppenbildungen oder Einzelgängertum schneller, wenn es auch mit verschiedener Herkunft verknüpft ist.

Nachteil: Die Widerstände, die es für die wichtigsten Schritte gegenseitigen Respekts, bisweilen gar für Zusammenarbeit braucht, gestalten sich eine gute Weile lang sicher grösser als in homogeneren Klassen.
DIE LEISTUNGSBEREITSCHAFT

Vorteil: In sehr heterogenen Schulklassen werden häufiger Unterschiede in der Motivation festgestellt. Keineswegs immer sind dabei seit mehreren Generationen in der Schweiz Ansässige voraus, öfters sind Immigrantenkinder zuerst einmal mehr bereit zu investieren.

Nachteil: Zeigen sich allerdings nicht bald positive Früchte anfänglicher Lernbereitschaft, kann sich bei Kindern aus fremden Ländern und Kulturen oft schneller ein «Ablöscher» einstellen: Mein Engagement zahlt sich nicht aus, wird nicht wahrgenommen. Ich habe eh keine Chance ...DIE ELTERN

Vorteile: In Ortschaften und Quartieren mit positiver Energie unterstützen Eltern einander eher, bringen Verständnis füreinander auf und achten auf wertvolle Kontakte der eigenen Kinder mit dem Nachwuchs, der einen ganz anderen Hintergrund mitbringt.

Nachteile: Besteht ein reines Nebeneinander ohne gelebte Kontakte im Wohnumfeld, werden die Eltern zu reinen Einzelkämpfern für ihre Kinder.
Überhaupt schwierig wird es, wenn ausländischen Eltern entweder überhaupt die Bereitschaft und das Interesse für die Schule fehlt. Vor allem, wenn sie sprachlich kaum mit der Lehrerschaft und/oder anderen Eltern kommunizieren können.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Beat Schweizer